Geſchichte
Preuſſens,
von den aͤlteſten Zeiten bis
zum Untergange der Herrſchaft des Deutſchen Ordens,
von
1441 bis zum Tode des Hochmeiſters wig von Erlichshauſen 1467.
Koͤnigsberg, im Verlage der Gebrüder Borntraͤger.
1838.
a ..
Kap I.
Wahl Konrads von Erlichshauſen zum Hochmeiſter . 1 Ausgleichung mit dem Deutſchmeiſter 6 Landeshuldigung G ee e 8 ee zu e er 10 Bauernaufruhr im Ermland „ 13 Gunſtbezeugungen des Hochmeiſters gegen Lande und Staͤdte Verhältniſſe zu den Nachbarfurſte n 23 Verhaͤltniſſe zu Daͤnemark „„ en 26 Tagfahrt zu Elbing. a d e . Verhandlung wegen der Zoͤlle - * Verhandlung wegen des eee 41 Verhandlungen in auswärtigen Verhältniſſen . . 46 Verhandlungen über den Pfunden 30 Einigung uͤber den Dundee r 53 Handelsverhaͤltniſſe E Wr a en eh 55 Streit wegen der Neumark. 57 Ausgleichung mit dem Kurfürften von Brandenburg wegen
der Menne eee e eee ee e eee . 50 Verſuch zur Aufiöfung des Bundes . 64 Verhandlungen mit den Nachbarfuͤrſten . 66 Unzufriedene Stimmung im Lande
. . . * 5 2 A
. * . * 9 0 * * 70 Verhaͤltniſſe zum Kurfürften von Brandenburg.. . 72
Landesordnung 1 nn 75 Streit mit Kulm und Thorn wegen des Pfundzolles . 77 Verhaͤltniſſe mit Holland. ED TRUE
II
In halt
Ausgleichung mit Herzog Heinrich von Meklenbung -» Neuer Streit mit dem Kurfuͤrſten von Brandenburg Der Papſt und der Orden Der Hochmeiſter und die Skede — Verhaͤltniſſe des Ordens zu Litthauen und Polen Verhaͤltniſfe des Ordens zu Pommern Verhaͤlrniſſe des Ordens zum Kurfuͤrſten von Brandenburg Verſuch zur Kuftöͤſung des Bundes Verhaͤltniſſe zum Roͤmiſchen Könige gg Verhandlungen wegen des Ablaßgeldess Finanzbedraͤnggiſſe Des o ee en Handelsverhäliniiie mit dem Auslande Innere Landesverwaltung JJC ²˙ ¹ GL a Innere Ordensverhaͤltniſſ Streit wegen des Deutſchmeiſter ss Verhandlungen mit dem Kurfürften von Brandenburg. Verhaͤltniſſe des Hochmeiſters zu den Herzogen von Pommern + Verhoͤltniſſe des Hochmeiſters zum Koͤnige von Polen Kriegshuͤlfe nach Livland. Oldens kapitel! zii che = rennen Innere Ordensdifiplin 0 nennen Verhoͤltniſſe des Ordens zum Koͤnige von Polen Verhaͤltniſſe des Ordens zum Könige Erich von Dänemark . Verhäaͤltniſſe zu Daͤnemark und Schweden Verhandlungen wegen Ablaß geld ee Verhandlungen wegen. Ablaßgeld und Peterspfennig - Verhandlungen mit dem Biſchofe von Ermland Handelsverhaͤltniſſe im Lande und mit dem Auslande Handelsvertrag mit Holland ahn Handelsverhaͤltniſſe mit England Verhandlungen mit den Koͤnigen von Daͤnemark und Schweden Verhoͤltniſſe zu Polen Verhaͤltniſſe zu dem Kurfürſten von Brandenbug » » Kaspar von Sendung oo ee ne ® Schluß des Streites mit den Holländern, Seelaͤndern und
Fries künden e FE eee Verhandlungen wegen der Statuten Werners von Orſeln . Innere Landes verhaͤltniſſ u Konrads von Erlichshauſen Krankheit und Tod Konrads von Erlichshauſen Verdienſte ®
SE 2. II
Kapitel II. Seite Satzungen der Gebietign e 199 Verhandlungen wegen des Jubeljahres 4 „202
Wahl des Hochmeiſters Ludwig von Erlichshauſen 204 Verhandlung wegen der Huldigung
205
Tagfahrt zu Elbing 207 Huldigung. 211 Der Biſchof von Ermland ond da Deufümeiter 212 Auswärtige Verhaͤltniſſe . » A 9 . 214 Innere Verhaͤltniſſe „219
Der paͤpſtliche Legat Ludwig Biſchof ve von Silvcs A u RN) Dag fahrt zu Sing 223 ieee ß „§«&2232 Die Eidechſen-Ritter . „ „„ „ Neue Gaͤhrung im Lande N 6 Spaltung im Bunde 239 Verhandlungen mit den Verbuͤn deten . 241 General Kapitel zu Marienburg 250 Verhandlungen mit den Staͤnden . 254 Steigende Gaͤhrung der Parteien Weesen ass Sendung anden ier 271 Verhandlungen vor dem Kaiſe r 276 Umtriebe und Bewegungen der Parteien im Sande . 281 Streit wegen Schoß⸗Erbe bung „ 2 Annaͤherung des Bundes an Polen . . 293 Sgofab zu ede 296 Neue Umtriebe der Verbändeten . 299 Geſandtſchaften an den Kaiferbof b... 02 Drohende Bewegungen im Lande . 308 Tagfahrt der Verbündeten in Graudenz . . 312 Ausbruͤche der Parteiwut hh 316 Hans von Baiſen als Bundeshaupt 2.
Kapitel im.
Rechtsſtreit vor dem Kaiser Rechtsſpruch des Kaiſer s. Steigende Gaͤhrung im Lande Verbindung des Bundes mit Polen
Steigende Erbitterung der Verbündeten Friedensverſuch des Hochmeiſters
e e eee e
ee ee re gr
vIII Inhalt.
Kriegeriſche Stellung des Bundes gegen den Orden. Abfall der Verbündeten vom Orden Einnahme von Thorn ei Einnahme der Ordensburgen u die Verbuͤndeten Bedrängniß des Ordens l = Unterwerfung der Verbündeten au die Herrſchaft polens . Belagerung des Haupthauſes Marienbu g Bemühungen des Hochmeiſters um fremde Beihuͤlfe Der König von Polen in Preuſſetn rn Belagerung Marienburgg gs Tagfahrt zu Graud enn Stuhms Verlu t... 33 Kämpfe vor Marienburg mit den Danzigern ee e e Wiedergewinn eines Theils e eee Anzug der Soͤldner nach Preuſſen o » n Verſchreibung des Hochmeiſters an die Soldner a e Neuer Einfall des Koͤniges von Polen ins Ordensgebiet Abzug des Koͤniges von Polen aus Preuſſen 2. Bedrängniffe des Ordens durch die Soͤldner 0.
Priegsereigniſſe eg » — Ergebung Koͤnigsbergs und anderer Staͤdte im diaet. an den Orden e en
Die Verbuͤndeten in der Reichsacht SF e Verhandlungen mit Brandenburg und Daͤnemark . Verhandlungen mit dem Kurfuͤrſten von Brandenburg. Ergebung der Städte im Hinterlande « Vermittlungs-Verſuche des Kurfürften von Brandenburg zwiſchen Polen und dem Hochmeiſter * Neuer Kriegszug des Königes von Polen ins Kulmerland 4 Bedraͤngniſſe durch die Soͤldne r Fortſchritte der Ordensſacghgßh ee Bedraͤngniß des Ordens durch die Soͤld ner Steigende Verwirrung im Lande ee des Ordens durch die Soͤldnee Verhandlungen wegen Verkauf des Landes Unterhandlungen mit den Soͤldnern wegen Verkauf des Landes Unruhen in Thorn, Kulm ee. Verhandlungen mit den Soͤldnern wegen Verkauf des Landes. Verkauf des Landes an den Koͤnig von Polen Aufruhr zu Thorn und Danzig
Inhalt.
Aufruhr zu Danzig Verhandlungen mit den Soͤldnern - Hülfiofigfeit des Hoch meiſters und des 0
Georg von Schlieben im Zwiſt mit dem Orden
Letzte Hoffnung auf Hülfe für den Orden Kulmiſche Biſchofswahlßl h Einzug des Koͤniges von Polen ins Land - Beſetzung Marienburs « Auszug des Hochmeiſters aus Marlenburs
Kapitel IV.
Einzug des Koͤniges von Polen in Marienburg
Stand der Verhaͤltniſſe im Lande
Wiedergewinn der Stadt Marienburg Kaͤmpfe um Marienburg .
*
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Kriegsfehden um Marienburg und im Indern des Lander Marienburgs Belagerung durch den Koͤnig von Polen Waffenſtillſtand zwiſchen Polen und dem Orden
Streit wegen der Biſchofswahl im Ermland Friedensverſu chte , Streithaͤndel waͤhrend des Veifriedens . Kriegshaͤndel nach dem Waffenſtillſtande - Linge 8 Waffenſtillſtand mit Maſoviensn Hanſens von Baiſen Tod Friedensverſu che Marienburgs Belagerung .
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Marienburgs Uebergabe an den Koͤnig von Polen
Webiau's Uebergabe an den Orden Kriegs- und Raubfehden Planloſes Kriegsgetuͤmmel - Unordnung und Zuchtloſigkeit im Lande Traurige Lage der Biſthuͤmer - Planloſes Kriegsgetuͤmm el Neuer Kriegszug des Koͤniges Braunsbergs Befreiung Unzufriedenheit der Staͤnde mit dem Könige Tagfahrt zu Elbing Kriedensverſuche und Kriegsfehden Kriegsfehden vor Frauenburg und Braunsberg
*
*
11
Inhalt.
Schlacht im Putziger Winkel oder bei Zarnowitz Ungluͤckliche Kriegsfehden für den Orden Friedensverſu chte - Die Tagfahrt zu Bee - oe 00. Berrätherei in Danzig Belagerung der Stadt Metttte . Waffenſtillſtand Bernhards von Zinnenberg mit Polen Uebergabe von Merten Stellung der Soͤldnerhauptleute zum Orden Unterwerfung des Biſchoſs von Ermland unter Polen Friedensverhandlungen auf dem Tage zu Thon Belagerung Neuen burn
Uebergabe Neuenburgs an den Koͤnig von Polen Neue Bedraͤngniſſe des Ordecnn s Tagfahrten auf der Friſchen Nehring Belagerung von Stargard unglückliche Ereigniſſe für den Orden Friedensverhandlung zu Thorn Friedensſchluß zu Thorn Kriegsopfer „ „„ 2 Ausführung des Srtdenütufee ee Tagfahrt zu Clbing » Se Tod des Hochmeiſters abc, 2 Eilichshauſen 8 3
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Verbeſſerungen zur Geſchichte Preuſſens.
Achter Band.
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Wartenberg Rieſenburg, dann Dirſchau Aufbringen der beſtieg er
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Auguſtin von Trotzler Krügers
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Stargard zurück
Wahl Konrads von Erlichshauſen zum Hochmeiſter. (1441.)
Erſtes Kapitel.
Es war kein Unglück für Preuffen, daß der Hochmeiſter Paul von Rußdorf der Verwaltung entſagte und bald darauf durch den Tod vom Schauplatze der Ereigniſſe hinweggerufen ward, denn es war eine Aufgabe zu löfen, der er, wie er auch noch in der letzten Zeit bewieſen, keineswegs gewachſen ſchien. Alles ſtand wie im Orden, ſo im Lande in voller Zwietracht und wildem Zerwürfniffe da. Die Spaltung in jenem war durch die Verhandlung zu Danzig nicht nur nicht ausgeglichen, ſon⸗ dern der Deutſchmeiſter kehrte mit vermehrtem Grolle nach Deutſchland zuruͤck. Auch mit dem Meiſter von Livland ge⸗ lang keine Suͤhne. Es war nicht abzuſehen, wohin die Erbit⸗ terung der Parteien noch führen werde. Daneben ſtanden Lande und Städte in ihrem Bunde vereint zuſammen, im vollen Bewußtſeyn ihres Rechtes und ihrer Kraft, feft entſchloſſen, auf ihrer Bahn fortzuſchreiten und ihrer Eidgenoſſenſchaft neue Gewaͤhr und Feſtigkeit zu verschaffen. Kulm und Thorn hatten daher noch in Pauls von Rußdorf letzter Zeit insgeheim eine Geſandtſchaft an den Röm. Koͤnig Friederich mit der Bitte um Beſtaͤtigung ihres Bundes ausgefertigt und es gluͤckte die ſer, im Anfange des Februars des Jahres 1441 ein koͤnigliches Diplom auszuwirken, wodurch der Bund und deſſen Erwei⸗ ei mit ſeinem Zwecke, jedem Bedraͤngten und Bedruͤckten III. 1
2 Wahl Konrads v. Erlichshauſen zum Hochmeiſter. (1441.)
ſeine Rechte, Freiheiten und Privilegien aufrecht zu erhalten und gegen Gewalt und Unrecht zu ſchüͤtzen, vom Könige ſelbſt gut geheißen, beſtaͤtgt und ausdruͤcklich erklaͤrt wurde, daß alle, welche ſich bereits mit den genannten Staͤdten verbunden oder noch verbinden wurden, die vom Koͤnige ertheilte Freiheit und Gnade genießen und daran ſie nichts in irgend einer Weiſe irren oder hindern ſolle; jedoch erhielten ſie daneben auch die Weiſung, daß ſie dem Hochmeiſter und ihren Obern nach In⸗ halt ihrer Privilegien alles leiſten und thun ſollten, was ſie ihnen von Rechts wegen ſchuldig ſeyen. Alle geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten und Staͤnde des Reiches wurden gewarnt, die Verbündeten im Genuſſe der ihnen ertheilten Bewilligung, Gnade und Erlaubniß irgend wie zu irren, zu bedraͤngen oder zu beſchweren.) Wie die Sendboten dieſes für die Verbuͤnde⸗ ten höchft wichtige Diplom erlangt hatten, wußte keiner, ſelbſt der König nicht, wie er ſpaͤter erklaͤrte. Allein ſchon daß es vorhanden war, gab dem Selbſtvertrauen der Bundgenoſſen neue Feſtigkeit und ihrem Weiterſtreben neuen Schwung. Zwar unterließ auch der Orden nicht, um des Roͤm. Koͤniges Gunſt zu buhlen; allein es brachte wenig Erfolg, daß der Statthalter des Hochmeiſters Nicolaus Poſtar, Komthur zu Danzig,? durch eine Botſchaft Friederichen im Namen des Ordens zu ſeiner Erhebung Gluͤck wuͤnſchen, ihm des Ordens Freude bezeugen und um ſeine Huld und Gnade fuͤr den⸗ ſelben bitten ließ.“
1) Das Original des koͤn. Beſtätigungsbriefes, d. Montag nach unſer I. Frauen⸗Tag Purif. 1441 mit dem koͤnigl. Siegel im Raths⸗ Archiv zu Thorn, gedruckt in Preuſſ. Samml. B. II. S. 348, Baczko Geſch. Preuſſ. B. III. S. 373. Dumont T. III. 1. Pp. 181; vergl. Chmel Regeſten d. Roͤm. Koͤniges Friederich P. 23. Liuinig Spicileg. Eecles. Reichsarchiv des D. O. 34 — 36. Aeneas Sylvius Commen- tar. ſagt: Fridericus quoque imperator eidem federi robur adliecit, cautione tamen inserta, ne per suas litteras ins religionis lederent,
2) Vgl. oben B. VII. S. 786. Jaenichit Meletemata Thorunen- sia T. II. p. 224,
3) Schr. des Statthalters an den Roͤm, König o. D. (1441) Schbl. IV. 155.
Wahl Konrads v. Erlichshauſen zum Hochmeiſter. (144 1.) 3
Da traten Lande und Städte mit den vornehmſten Ge⸗ bietigern, bevor noch ein neuer Meiſter an ihrer Spitze ſtand, zu einer Tagfahrt zuſammen, denn ſowohl die aͤußern als in⸗ nern Verhaͤltniſſe des Landes forderten jetzt nothwendig ein thätiges Eingreifen in die Verwaltung. Es ward zuvoͤrderſt eine Botſchaft nach Kampen ausgeſandt, um dort auf einem bereits früher anberaumten Tage mit den Sendboten von Hol⸗ land und Seeland die Mißßhelligkeiten wegen Vergütung für bedeutende durch die Hollaͤnder erlittene Verluſte, beſonders für die früher weggenommenen Preuffifchen und Livlaͤndiſchen Schiffe auszugleichen; allein da die Hollaͤnder den verlangten Schadenerſatz zu hoch fanden, ſo blieb die Verhandlung erfolg⸗ los; es ward ein neuer Tag nach Pfingſten aufgenommen. )
rt auch des Landes innere Ver⸗
haͤltniſſe reichen Stoff zur Berathung dar. Derſelbe Geiſt, der im weſtlichen Preuſſen die Ritterſchaft und die Städte zu einer undeseinigung getrieben und bereits auch in Llvland zu aͤhn⸗ lichen Erſcheinungen führte, indem auch dort die Städte zu kraͤfttgerem Entgegenwirken gegen den Orden den Landesadel an ſich zogen und auf Tagfahrten ſich mit ihm über beiderſei⸗ tige Intereſſen verſtaͤndigten, ) regte auch im oſtlichen Preuſſen, wo bis jetzt das Bundesintereſſe ſich noch wenig wirkſam ge⸗ zeigt, hie und da allerlei unruhige Bewegungen an. Im Kom⸗ thurbezirke von Balga, in den Gebieten von Woria und Eilau und im Brandenburgiſchen waren die Freien im Streite daruber, ob man den Bundesbrief mit beſiegeln ſolle oder nicht; einige
1) Bericht der Sendboten, des Vogts von Brathean Friederich von
Nickeritz, u. a, aus Kampen Mont. nach Palmar. 1441 Schbl. XXXIIII. 28. Die ſpeciellen Verhandlungen in einem Recessus Ambassiatorum in Campen in KHanfatt, Receſſ. VI. 484 u. f. Die Preuſſ. Sendbo⸗ ten verlangten 42,000 Pfund Groſchen als Schadenerſatz.
2) Schr. des Livland. Meiſters an d. Ordensmarſchall Konrad von Erlichshauſen, d. Riga am T. Prifch 1441 Schbl. IV. 40. Die Staͤdte hatten beſonders die Abweſenheit des Meiſters in Preuſſen benutzt, um die Ritterſchaft an ſich zu ziehen und Tagfahrten zu hal⸗ ten. Kotzebue B. IV. 260,
1*
Wahl Konrads v. Erlichshauſen zum Hochmeiſter. (1441.)
erklärten ſich dafür, andere widerſtrebten, viele ſtanden noch unentſchloſſen und ſchwankend da, alſo daß in der Verwirrung der Meinungen ſich noch kein gemeinſamer beſtimmter Wille kund gab. ) Ungleich entſchiedener trat jedoch im Stiſtsgebiete der Domherren von Frauenburg, beſonders in der Gegend von Melſack, das Landvolk einer Anzahl von Dörfern, mit feinen Schultheißen an der Spitze, durch Verweigerung aller Schaar⸗ werksdienſte ſeiner Obrigkeit entgegen, denn auch hier hatte der Funke des freien Geiſtes ſchon in der Bruſt des Landmannes gezuͤndet und trieb bald weiter zu wichtigen Ereigniſſen.“ Mittlerweile war die von den oberſten Gebietigern zur neuen Meiſterwahl beſtimmte Zeit herangeruͤckt. Die beiden Meiſter von Deutſchland und Livland, Eberhard von Saunß⸗ heim und Heidenreich Finke von Overberg, hatten der Einla⸗ dung nur erſt dann folgen wollen, als ihnen und den Ihrigen in dem aufgeregten und durch Zwiſt entzweiten Lande völlige Sicherheit verbuͤngt war, ein Beweis, wie ſtark noch immer Groll und Parteiung unter den Ordensrittern obwalteten. ® Erſt nachdem ſie ſich durch Botſchaften unter einander ver⸗
1) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Eilau Donnerſt. vor Judica 1441. Schbl. LXXVI. 61.
2) Daß ſchon im Anfange des Jahres 1441 aufruͤhreriſche Bewe⸗ gungen im Bauernvolke um Melſack im Schwange waren, bezeugen Berichte des Biſchofs und Domkapitels von Ermland.
3) Ueber das Mißtrauen gegen die Ordensgebietiger in Preuſſen Schr. des Livl. Meiſters an d. Ordensmarſchall a. a. O.
4) Schr. des Ordens marſchalls an d. Statthalter, d. Koͤnigsberg Sonnab. vor Judica 1441 Schbl. IV. 40. Mit dem Deutſchmeiſter tamen die Komthure Joſt von Venningen zu Mergentheim, Albrecht Fortſch zu Frankfurt, Johann von Nippenburg zu Heilbron u. a.
Wahl Konrads v. Erlichshaufen zum Hochmeiſter. (14410 5
der Grundſaͤtze, Entſchiedenheit der Geſinnung und des Han⸗ delns, ſondern zugleich auch mit umſichtiger Maͤßigung, kluger Schonung und ruhiger Beſonnnenheit in den Sturm der Be⸗ wegungen einzugreifen und uͤberall, in den wilden Parteiungen des Ordens, wie in den politiſchen Wirren des Landes ſtets ſeinen Mann zu ſtehen. Als einen Mann ſolches Geiſtes hatte ſich bisher immer ſchon der Ordensmarſchall Konrad von Er⸗ lichshauſen hervorgethan; auf ihn fiel daher auch einſtimmig die neue Meiſterwahl. ) Aus einem alten, edlen Hauſe im Frankenlande im Landgebiete von Ottenwald entſproſſen, wo das Geſchlecht der Erlichshauſen oder Elrichshauſen ſchon ſeit Jahrhunderten blühte, 2 nennt ihn die Chronik einen ſchoͤnen, anſichtigen Mann mit gelbem Flachshaare und kurzem Bart, gottesſürchtig und fromm, einen Friedensfuͤrſten in ſeiner Ge⸗ finnung. 9 Manches Amt ſchon hatte ihn erprobt und eine reiche Erfahrung in den Verhaͤltniſſen feines Ordens lag in ſeinem Geiſte. Drei Jahre, von 1415 bis 1418, war er als Kompan im Dienſte des Hochmeiſters Michael Küchmeiſter von Sternberg und dann als Vogt in das Amt Roggenhauſen ver⸗ ſetzt worden, welches er bis zum Jahre 1421 verwaltet. In den naͤchſten Jahren erſcheint er als Komthur von Ragnit, wo er dem Amte in ruͤhmlicher Verwaltung bis gegen Ende des Jahres 1432 vorſtand. Der Ruf ſeines frommen und recht⸗
1) Regiftrant VII. p. 1. X. P. 1. Fol. A. p. 16, wo überall auch die Einſtimmigkeit der Wahl bezeugt wird. Schütz p. 145. Auch uͤber den oben angenommenen Wahltag kann nach dieſen Quellen kein Streit mehr ſeyn; vgl. Kotzebue B. IV. 261. Index corporis hi- Storico - diplom. Livoniae T. I. 315, Die Ordens⸗Chron. p. 179 giebt den 3. April, Mittwoch zu Oſtern als Wahltag an.
2) Hellbach Adels⸗Lexicon B. I. 327. Auch in Urkunden wech⸗ ſelt die Schreibart Erlichshauſen, Erlingshauſen und Elrichshauſen. Nach Gauhe Adels- Lexicon B. I. 370 kommt ſchon im J. 942 die Familie von Erlichshauſen unter den Turniergenoſſen zu Rothenburg vor.
3) Alte Preuf. Chron. p. 46. Ordens⸗Chron. p. 179.
4) Die Nachweiſe in Urkunden und Briefen Schbl. IIV. 19. XVII. 67. Aeinterbuch p. CXXII. u. in fine.
6 Ausgleichung mit dem Deutſchmeiſter. (1441.)
ſchaffenen Lebens bewog ſchon damals die Bruͤderſchaft der Pfarrer von Samland, ihn des Gnadenheiles ihrer Meſſen und aller gottesdienſtlichen Uebungen theilhaftig zu erklaͤren.) An⸗ derthalb Jahre ul er darauf die Wuͤrde des Großkom⸗ thurs und trat endlich im April 1434 in die Verwaltung des Ordensmarſchall⸗Amtes ein, verwaltete es aber nur bis zum November 1436, worauf er in ſchnellem Wechſel zuerſt als Komthur nach Althaus und dann im Jahre 1437 nach Thorn verſetzt ward, bis er im Anfange des Jahres 1440 zum zwei⸗ tenmal als Ordensmarſchall ſchon kraͤftig und entſchieden in die Verhaͤltniſſe der ſtuͤrmiſchen Zeit mit eingriff.
In dieſen Aemtern hatte Konrad von Erlichshauſen Zeiten durchlebt, in denen es ſeinem Geiſte bei dem Hinblicke auf die ungluͤckſeligen Ereigniſſe nicht ſchwer werden konnte, jetzt aufs klarſte zu erkennen, was in ſeiner hohen Stellung als Meiſter und Landesfuͤrſt zu thun und zu laſſen ſey. Er faßte vor allem zwei Geſichtspunkte feſt ins Auge, die zunaͤchſt die Ziele ſeiner ganzen Thaͤtigkeit ſein mußten, wenn eine gedeihliche Zeit fuͤr den Orden und das Land herbeigefuͤhrt werden ſollte. Der eine, die Ausgleichung der heilloſen und grundverderblichen Zwietracht und Spaltung im Orden, war das Erſte, was er in ſeinem neuen Amte mit ernſtem Eifer erſtrebte, und die An⸗ weſenheit der beiden Meiſter von Deutſchland und Livland bot hiezu hoffnungsvolle Ausſichten. Schon wenige Tage nach der Hochmeiſterwahl ließ ſich der Deutſchmeiſter bereitwillig finden, im voraus zu verſprechen, daß er mit allen ſeinen Gebietigern den Rechtsausſpruch eines von einer gewiſſen Anzahl von Or⸗ densgebietigern entworfenen ſchiedsrichterlichen Anlaſſes im Streite uͤber die Statuten Werners von Orſeln gut heißen und unver⸗ bruͤchlich und kraͤftig aufrecht halten wolle.) Der Hochmeiſter
1) Urkunde der Bruͤderſchaft der Pfarrer in Samland, d. am T. Matthaͤi 1428 Schbl. LXVII. 67.
2) Am Dienſt. nach Quaſimodogen. 1434 trat er zum erſtenmal das Ordensmarſchall⸗Amt an; die Amtsuͤbergabe Schbl. LXII. 44; vol. oben B. VII. S. 728. 755. 765.
3) Urk. des Deutſchmeiſters, d. Mar. Oſterdienſtag 1441 Schöbl.
Ausgleichung mit dem Deutſchmeiſter. (1441.) 7
ſelbſt hatte ſich mit den Gebietigern dahin geeinigt: er wolle Heidenreich Finke von Overberg als Meiſter von Livland foͤrm⸗ lich betätigen; es follte ein Obmann ernannt werden, zu wel⸗ chem der Hochmeister drei feiner Gebietiger, desgleichen jeder der beiden Meiſter ſeine Bevollmaͤchtigten nach Frankfurt a. d. O. zu einem Rechttage ſenden ſolle, um ſich da nach Laut des Anlaſſes über einen Rechtsſpruch zu vereinigen. um die Ausgleichung zu erleichtern, wurden vom Hochmeiſter gewiſſe Statuten entworfen, wonach insfünftige jeder Meiſter von Liv⸗ land in ſeiner Amtsverwaltung, beſonders zur Herſtellung ſtren⸗ gerer Ordnung und Zucht unter den Ordensbruͤdern, verfahren ſollte, um vor allem auch aller Parteiung und aͤrgerlichen Spal⸗ tungen im Orden vorzubeugen. >) Noch vor dem Tage zu Frankfurt aber erklaͤrte der Hochmeiſter nach vielfachen Bera⸗ thungen mit dem Deutſchmeiſter, der bis in die Mitte des Sommers in Marienburg verweilte, in Uebereinſtimmung mit feinen Gebietigern: er nehme zur Vermeidung aller fernern Zwietracht und Spaltung im Orden die Statuten Werners von Orſeln unverändert und ohne weiteres an und verſpreche mit allen ſeinen Gebietigern in Preuſſen, ſie mit Kraft auf⸗ recht halten und ihrem Inhalte nachkommen zu wollen zu allen Zeiten, es ſey denn, daß er mit den jetzigen oder kuͤnftigen Meiſtern von Deutſchland und Livland zu Rathe würde, fie in irgend einer Weiſe zu verändern oder überhaupt es damit an⸗
99. 16. IV. 41 Abſchrift). Anlaß war entworfen vom Reuß von Plauen Komthu zu Mergentheim u. a.
Jaeger Cod. diplom. O. T. s. h. a. Der Treßler Johann von Remchingen, Heinrich r zu Balga, Joſt von Venningen Komthur Der Deutſchmeiſter verſpricht die Aufrechthal⸗ tung des Ausſpruches im Namen aller Gebietiger in Deutſchland, doch zone die zu Marpurg, Byeſſen, Utrecht und Weſtphalen Gebietiger und Bruͤder, die von uns geſlagen ſint.“
1) Schr. des HM. an d. Landkomthur von Elſaß, d. Mar. am T. Georgii 1441 Schbl. 103. 27. Der Tag zu Frankfurt ſollte auf S. Margarethen ⸗ Tag ſeyn.
2) Abſchrift der Statuten für den Livland. Meiſter, d. Mar. Frei
t. nach Marci Evang. 1441 Schbl. VI. I. ogl. Index corp. hi- Stor. diplom. Livoniae p. 315.
*
8 Landeshuldigung. (1441.)
ders zu beſtellen. Dieſe Erflärung verbürgte der Hochmeifter mit den Vornehmſten feiner Gebietiger durch ein förmlich daruber ausgeſtelltes feierliches Document, worin er die Statuten in ihrem ganzen Inhalte von Wort zu Wort aufnahm. Er kam dann ferner mit dem Deutſchmeiſter auch darin uͤberein, daß fuͤr die vielfaͤltigen Vergehungen und Verletzungen, welche in der bisherigen Irrung zwiſchen den Meiſtern ſich viele Or⸗ densbruͤder gegen Gehorſam und Geſetz hatten zu Schulden kommen laſſen, keiner geſtraft oder mit den ſonſt geſetzlichen Bußen belegt, ſondern alles verziehen und vergeſſen ſeyn ſollte, weil ſolche Strafen jetzt dem Rufe des Ordens nur nachtheilig wirken wuͤrden. Endlich kam man uͤberein: es ſollten im naͤch⸗ ſten Jahre in einem großen Ordenskapitel zu Marienburg Be⸗ ſtimmungen entworfen werden, die inskuͤnftige allem Unfrieden im Orden vorbeugen wuͤrden.) So hatte Konrad das eine Ziel erreicht; das Zerwuͤrfniß im Orden war ausgeſuͤhnt, frei⸗ lich nicht ohne ein ſchweres Opfer in Beziehung auf ſeine Stellung zu den beiden Meiſtern. Allein die Eintracht und das Heil des Ordens ſtanden ihm ungleich hoͤher, als die per⸗ ſoͤnlichen Verhaͤltniſſe feiner amtlichen Stellung, die ja die Zus kunſt auch leicht wieder aͤndern konnte.
Inzwiſchen aber war der Hochmeiſter auch einem andern Ziele mit feſtem Schritte entgegen gegangen, das Mißtrauen und die feindlich argwoͤhniſche Geſinnung der Unterthanen ges gen die Landesherrſchaft zu beſeitigen, denn hierin erkannte er die Quelle aller der traurigen Erſcheinungen, der feindſeligen Stellung und des wilden Trotzes, womit ſich die Unzufriedenen im Lande im Schutze ihres Bundes zu Wehr und Widerſtand zuſammengethan. Die Aufgabe war hoͤchſt ſchwierig; Konrad indeß loͤſte ſie leichter durch die ergreifende Kraft ſeiner Per⸗
1) urk. des HM. d. Mar. Mont. nach Viſitat. Maria 1441 Schbl. NM. 5. Jaeger Cod. diplom. s. h. a.
2) Die Vertrags «Urkunde, d. Mar. Dienſt. nach Viſitat. Mariä 1441 Schbl. 99. 15, durch Moder ſehr verdorben; vollſtaͤndig in Jaeger Cod. diplom. s. h. a. Der Deutſchmeiſter befand ſich um dieſe Zeit noch in Marienburg.
Landeshuldigung. (1441.) 9
ſoͤnlichkeit, denn als bald nach ſeiner Wahl eine Botſchaft der Lande und Städte vor ihm erſchien, “ ihm zu ſeiner Erhebung Gluck wuͤnſchte, um Erhaltung und Beſtaͤtigung ihrer Privile⸗ gien und Freiheiten bat, ſich ihm zur Huldigung erbot und zugleich um Abhuͤlfe der Klagen erſuchte, die bereits ſeinem Vorgänger vorgelegt worden, erklärte er offen und gerade: den von Landen und Staͤdten ihm mitgetheilten Huldigungseid (nach welchem ſie nur dem Hochmeiſter, nicht dem Orden ſchwören wollten) könne er nicht zulaſſen; dieſer Neuerung müßten fie entfagen und beim alten Herkommen bleiben; da⸗ gegen ſichere er ihnen alle ihre Rechte, Freiheiten und Privile⸗ gien zu, wie ſeine Vorfabren fie ihnen verliehen; Eönne er fie nicht vermehren, ſo werde er ſie doch auch keineswegs verkuͤr⸗ zen; ein Gleiches aber erwarte er auch von ihnen in Bezie⸗ hung auf des Ordens Privilegien und Rechte; die Abhülfe ihrer Klagen ſolle mit Beirath der Praͤlaten auf einer Tag⸗ fahrt zu Elbing zu weiterer Berathung kommen. Den Staͤn⸗ den genuͤgte dieſe Zuſage; ſie trauten des Meiſters Worte, er⸗ klaͤtten ſich zu dem von ihm verlangten Huldigungseide bereit, der dahin lautete „daß fie bei der Huldigung nur dem Hoch⸗ meiſter Treue und Gehorſam, nach deſſen Tode aber auch dem Orden bis zur Huldigung eines neuen Meiſters geloben ſollten, und der Hochmeiſter trat darauf im Anfange des Mai ſeine Huldigungsreiſe an. In Danzig indeß mußte er, bevor ihm der Bürgermeifter die Schluͤſſel der Stadt und des Rathhau⸗ ſes überreichte und der Rath, die Schoͤppen und die Gemeine den Huldigungseid leiſteten, die Zuſage wegen Auftechthaltung
1) Am T. S. Georgii (24. April).
2) Die Verhandlungen des HM. mit der Botſchaft der Staͤnde im Regiſtr. X. P. 1 sequ. u. Fol. A. p- 16 sequ. Merkwuͤrdig war ſogleich in der erſten Verhandlung die Erklaͤrung der Botſchaft: Lande und Städte wollten den HM. gerne als ihren Herrn aufnehmen und ihm huldigen; aber ſie bäten zu wiſſen und ſich mit ihm zu einigen, wie der Eid lauten ſolle. Wir ſehen dann aus des HM. Antwort, daß dieſer ihnen und ſie ihm eine Eidesformel vorgelegt hatten.
10 Tagfahrt zu Elbing. (1441.)
aller Freiheiten und Privilegien der Stadt und wegen Abſtel⸗ lung mehrer ſie insbeſondere betreffenden Gebrechen doch noch einmal erneuern. Auch war in andern groͤßeren und kleineren Städten des Landes der geleiſtete Huldigungseid nicht überall derſelbige.
Jetzt nahte die den Staͤnden zugeſagte Tagfahrt zu Elbing in der Mitte des Juni.) Da machte aber der Hochmeiſter bald die Erfahrung, daß feine Zuſage nicht überall Vertrauen gefunden und das Mißtrauen der Verbündeten noch keineswegs vertilgt war. Zuerſt verlangten Lande und Staͤdte eine Ver⸗ handlung und einen Beſchluß uͤber mehre von ihnen geforder⸗ ten, aber noch nicht zugeſagten Artikel, ſowie uͤber die Anord⸗ nung des ihnen ſchon früher zugeſicherten Gerichtstages. Der Hochmeiſter willigte in Beides. Zu erſterer wurden aus den Gebietigern, Prälaten, Landesrittern und Bürgermeiftern der Städte achtundzwanzig Deputirte zur Berathung über die von den Verbuͤndeten verlangten Zuſagen auserkoren.) Während dieſe aber berathſchlagten und ehe es noch zu einem Beſchluſſe kam, traten Hans von Czegenberg, der an der Spitze des buͤndi⸗ ſchen Adels ſtand, und Tiedemann von Hirken, der Bürger: meifter von Kulm, mit der Forderung hervor: Lande und Staͤdte wollten mit dem Hochmeiſter ſelbſt berathen und ihre Sache beenden. Dieſer zeigte ſich auch hierzu bereit; allein es kam bald zwiſchen ihm und den Sprechern des Bundes zu den ernſtlichſten Erklaͤrungen über die gegenſeitige Verbind⸗
1) Die Form der Huldigung zu Danzig naͤher beſchrieben im Re⸗ giſtr. X. P. 4 u. Fol. A. p. 18. Der Huldigungseid der Danziger, Elbinger und Koͤnigsberger im Fol. A. p. 32. Kulm und Thorn, heißt es, ſchwuren den kurzen Eid.
2) Sie begann am Sonntage nach dem Sten Tage des heil. Leich⸗ nams und dauerte mehre Tage.
3) Darunter waren der Biſchof Franciſcus v. Ermland, der Bi⸗ ſchof Kaspar von Pomeſanien, der noch anweſende Deutſchmeiſter, die Komthure Eberhard von Weſenthau zu Chriſtburg, Soft von Vennin⸗ gen zu Mergentheim, Johann Beenhauſen zu Thorn u. a. Unter den gandesrittern Both von Eilenburg, Nicolaus von Sparwin u. ſ. w.
Tagfahrt zu Elbing. (1441.) 11 lichkeit
zur Aufrechthaltung der Privilegien und Rechte des Ordens
und des Landes, denn obgleich der Meiſter wiederholt erklaͤrte: er werde Landen und Städten ihre Rechte und Frei⸗ heiten, wie er bereits vor der Huldigung zugeſagt, unverkünzt und ungeſchmaͤlert laſſen, fo wollten dieſe fich doch zu nichts weiter als zu der verfaͤnglichen Zuſage verſtehen: ſie goͤnnten auch dem Orden ſeine Privilegien und wollten ſie ihm laſſen, doch nur ſofern ſie ihren Privilegien unſchaͤdlich und nicht Bin ter ihrem Rüden erworben ſeyen. Ja Tiedemann von Hir⸗ ken wagte vor dem Hochmeiſter die trotzige Rede: „Habt — altere Privilegien, als die unftigen find, fo ſeyd ihr darin, daß uns der Orden nochmals Privilegien gegeben, von den eurigen abgetreten und habt fie ſelbſt gebrochen. Wir aber werden die unſrigen, wenn es Noth iſt, auch wohl ſelbſt mit unſern Haͤl⸗
ſen beſchirmen.“ Somit zerſchlug ſich die Verhandlung ohne Erfolg, „
Mit größerem Vertrauen kamen dem Meiſter auf derſelben
Tagfahrt Ritter und Knechte der Niederlande entgegen. Ohne⸗ dieß mit den Kulmern nicht in ſonderlicher Einigkeit erklaͤrten fie offen: fie hätten mit
dem Bunde nichts weiter zu ſchaffen, als daß ſie den Verbuͤndeten verſprochen, ihnen in rechtfertigen Sachen beizuſtehen; werde der Meiſter ſie ſchirmen und bei ihren Freiheiten laſſen, fo würden fie ſtets feine getreue Mann⸗ ſchaft und ihm unterthaͤnig ſeyn. Dieſe treue Ergebenheit der
Niederlande war offenbar auch mit eine Folge der Verleihung mehrer neuer Vorrechte und Freiheiten, womit der Hochmeiſter die Gebiete von Sam
land, Balga, Brandenburg und Raſten⸗ burg fuͤr ſich zu gewinnen geſucht. Allen Freien dieſer Ge⸗ biete ſollte das Wartgeld erlaſſen ſeyn, mit Ausnahme anbre⸗ chender Kriegszeit. In Preuſſiſchen, der Herrſchaft anſterben⸗ den Guͤtern ſollte dieſe nur Hengſte und Harniſch nehmen, die Hälfte der fahrenden Habe aber der Frau laſſen, ſofern fie im Gute nicht Leibgeding habe; fuͤr die andere Haͤlfte ſollte der neue Empfaͤnger des Gutes nach der Herrſchaft Erkenntniß
1) Die Verhandlungen im Regiſtr. X. p. 5—6. Fol. A. p. 18— 19.
12 Tagfahrt zu Elbing. (1441.)
vorhandenen Toͤchtern eine gebuͤhrende Ausrichtung beſorgen. Kein Pfleger, Kämmerer oder Amtmam ſollte die Preuſſen mit ihren Pferden mit Dienſten in der Wildniß, zur Jagd oder mit ungewöhnlichen Geſchaͤften beſchweren. Beim Tode eines Preuſſen auf einem Kulmiſchen Gute ſollte die Herrſchaft darein keinen Einfall thun, ſondern das Gut nach Kulmiſchem Rechte vererben. Kein Freier ſollte auf den Ordenshaͤuſern baͤuerliche Arbeit leiſten; nur die Richthaͤuſer und Richthoͤfe ſollten ſie bauen und wenn der Hochmeiſter auf die Haͤuſer ziehe, darauf die altgewohnten Dienſte thun.) Mit gleicher Guͤte gewaͤhrte Konrad auf der Tagfahrt zu Elbing auch denen aus dem Gebiete von Chriſtburg ihre Bitte, ihnen „die Preuffifche Waide“ nach alter Gewohnheit zu laſſen, ſofern ſie dabei nicht Neuerungen beabſichtigten.) Wie aber mit ſolcher Milde ges gen die Bittenden, fo trat er den trotzig Fordernden mit Ernſt und mit der Kraft ſeiner Rechte entgegen. Als daher auf dem⸗ ſelben Tage die Sprecher des Bundes ihm die Forderung vor⸗ legten: er ſolle dem Wartgelde, dem Schalviſchen Korn und dem Mahlpfennige entſagen, ſuchte er Anfangs die Berathung darüber auf ſpaͤtere Zeiten zu verſchieben. Da ſie aber, damit nicht beruhigt, keck erklaͤrten: ſie wollten fortan überhaupt aller Unpflicht und alles deſſen, was nicht in ihren Verſchreibungen
1) Die näheren Beſtimmungen des HM., d. Preuff. Eifau am T. Donati (1441) im Regiſtr. X. p. 9. Fol. A. p. 22 — 23. Es find darunter noch einige andere minder wichtige Bewilligungen. Vgl. oben B. VI. S. 667 — 669. Der HM. ſagt ausdrücklich: er gebe den genannten Gebieten die Bewilligungen, „weil fie allewege und ire alt: eldern und nemlich in deſen harten Zeiten als gute getruwe lewte bei dem Orden gefaren und fich nicht in den bunt gegeben haben u. |. w.“
2) Regiftr. X. p. 8. Fol. A. p. 22. Es iſt bier nicht ganz klar, was es mit der „Preuſſiſchen Waide oder Wayde“ für eine Bewandt⸗ niß hatte. Es iſt offenbar von Jagd oder Jagdrecht die Rede, indem Waide oder das veraltete Wort Weide Jagd bedeutet, wie wir noch das zuſammengeſetzte Wort Weidmann haben. „„Preuſſiſche Waide oder Weide“ wuͤrde demnach die Jagdgerechtigkeit ſeyn, wie ſie z. B. den im oͤſtlichen Ermland wohnenden Preuſſen unter gewiſſen Bedingungen und Leiſtungen ertheilt war; ſ. oben B. VI. S. 643.
Bauernaufrubr im Ermland. (1441.) 13
ſtehe, ſchlechthin uͤberhoben ſeyn, weder Wartgeld noch Schal⸗ viſches Korn mehr geben und darüber ſich aller fernern Tags⸗ verhandlungen entſchlagen, fo ftellte ihnen der Meiſter, ſie auf ihre pflichtmaͤßige Leiſtung ſeiner und des Ordens landesherr⸗ lichen Forderungen und Rechtsanſpruͤche hinweiſend, den Gang einer rechtlichen Entscheidung entgegen. Dieſen nahmen fie jedoch nicht an, weil ihnen, wie fie erklärten, hiezu die nöthige Vollmacht fehlte, und fo blieb alles vorerſt dahin geſtellt, denn ſo gerne auch Konrad in billigen Dingen nachgab, ſo wenig
ließ er ſich doch Rechte abtrotzen, die aus alten Zeiten ihm als ſolche zugebracht waren. »
Auf derſelben Ta ſache zur Verhandlung, welche bewies
ndvolk ergriffen hatte, welches, obgleich nicht mit im
ng im Lande benutzen mochte, um nach Verbündeten ſich beſchwerlicher Buͤrden zu entledigen. Ein großer Theil der Bauern des Ermlaͤndiſchen Domkapitels im Kammeramte Melſack hatten, durch ihre Schultheißen verleitet, den Stiftsherren ſchon uͤber
Jahr und Tag die Leiſtung des Schaarwerkes und anderer Verpflichtungen verweigert. 2)
Biſchofe trat dieſer mit den W
Bunde,
in alter Weiſe leiſten, das n, wie ſonſt gewoͤhnlich, fuͤr gewiſſe Lei⸗ ſtungen eine billige Vergütung thun, nichts Unbilliges verlan⸗ gen und die etwa ſonſt noch ſtreitigen Punkte durch vier red⸗ liche Maͤnner unterſucht und ſchiedsrichterlich beſeitigt werden —̃ ä—
1) Die Verhandlungen darüber im Regiſtr. X. p. 7 — 8. Fol. A. p. 20 — 21.
Es wird ausdruͤcklich erwaͤhnt, daß die Niederlaͤnder an dieſer Forderung nicht Theil genommen. 2) Nach einer Urk. des Biſchofs von Ermland waren die Doͤrfer Sonnenwalde, Lichtenwalde und einige andere nichtſchaarwerks pflichtige davon ausgenommen.
14 Bauernaufruhr im Ermland. (1441.)
ſollten. Sofern ſich dieſe nicht vereinigen koͤnnten, ſollte die Sache auf naͤchſter Tagfahrt zu Elbing dem gemeinen Gerichte zur Entſcheidung vorgelegt werden. Allein eine andere Deutung dieſes Beſchluſſes durch die an der Spitze der Bauern ſtehenden Stimmfuͤhrer brachte neuen Zwiſt herbei. Die Dom⸗ herren, mit dem Schaarwerk, welches die Bauern leiſten woll⸗ ten, keineswegs zufrieden, glaubten ihr Recht immer noch viel zu ſehr beeinträchtigt, klagten nicht nur beim damaligen Statt⸗ halter des Hochmeiſters uͤber die Schmaͤhungen und Schimpf⸗ reden, die ſich das Bauernvolk gegen ſie erlaubte und ſprachen ſeine Hülfe an zur Aufrechthaltung ihrer Rechte, ſondern erſuchten auch den Biſchof um die Erlaubniß, eine kaiſerliche goldene Bulle beim Rom. Könige geltend machen zu dürfen, damit dieſer den Hochmeiſter beauftrage, von den Bauern eine Strafſumme von hundert Mark Goldes zu erzwingen, denn um ſo viel ſtrafte die Bulle ſolche, die ohne Recht die Kirche ihrer Beſitzungen beraubten. Der Biſchof indeß widerrieth diefen Schritt, der das arme Landvolk völlig zu Grunde richten und den Hochmeiſter in unangenehme Verhaͤltniſſe ſetzen werde. Allen Gewaltmaaßregeln abgeneigt, ſchlug er eine ſchiedsrich⸗ terliche Entſcheidung auf der Tagfahrt zu Elbing vor und beide Theile genehmigten dieß.) Hier wurden aus den Bifchöfen, Komthuren, Landen und Staͤdten ſechzehn Schiedsrichter erko⸗ ren, die nach gruͤndlicher Erwaͤgung gegen die Bauern das Urtheil ſprachen: von den Schultheißen des Kammeramtes Melſack ſoll zur Buße ein Stein Wachs, von Benedict von der Gaile und andern Bauern, die ſich jenen angeſchloſſen, ein halber Stein und von den Dörfern, die ſich ungehorſam
1) Schr. des Biſchofs von Ermland an die Domherren, d. Heils⸗ berg Sonnt. nach Purif. Mariä 1441.
2) Schr. der Domherren von Frauenburg an den Statthalter, d. Frauenb. Donnerſt. vor Invocavit 1441. Sie klagen über die „große Smoheit und ſchemelichen worthe“ der Bauern.
3) So in einem vom Kapitel ſelbſt daruͤber abgefaßten Berichte Schbl. LXVI. 58. Das Kapitel erklaͤrt ſich nicht uberall zufrieden mit des Biſchofs Verfahren⸗
b 15 Bauernaufruhr im Ermland. (1441.)
Kegen ihre Herrſchaft bewieſen, von vierzig Hufen der — zu Frauenburg ein halber Stein Wachs gegeben werden. 0 jedem der aufruͤhreriſchen Dörfer foll der Schultheiß mit — Bauern an einem beſtimmten Tage ungeguͤrtet, barfuß — barhaupt zur Kirche nach Frauenburg kommen und in e 5 Namen ihre Herren wegen des verübten Frevels um ee» hung bitten. Wegen des Wartgeldes follen > = richter eine Vereinigung verſuchen, wo nicht, ſo ſo — das Recht entſcheiden. Die Bauern aber ſollen — * ihren Herren nach alter Gewohnheit das gewöhnliche * werk leiſten, jedoch von ungewoͤhnlichem befreit ſeyn. 5 h leiden fie Gedrang und Gebrechen in ihrem Rechte, ſo ſoll der Biſchof, wie er es ſchuldig iſt, ihnen zu ihrem Rechte verhel⸗
fen. Die Schultheißen follen Übrigens ihre Gerichte behalten nach Laut ihrer Briefe. 2
Das Bauernvolk wollte ſich indeß dieſem Spruche Feines» wegs unterwerfen. Es verſtrich ein halbes Jahr, wahrend deſſen die Widerſpaͤnſtigen ſich nur noch feſter, ſelbſt mit Eid⸗ ſchwur, wider das Kapitel verbanden und auch des Biſchofs Bauern, wiewohl vergeblich, zum Ungehorſam aufzuwiegeln be⸗ muͤht waren. Umſonſt verbot ihnen das Domkapitel ihre Ver⸗
ſammlungen und die Erhebung eines Schloſſes von des Ka⸗ pitels Leuten. Man
der Meiſter ſandte eine wuͤrdige Bauern; 8) fie verſchmaͤhten aber die Ver⸗ mittelung; auch ſein Verbot ihrer Verſammlungen wurde nicht geachtet. Ausfluͤchte, hoͤhnende und frevelhafte Reden waren
— ̃ —
1) Als ungewoͤhnliches Schaarwerk wird angeführt Holzfuhr, Holz⸗ flößen, Lehmfuhre, Hülfsdienſte zur Fiſcherei und dgl. 11 „
2) Die Urkunde, d. Elbing Freit. vor Viſitat. Mariä 1441 25 Archiv des Domtapitels zu Frauenburg I. 19, Abſchrift im geh. Ar⸗ chiv zu Koͤnigsberg im Frauenburger Copiebuch p. 601.
3) Naͤmlich den Komthur zu Balga, den Offeial von Rieſenburg, Hans von Czegenberg.
16 Bauernaufruhr im Ermland. (1441.)
die Erfolge aller friedlichen Bemuͤhungen. Selbſt in der Ge⸗ ſandten Gegenwart wagte es der Sprecher des Bauernvolkes Benedict von der Gaile die Aufrührer durch freche Worte noch mehr zu verhetzen. Mit dem bloßen Erlaß des ungewoͤhnlichen Schaarwerkes wollten ſie ſich auf keine Weiſe befriedigen.“ Der Biſchof wiederholte ſeine Verſuche, das Volk zum Gehor⸗ ſam zurückzuführen. Auf einer Tagfahrt zu Braunsberg er⸗ mahnte er ſelbſt die Vorgeladenen noch einmal zur Erfuͤllung des gefällten Spruches und vermittelte dann auch zu Melſack eine Verhandlung mit dem Domkapitel. Da indeß die Bauern jeden Vorſchlag zur Ausgleichung trotzig verwarfen, ſo ergriff er endlich ernſtere Mittel und ließ eine Anzahl der Aufruͤhrer ohne weiteres ins Gefängniß werfen.
Der Hochmeiſter aber jetzt in Beſorgniß, die Flamme moͤge bald weiter greifen, berief eiligſt im Anfange des Jahres 1442 Lande und Städte zu einer Tagfahrt nach Marienburg“ und legte ihnen alle bisherigen Verhandlungen vor, nicht ohne Hinweiſung auf die gefährlichen Folgen, die, wie das Beiſpiel der Boͤhmiſchen Unruhen zeige, aus ſolchem Aufruhr entſpringen koͤnnten, wenn nicht das wilde Feuer im Beginne erſtickt werde, zumal da er bereits die Nachricht hatte, daß die Bauern ſich auch Anhang im Gebiete des Ordens zu verſchaffen ſuchten. “) Allein er täufchte ſich in der Hoffnung, daß die Stände felbft Zwangsmittel in Vorſchlag bringen wuͤrden; es half auch nicht, daß er ſelbſt auf ſolche hindeutete, denn die Ritterſchaft ſtimmte dafuͤr: man ſolle die Sache noch bis zu einer andern Tagesverhandlung anſtehen laſſen und noch einmal den Weg
1) Die Verhandlung zwiſchen den Abgeſandten und den Bauern im Regiſtr. X. p. 27 — 28.
2) Nach dem Berichte Schbl. LXVI. 58. Schr. des Biſchofs an d. HM. d. Heilsberg Dienſt. nach Neujahr 1442 Schbl. LXXVI. 47.
3) Sie fand Statt am Sonntage des Neujahrs 1442; Regiſtr. X. p. 27 — 32. Schbl. LXVI. 55.
4) Der HM. ſagt den Verſammelten: want wir vornemen, das ſich dieſelbige gebure vaſt umbthun u. beſuchen in etlichen unſern ge⸗ bieten u. landen.
‘
17 Bauernaufruhr im Ermland. (1441.)
der Guͤte verſuchen. Allein davon erwartete er 3 dern Erfolg.) Mittlerweile jedoch brachte die drohende Som des in feinem Gebote und in feiner Pflicht als Be — herr mit widerſpaͤnſtigem Geiſte ene e Se f — und der geſtrenge Ernſt, womit auch jetz * 5 . a. Gefangenſetzung der Raͤdelsfuͤhrer in die Sach 0 Ar br > Bauernvolk mehr und mehr zur Beſinnung; un N En auch bald dem Rathe von Braunsberg und — ee Staͤdten des Bisthums durch eine Vermittelung, u. des B. Januar 1442 die Schultheißen und Bauern ſich nm Be ſchofs Gnade ergaben, ihm die Entſcheidung ohne wei b dieser heimſtellend. Auf einem Tage zu Heilsberg endlich ga =
nach vielen Verhandlungen mit Rath zahlreicher Sendboten
von Landen und Städten den Beſcheid: Schultheißen und Bauern ſollen den Hochmeiſter
horſams demüthig 1 Verleumdung oder ſeyn, ebenſo was doch ſollen ſie dieſem Mark zahlen und bei j liefern. Die Bauern
lle Verſammlungen find unterſagt; bedarf man eine ſolche, 8 i Un 80 Landpropſtes Beirath. Dem Vogte Stellvertreter ſollen die Schultheißen und i gehorſam ſeyn und 1
Herrn in Wuͤrdigkeit und Ehren halten, die erſtern a ER Landpropſte aufs neue Treue und Gehorſam 5 85 zu Elbing gethane Spruch ſoll in allen Punkten — a vung kommen, alfo nach deſſen Beſtimmung auch das Scha 1 werk geleiſtet werden. Das Wartgeld ſoll man ebenſo HR andere geben, bis es uͤberhaupt allen erlaſſen wird. a den Landleuten nach ihrer Meinung von ihren Herren Unrecht,
1) Die Verhandlung des HM. mit den Staͤnden im Regiſtr. X. b. 27 ff. Schbl. LXVI. 55. 145, VIII.
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18 Bauernaufruhr im Ermland. (1441.)
fo ſollen fie nicht eigenmaͤchtig gegen dieſe auftreten, ſondern es dem Biſchofe klagen, der nach Beirath einiger von Landen und Städten nach Recht entſcheiden wird.) Auf ſolche Weiſe war der Aufruhr, von welchem auch der Hochmeister für feine Lande nachtheilige Folgen befuͤrchtet, durch den Biſchof beſchwichtigt. Obgleich nun aber der Hochmeiſter auf der Tagfahrt zu Elbing ſeinen Zweck nicht erreicht, ſo war vor allem von Wichtigkeit, des Volkes Stimmung in den verſchiedenen Land⸗ ſchaſten naͤher zu erforſchen und zu erfahren, wie man ſeine Erbietungen aufgenommen habe. Die Komthure mußten daher uberall genaue Erkundigungen einziehen und Konrad hatte bald die Freude, zu vernehmen, daß ſeine Worte des Friedens und der Eintracht bei den Meiſten Anklang gefunden. In man⸗ chen Gegenden zwar, z. B. im Gebiete von Rheden und uͤber⸗ haupt im Kulmerlande blieb man beharrlich bei der Verwei⸗ gerung des Schalvenskorns und Wartgeldes; man wollte den Weg des Rechts einſchlagen;? in andern, wie im Lauenburgi⸗ ſchen und Oſterodiſchen theilten ſich die Meinungen; viele er⸗ klaͤtten, ſich dem Verfahren der groͤßern Staͤdte anſchließen und mit ihnen erſt berathen zu wollen.) Noch andere, durch des 1) Das Original des bifchöflichen Beſcheides, d. Heilsberg am T. Agatha nach Purificat. 1442 im Archiv des Domkapitels zu Frauen⸗ burg L. 8, Abſchrift im geh. Archiv zu Koͤnigsberg; im Frauenburger Copiebuch p. 605. Baczko B. III. S. 375 — 380. Es enthaͤlt noch einige andere minder wichtige Punkte. Ueber die dem Beſcheide des Biſchofs vorangegangenen Verhandlungen der Bericht Schbl. LXVI. 38. Die Geſchichte des Aufruhres erzählen auch Leo p. 259 und Tre- zerus de Episcop. eccles. Warm. p. 40; allein fie fuͤgen manches hin⸗ zu, was ſich urkundlich nicht erweiſen laßt, z. B. daß die Bauern zum Theil mit Landesverweiſung beſtraft worden ſeyen. Wahr aber iſt, daß der Biſchof, wie Treter. I. o. ſagt praecipuos eorum (rusticorum) Duces capi ot comprehendi praecepit et ligatos partim Allesteinium partim Seheburgum carcere et turri coercendos ablegavit, infimos vero quosque Heilspergae in turrim coniecit, paneque et aqua duntaxat sustentavit etc, 2) Schr. des Komthurs v. Rheden, d. Rheden am T. Margare⸗ tha 1441 Schbl. LXXIII. 79. 3) Schr. d. Vogts v. Lauenburg, d. Sonnt. nach Margaretha 1441 Schbl. LIX. 29. Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Hohenſtein Sonnt. nach Jacobi 1441 Schbl. LXXVI. 62.
Gunſtbezeugungen d. HM. gegen Lande u. Städte. (1441.) 19
Hochmeiſters Erbietungen vollkommen zufrieden geftellt, bezeug⸗ ten Öffentlich, fie wuͤrden ihrem Landesherrn immerdar getreu bleiben und ſich dem Orden ſtets als gehorſame Unterthanen beweiſen, ſo in den Städten des Niederlandes Bartenſtein, Landsberg, Zinten, Heiligenbeil, Schippenbeil, Raſtenburg, eben: fo die Ritterſchaft in den Gebieten von Balga und Branden⸗ burg, die am Bunde gar nicht Theil nehmen wollte, D desglei⸗ chen im Gebiete von Brathean, auch jenſeits der Weichſel in den Komthurbezirken von Mewe und Tuchel. Die Städte Stargard und Mewe betheuerten ausdruͤcklich dem Hochmeiſter ihre treuſte und unwandelbare Ergebenheit.) Das Wichtigſte aber war, daß ſich ſelbſt in den großen Staͤdten, wie in Thorn und Danzig eine gemaͤßigtere Stimmung zeigte; ſie ſprach ſich zwar nicht ganz offen aus und man erklaͤrte immer, ohne Mit⸗ rath und Zuſtimmung der Lande könne in der Bundesſache kein wichtiger Schritt geſchehen. Allein in Thorn ſtand die Neuſtadt mit ihren Behörden und in Danzig die Altſtadt und Jungſtadt ſchon entſchieden mehr als zuvor auf des Ordens Seite, obgleich die letztern ſich vom Bunde keineswegs losge⸗ ſagt. Auch der Bürgermeifter von Kulm Tiedemann von Hir⸗ ken verrieth für den Orden guͤnſtigere Geſinnungen. ®
Um ſo mehr war jetzt der Hochmeiſter bemuͤht, Landen und Staͤ unſti ihei i
1) Schr. der
Ritterſchaft und der genannten Städte o. D. Schbl. LXXXII. 77
d. Tuchel am T. 5 thes und der Gemeine von Mewe, d. Sonnab. nach Viſitat. Mariä 1441 Schbl. LIX.
Viſit. Mariä 1441 3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Lewen Mont. nach Diviſion.
Apoſtol. 1441 Schbl. III. 43. Schr. des Fiſchmeiſters v. Putzig, d. Danzig Dienſt. vor Magdalena 1441 Schbl. LXXVI. 64.
2 1
20 Gunſtbezeugungen d. HM. gegen Lande u. Städte. (1441.)
trauen Koͤnigsbergs zu gewinnen, ertheilte er dieſem zur Ab⸗ huͤlfe mehrer in einem Streite mit dem Ordensmarſchall über die ſtaͤdtiſche Handfeſte zur Sprache gekommenen Mißbraͤuche und Gebrechen verſchiedene Freiheiten in Beziehung auf freie Fiſcherei, Holzgerechtigkeiten und andere ſtaͤdtiſche Verhaͤltniſſe. Dann entwarf er mit Rath feiner Gebietiger und des Biſchofs von Ermland zu Einſiedel für die Niederlande ein ſ. g. Regi⸗ ment oder eine neue Landesordnung, theils um mehre alte Lan⸗ desſatzungen von neuem in Erinnerung zu bringen, theils auch manche neue Anordnungen feftzuftellen. Zu jenen gehörte das Verbot gegen das immer noch im Schwange ſeyende Unweſen der Zauberei, ſowie das Geſetz wegen des Beſuches des Got: tesdienſtes durch Preuſſiſches Geſinde. Auch in der Geſinde⸗ ordnung ward vieles naͤher beſtimmt und neu geſchaͤrft. Die Handwerksordnungen ſollten erneuert und aufs ſtrengſte beob⸗ achtet, die Gewerke aber unter genauer Aufſicht durch die Buͤr⸗ germeiſter gehalten werden. Sehr loͤblich war die Verordnung, daß in Staͤdten und Doͤrfern oder Bierſchenken loſes und leicht⸗ fertiges Volk, das noch arbeitsfaͤhig, nirgends geduldet werden ſolle. Zur Verhütung uͤbermaͤßiges Aufwandes bei Hochzeiten und Kindtaufen wurden die früheren Geſetze erneuert 2) ebenſo die frühere Verordnung wegen Abſtellung der altuͤblichen Bier⸗ bußen und deren Abaͤnderung und Verwendung der Strafgel⸗ der zu der Staͤdte und Dorfer gemeinem Nutzen. Andere Be⸗ ſtimmungen betrafen den Handel und Verkehr im Lande, die Einſtellung des ſ. g. blauen Montages, 3) die Landesſicherheit, die ſtrengere Feier der Sonn- und Feſttage u. ſ. w.“
1) urk. d. Königsberg am T. Jacobi 1441 Schbl. XXXII. 6. LVII. 90. Es geht aus ihr klar hervor, daß ſich der HM. durch die Bewilligung das Vertrauen der Stadt erwerben wollte.
2) S. oben B. VII. S. 506.
3) Die Beſtimmung wegen der Montagsfeier heißt: das die kow⸗ ſeligen Montage, die die handwerker pflegen zu halden, ſulten hertlich vorbotten u. abegelegt werden. Zwar iſt das Wort „kowſelig“ uns deutlich; es ſcheint damit aber offenbar der blaue Montag gemeint zu ſeyn.
4) Diefe ſ. g. „Ausſatzung oder Regiment,“ entworfen am Abend Laurentii 1441 im Regiſtr. am Schluſſe.
Gunſtbezeugungen d. HM, gegen Lande u. Städte. (1441.) 21
Güter, die der Orden nach Ausſterben des Mannsſtammes als gemeine Le
Ritterdienſt
Wachs, Korn und Weizen liefern mußten, worüber ſchon öfter
Klage geführt worden) die wichtige und allen erwuͤnſchte Ver⸗ Anderung traf, daß, wenn in ſolchen Gütern nach Ausſterben des männlichen Stammes (alſo im Falle des Heimfalles an
einen ehrbaren Mann aus des Ordens Die: efem die Güter ohne Widerſpruch überweifen { er Pflicht, die andern Jungfrauen nach Ver: mögen der Güter und der Herrſchaft Erkenntniß gebührend auszuſtatten. Sofern aber alle Jungfrauen noch unmannbar, ſo ſolle der Herr, in deſſen Gebiet das Gut liege, dieſes einem der naͤchſten Freunde übergeben, der jaͤhrlich über die Verwal: tung bis zur Mannbarkeit der Jungfrauen Rechnung ablegen ſolle. Damit war alle Mißhelligkeit, die bisher zwiſchen dem Orden und den erwaͤhnten Beſitzern auf Erbrecht obgewaltet, hingelegt.) Daſſelbe Vorrecht in Beziehung auf das Erbrecht — —
1) Was unter der „Pomeſchen Bank“ zu verſtehen ſey, iſt nicht klar. Das Wort findet ſich bald „Pomeſche, bald Pomſche, auch Pomiſche Bangk“ (aber nirgends Pommerſche Bank, wie Kotzebue B. IV. S. 261. hat) geſchrieben. Es heißt: Dortzu gonnen wir en nach Rathe unſer Gebietiger die Pomiſche bangk, als man die von Alders gehal⸗ den hat, vordan zu halden, doch alſo beſcheidenlich das fie nach alther⸗ komener gewonheit, fo das keyne netofere noch eingerley newe fuͤnde darin getragen ader gemacht werden, werde gehalden. Der Ausdruck „Bank“ deutet unſtreitig auf das Gerichtsweſen hin, alſo moͤglich, daß bier von einer ſ. g. Ritter⸗Bank die Rede iſt; ſ. Voigt Geſch. der. Eidechſ. Geſellſchaft S. 191 — 192.
2) Die Verſchreibung oder „Vereinigung“ hieruͤber, d. Preuſſiſch⸗
nern geben und di ſolle, jedoch mit d
22 Gunſtbezeugungen d. HM. gegen Lande u. Städte, (1441).
erhielten auch Ritter und Knechte auf Pommerellen, jedoch mit einigen verſchiedenen Beſtimmungen uͤber das auf die Guͤter zu verſchreibende Leibgeding für die Frauen.“ Dage⸗ gen erließ ihnen der Meifter die bisher ruͤckſtaͤndige Lieferung des Kuh⸗ und Schweinezehnten, woruͤber bisher Streit ges herrſcht, verpflichtete fie aber zu kuͤnftiger Leiſtung dieſer Ab⸗ gabe; dafür erhielten ſie die hohe und niedere Gerichtsbar⸗ keit.?) So ward auf dieſe Weiſe auch hier der Zwiſt zwiſchen dem Orden und der Mitterfchaft geſchlichtet und durch des Meiſters Klugheit und Milde die Zahl der Freunde des Or⸗ dens vermehrt.
Waͤhrend aber der Hochmeifter in ſolcher Weiſe die Gaͤh⸗ rung in ſeinem Lande zu beſchwichtigen und die Aufregung zu daͤmpfen ſuchte, wandte er auch den auswärtigen Verhaͤltniſſen die unermuͤdlichſte Thaͤtigkeit zu. Mit dem Roͤm. Stuhle zwar berührte ſich jetzt der Orden nur wenig. In der damals ſtrei⸗ tigen Papſtwahl hielt er es auf des Procurators Anrathen noch mit dem Papſte Eugenius dem Vierten, denn noch konnte deſſen Gegner Felix der Fuͤnſte beim Orden kein Vertrauen finden, ) obgleich er bald nach feiner Wahl durch das Conci⸗ lium dieſe dem Hochmeiſter bekannt gemacht und ihn zum Gehorſam aufgefordert hatte.) Unerfreulich aber waren die
Mark Sonnab. nach Nativit. Mariaͤ 1441 Schbl. LXXVII. 67, Re⸗ giſtr. X. p. 13. Fol. A. p. 27, gedruckt bei Kotzebue B. IV. 261; vgl. Baczko B. III. 218.
1) Woruͤber die Urkunde die naͤheren Beſtimmungen enthaͤlt.
2) Die Verſchreibung, d. Mar. am T. Exaltat. Crucis 1441 Schbl. LIX. 77. Regiſtr. X. p. 10. Fol. A. p. 24; vgl. Baczko B. III. 219.
3) Schr. des Procurators an den Statthalter, d. Florenz am T. Marci 1441 Schbl. I. 181.
4) Bulle des P. Felix, d. Thononii Gebennens. Dioces. Cal, Fe- bruar. 1440 an. p. I. Schbl. XI. Sie iſt auch darin merkwuͤrdig, daß der daran hangenden Bleibulle der Name des Papſtes fehlt. Der Papſt ſagt ſelbſt: nec mireris, quod bulla exprimens nomen nostrum non est appensa presentibus, nam hii qui fuerunt hactenus in Roma- nos electi pontifices ante sue consecrationis et coronationis solemnia in suis bullandis litteris modum hunc observare cousueverunt,
8 2 Verhaͤltniſſe zu den Nachbarfuͤrſten. (1441.) 3
jetzt von neuem angeknuͤpften Unterhandlungen wegen Entrich⸗ tung des in Preuſſen wie in Livland geſammelten Ablaßgel⸗ des, welches die Kurfürſten für den Erbkämmerer De Re Reiches Konrad von Weinsberg! als Belohnung für feinen früher dem Concilium zu Baſel geleiſteten Schutz auch vom Hochmeiſter forderten.) Er ſuchte nun zwar die Forderung von ſich abzuweiſen, weil nach der bei der Sammlung des Ablaßgeldes vorgeſchriebenen Art der Aufbewahrung nicht er, ſondern die Praͤlaten und Staͤdte des Landes dafuͤr aufkom⸗ men follten und nach des Sammlers Anordnung das — weder in die Hände des Hochmeisters noch des Ordens gekom⸗ men war; allein wir werden ſehen, daß die Verhandlungen da⸗ mit noch nicht geſchloſſen waren. 3 ,
Mit den Nachbarlanden ſtand der Meiſter übrigens in friedlichen Verhaͤltniſſen und er verſaͤumte nichts, den Frieden ungeſtört aufrecht zu erhalten. In dieſem Streben kam ihm
auch der König Wladislav von Polen ſchon beim Gluͤckwunſche wegen ſeiner Hochmeiſterwahl freundlich entgegen ‚ weshalb er dieſen auch angelegentlichſt um die Anordnung eines Richtta⸗ ges erſuchte zur Beſeitigung aller Irrungen und Mißhelligkei⸗ ten ihrer beiderſeitigen Unterthanen. ® Allein ſo ſehr er auch beider Seits gewünſcht und fo lebhaft auch die Verhandlungen darüber zwiſchen dem Meiſter und dem Erzbiſchofe von Gneſen gepflogen wurden, ſo fand doch theils die Wahl der Richter, theils die Beſtimmung der zu verhandelnden Gegenſtaͤnde, .
I) Der Kurfürſt ſem J. 1441 mit de Cod. diplom. Branden
2) Schr. der Ku 1441 Rgſtr. VII. wig vom Rhein dern Schreiben a
iederi te ihn in die⸗ Friederich von Brandenburg belehn m Unterkaͤmmereramt des Reiches; ſ. Raumer b. T. I. p. 183.
tfürften, d. Mainz Donnerſt. nach Reminiſcere 26. Im J. 1442 wandten ſich der Pfalzgraf Lud⸗ und der Erzbiſchof Dieterich v. ulm noch in beſon⸗ n den HM., d. Heidelberg am T. Circumciſ. Ar. 1442 u. Frankfurt Mont. nach Laurent. 1442 Schbl. LXIII. 125, 126, 3) Die Verhandlung wegen des Ablaßgeldes Rgſtr. VII. 26— 28.
4) Schr. des Koͤniges v. Polen, d. Bude feria II. in vigilia b. Jacobi 1441 Regiſtr. VII. 32 — 33.
24 Verhältniffe zu den Nachbarfuͤrſten. (1441.)
theils auch die Uebereinkunft über eine für beide Theile bequeme Zeit ſo viele Schwierigkeiten, daß die Abhaltung des Tages bis ins naͤchſte Jahr verſchoben werden mußte.) Indeß hat⸗ ten dieſe Verhandlungen doch den guten Erfolg, daß ſowohl der Koͤnig als der Hochmeiſter ſich uͤber die Aufrechthaltung des ewigen Friedens ſo beſtimmt erklaͤrten, daß darin kein Mißtrauen zwiſchen beiden Statt finden konnte.) Auch der Großfürſt Kaſimir von Litthauen, der alles aufbieten mußte, um die gegen ihn aufgewiegelten Samaiten zu befänftigen und zum Gehorſam zuruckzufuhren, bewarb ſich mit Eifer um des Ordens Freundſchaft, verſprechend, er werde dem Hoch⸗ meiſter dieſelbe Treue und Ergebenheit beweiſen, wie einſt ſein Vorfahr Fuͤrſt Witowd. 9
Nur mit dem Kurfürſten Friederich dem Zweiten von Brandenburg kam der Hochmeiſter bald nach ſeiner Wahl in unangenehme Berührungen. Dieſer Fürſt nämlich, kaum zur Regentſchaft gelangt, beſchloß ſofort, alles was fruͤherhin das Haus Brandenburg in irgend einer Weiſe an ſeinem Beſitze aufgegeben oder verloren, in ſeine Hausmacht wieder zu ver⸗ einigen, wobei vor allem ſein Blick auf die Neumark gerichtet war, zu deren Wiedererwerbung ſchon ſein Vater Friederich der Erſte, wie wir hörten, wiewohl vergeblich einen Verſuch ges wagt.) Da der Hochmeiſter vernahm, Friederich wolle zuerſt den Weg des Rechts, und wenn dieſer ihn nicht zum Ziele
1) Die Verhandlungen darüber mit dem Erzbiſchofe v. Gneſen u. f. w. Regiſtr. VII. 15. 20. 30 — 31. 34 — 35. 41. Der Richttag hing bekanntlich mit der Aufrechthaltung des ewigen Friedens zuſammen.
2) Verhandlung zwiſchen dem Propſt von Poſen Wiſchta von Gorka, Sendboten des Koͤniges, und dem HM. Mont. nach Martini 1441 Regiſtr. VII. 64 — 71. Ordens⸗Chron. p. 180 — 181.
3) Kojalowicz P. II. p. 187 — 188.
4) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Koͤnigsb. nach Michael. 1441 Schbl. XVI. 32. Verhandlung des Marſchalls des Großfuͤrſten mit dem HM. Regiſtr. VII. 75.
5) S. oben B. VII. S. 712. Lancizolle Geſch. der Bild. des Preuſſ. Staats B. I. 295. Stenzel Geſch. des Preuſſ. Staats B. I. 190. Raumer Codex diplom. Brandenb. T. I. p. 151.
Verhaͤltniſſe zu den Nachbarfürſten. (1441.) 25
führe, auch den der Gewalt gegen den Orden einſchlagen, ſo ſandte er den Vogt von Brathean an den Röm. Koͤnig, die Kurfürften und den Deutſchmeiſter, um auskundſchaften zu laſſen, wieweit der Kurfürſt in feinen Bemuhungen am Hofe gerichte und beim Concilium bereits gegangen ſey.) Da der Weg des Rechts, wie der Meiſter wohl erkannte, fuͤr den Or⸗ den nicht anders als guͤnſtig ausfallen konnte, ſo mußte er nur darauf denken, wie etwanige Gewaltſchritte des Kurfuͤrſten ab⸗ zuwehren ſeyen, und hierbei kam ihm der Wunſch des vom Kurfürſten ebenfalls bedrängten Herzogs von Pommern entge⸗ gegenſeitiges Hülfsbündniß gegen jeden, der len werde, anbieten ließ. Indeß ging der Hochmeiſter, da Friederich noch durchaus keinen feindlichen Schritt gethan, mit großer Vorſicht zu Werke.) Um zuvor des Kurfürſten Geſinnung auszuforſchen, ließ er ihn erſuchen: er moge des Ordens Feinde, beſonders die des Vogts der Neumark, die ſich in ſeinem Lande aufhielten, nicht ferner dul⸗ den und ihnen Schutz gewähren, wie bisher zum Schaden des Ordens geſchehen ſey; etwanige Spaͤne zwiſchen ihren Graͤnz⸗ unterthanen ſolle der Vogt richten und auf dem Wege Rech⸗ tens entſcheiden.s) Des Geſandten Bericht indeß ſcheint kei⸗ neswegs befriedigend geweſen zu ſeyn, denn ſogleich nach ſeiner Rückkehr erhielt der Pfleger von Buͤtow den Auftrag, ſich in perſoͤnlicher Verhandlung mit dem Herzog von Pommern uͤber die Abfaſſung des Buͤndniſſes näher zu verſtaͤndigen ) und es nl zn Me
1) Ueber die Sendung des Vogts v. Brathean Rgſtr. VII. 45 — 47.
2) Die erſten Unterhandlungen darüber begannen zu Pfingſten 1441, indem der Herzog dem HM. durch feinen Rath Lüdecke Maſſow ein Buͤndniß anbieten ließ; Regiſtr. VII. 6 — 7 u. Schbl. XV. 103. Der Herzog ließ dem HM. fagen: man vernehme, „das des Marggra⸗ fen uffſatz ſey, die Marke wider cu ſich ezu czihen adir wider czu ha⸗ ben.“ Sell Geſchichte v. Pommern. B. II. 63.
3) Aufträge für die Geſandten an den Kurfürften, d. Sonnt. nach Corp. Chriſti 1441 Regiſtr. VII. 17. Schbl. XII. 110.
J Auftrage für den Pfleger v. Buͤtow Dieterich v. Werdenau, d. Dienſt vor Margar. 1441 Regiſtr. VII. 18 — 119.
26 Verhaͤltniſſe zu Daͤnemark. (1441.)
geſchah dieß mit günstigem Erfolge.) Die beiden Fürſten vereinigten ſich darauf auch ſelbſt bei einer perſoͤnlichen Zuſam⸗ menkunft Über die weſentlichſten Punkte der gegenſeitigen Hülfsge: noſſenſchaft, wobei jedoch deren foͤrmlicher Abſchluß einer ſpaͤ⸗ tern Zeit vorbehalten ward, um zuvor auf einem angeordneten Richttage die Mißhelligkeiten der beiderſeitigen Unterthanen aus⸗ zugleichen.
Naͤchſtdem befchäftigten den Hochmeiſter auch lange Zeit die Verhaͤltniſſe mit Dänemark. Bald nach feiner Wahl naͤm⸗ lich landete unvermuthet bei Danzig der aus ſeinen Reichen vertriebene Koͤnig Erich von Daͤnemark. Konrad, damals dort eben zur Huldigung anweſend, ritt ihm zum Empfange ent⸗ gegen und führte ihn ſelbſt in die Stadt. Da erhob der Koͤnig vor ihm und den dort verſammelten Gebietigern die bit⸗ terſten Klagen über die Dänen, die ihn feines Thrones, aller feiner Schlöffer und alles Eigenthums verratheriſch beraubt und aus dem Lande vertrieben. Mit dem Erbieten, den Hoch⸗ meiſter und den ganzen Orden als Richter in ſeiner Sache anerkennen zu wollen, erſuchte er jenen um Vermittlung bei den Daͤnen und ſeinem Schweſterſohne Chriſtoph von Baiern, den man bereits nach Daͤnemark gerufen und zum Koͤnige er⸗ nannt hatte. Sie ward ihm zugeſagt, worauf er ſich nach Stolpe zu feinem Vetter, dem Herzog von Pommern begab.“ Auch von dort aus erneuerte er ſeine Bitte, jedoch mit der feltfamen Erinnerung: der Orden ſey ja eben dazu geſtiftet und
1) Verhandlungen des Pflegers v. Buͤtow, Sonnt. nach Bartho⸗ lom. 1441 Regiſtr. VII. 25.
2) Die Zuſammenkunft des HM. mit dem Herzoge, Sonnt. nach Michaelis, Regiſtr. VII. 43 — 44.
3) Die Landung des Koͤniges geſchah Donnerſt. nach Philippi u. Jacobi, Megiſtr. VII. 1. Fol. X. 17. Der Konig mußte in einem Pri⸗ vathauſe wohnen. Die Daͤniſchen Geſchichtſchreiber erwähnen dieſer Flucht Erichs nach Danzig nicht.
4) Die Verhandlungen zwiſchen dem Könige und dem HM. Re⸗ giſtr. VII. 1— 4.
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Verhaltniſſe zu Dänemark, (1441.) 27
beftätigt, Für theidigen. D
Mittlerweile aber erſchien beim Hochmeifter auch ein Send: . bote des neuen Koͤniges Chriſtoph, theils um ihm ſeine Bereit⸗ willigkeit zu einer Vermittlung wegen des von den Hollaͤndern dem Orden zugefügten Schadens (woruͤber ſchon der vorige Meiſter bei der Krone von Daͤnemark Klage geführt) zu bezeu⸗ gen, theils einen Verhandlungstag feſtzuſtellen, den die Hollaͤn⸗ der ſelbſt zur Entſcheidung der Sache vom Könige verlangt hatten. 2 Sichtbar auf des Hochmeiſters Freundſchaft großen Werth legend, erbot ſich Chriſtoph aufs freundlichſte zur Ver⸗ mittelung, ließ jedoch zugleich den Meiſter auch erſuchen, etwa⸗
nige Klagen des Koͤniges Erich gegen ihn nicht weiter zu be⸗ achten, und trug ein gegenſeitiges Buͤndniß an, in welches er mit dem Orden zu treten wuͤnſchte.) Daruber verlangte Kon⸗ rad zuvor eine nähere Mittheilung;
ſten, Ritter und Knechte zu ſchirmen und zu ver⸗
hren Gebietigern und ſtaͤdtiſchen Bevollmächtigten über die Strei
mthur von Danzig Nicolaus von Dirſchau und mehre andere nach Kopenhagen abgeſandt. 5 Ihre Vollmacht lautete: fie ſollten von den Hollaͤndern genuͤ⸗ genden Schadenerſatz für alle den Unterthanen des Ordens weggenommenen Schiffe und vom Koͤnige von Daͤnemark Be⸗ ſtaͤtigung aller fruheren Handelsprivilegien für den Kaufmann —
1) Schr. des Koͤniges Erich v. Daͤnemark, d. Muͤgenwalde am T. d. heil. Leichnams 1441 Schöl. XXXI. 46. Regiſtr. VII. 53.
2) Der Streit betraf vorzüglich noch den Schaden „ den des HM. Unterthanen durch die Wegnahme der 22 Schiffe erüitten hatten, worüber ſchon unter Paul v. Rußdorf viele Verhandlungen Statt gefunden. Willebrandt Hans. Chron. Th. II. p. 93. Köhler Samml. Hanſ. Geſchichte v. 215. Hanſeat. Receſſe VI. 499 ff.
3) Das Anbrir gen des Dänifchen Sendboten Mont. nach Trinit. 1441 Rgſtr. VII. 9
4) unrichtig ſetzt Schiaz p. 145 die Sendung dieſer Botfchafter noch vor die Wahl des HM. Val. Sartorius Geſchichte des Hanf. Bundes B. II. 271,
28 Verhaͤltniſſe zu Daͤnemark. (1441.)
aus Preuſſen verlangen.) Dieſer verhieß ihnen auch bei ihrer Ankunft in Kopenhagen allen moͤglichen Beiſtand; allein bedenkliche Reichsverhaͤltniſſe riefen ihn ploͤtzich nach Schweden. Seine Raͤthe ſuchten nun zwar in den Verhandlungen mit den Hollaͤndern eine Ausgleichung herbeizuführen; da dieſe indeß ebenfalls mit harten Klagbeſchwerden gegen die Danziger und Elbinger auftraten, die Verhandlungen dadurch noch mehr ver⸗ wirrt und vom Hauptgegenſtande abgelenkt wurden, uͤberdieß auch die von den Ordensgeſandten geforderte Summe des Schadenerſatzes den Hollaͤndern viel zu hoch ſchien und dieſe nur die Haͤlfte boten, ſo zogen ſich die Unterhandlungen ſo in die Länge, daß zuletzt faſt alle Ausſicht zu einem Vergleiche verſchwand. ) Statt ſich zu nähern, gingen die Parteien in gegenfeitigen Vorwürfen immer mehr auseinander.“) Indeß kam endlich im September nach vielen Verhandlungen doch ein Vergleich zu Stande, des Inhalts: alle der genommenen zweiundzwanzig Schiffe wegen in Preußen oder Livland geſan⸗ gen geſetzten Holländer werden frei gelaſſen und ihre Güter oder etwanige Schatzung ihnen zuruͤckgegeben; fuͤr jene Schiffe und die darin befindlich geweſenen Guͤter zahlen die Holländer, Frieslaͤnder und Seelaͤnder den betheiligten Preuffen und Liv⸗ laͤndern neuntauſend Pfund Groſchen in vier Terminen; der Herzog von Burgund ſoll erſucht werden, dieſe Geldſumme ungehindert aus ſeinen Landen ausführen zu laſſen; wegen Ausgleichung anderer Beſchwerden und Anforderungen für
1) Vollmacht und Inſtruction fuͤr die Sendboten, d. Dienſt. nach Corpor. Chr. 1441 Schbl. XXXIII. 125. Regiſtr. VII. 12 — 13. Schl. 79. 10.
2) Bericht der Ordensgeſandten uͤber ihre Verhandlungen Fol. A. 29 — 32. Regiſtr. X. 15 — 17. Die Sendöoten des Ordens verlang⸗ ten als Entſchaͤdigung für die 22 Schiffe 15,000 Pfund; die Holaͤn⸗ der boten nur 8000 Pfund. Nach Fiſcher Geſch. des Deutſch. Han⸗ dels B. II. S. 395 ſchlug Danzig den Verluſt auf 30,000 Mark an, nach Kohler a. a. O. P. 215.
3) Fol. A. 30.
4) Nach Schütz p. 145. ſollten davon 7000 Pfund den Preuffen, 2000 den Livlaͤndern zufallen.
Verhaͤltniſſe zu Danemark. (1441.) 29
genommene Schiffe und ſonſtige Verluſte ſollen der Hochmei⸗ ſter und der Herzog von Burgund andere Verhandlungstage anordnen; alle neuen Satzungen gegen den Handel der Hol⸗ länder in Preußen und der Preußen in Holland, Seeland und Friesland verlieren hiemit ihre Wirkſamkeit u. ſ. w. ) Inzwiſchen hatte Koͤnig Erich, bereits nach Gothland zu⸗ rückgekehrt, den Hochmeiſter wiederholt mit laͤſtiger Zudring⸗ lichkeit aufgefordert, ihm wegen der von den Daͤnen ihm zuge⸗ fügten Schmach und Gewalt Recht und Huͤlfe zu verſchaffen. Die zwar hoͤflichen, aber nichtsſagenden Antworten ſchienen ihn kaum zu verdrießen. > Endlich vertroͤſtete ihn der Mei⸗ ſter mit dem Beſcheide: er habe den Koͤnig Chriſtoph erſucht, ſeine Machtboten nach Danzig zu ſenden zu einem Verſuche, die Streitſache in Güte beizulegen.?) Bereits indeß war der Komthur von Danzig mit dem Entwurfe eines Buͤndniſſes zu⸗ ruͤckgekehrt, wonach zwiſchen dem Orden und dem Koͤnige Chriſtoph, der bereitwillig dem Orden und den Staͤdten Preu⸗ ßens alle Handelsprivilegien ſeiner Vorfahren von alten Zeiten her erneuert und beftätigt hatte „ eine gegenſeitige Huͤlfsge⸗ noſſenſchaft auf zehn Jahre geſchloſſen und darin beſtimmt war, daß in Kriegsgeſahr einer dem andern mit tauſend Be⸗ waffneten Beiſtand leiſten ſolle. War auch im Vertrage des Koͤniges Erich nicht erwaͤhnt, ſo zielte auf ihn doch offenbar die Beſtimmung, daß ein Theil des andern Widerſacher mit
1) Der Vertrag, d. Ko 1441 (ſehr beſchaͤdigt) Schbl Dumont. T. III. P. I.
penhagen Mittw. vor Nativit. Mariä - XXX. 44. Regiſtr. VII. 37 — 39, P. 106. Liinig T. XIV. Schiitz p. 145; ſ. Kotzebue B. IV. 268. Die Zahlung der Summe ſollte alle Weih⸗ nachten von 1442 bis 1445 erfolgen. Fiſcher a. a. O. S. 396.
2) Schr. des Kön. Erich, d. Gothland in der Burg Wisborg am T. Jacobi 1441 Schbl. XXXI. 35. Ngſtr. VII. 54. Antwort des HM.
d. Rothenhaus Mont. nach Aſſumt. Marid 1441 Agſtr. VII. 55. Neues Schr. des Koͤn. Erich, d. Wisborg. in profesto nativit. Mariae 1441 ebend. p. 56.
3) Schr. des HM. an König Erich, d. Koſſebuͤde Mont. vor Michael. 1441 Regiſtr. VII. 57.
4) Schiitz p. 145,
30 Tagfahrt zu Elbing. (1441.)
bekaͤmpfen ſolle.) Jedoch erließ der Hochmeiſter an Koͤnig Chriſtoph eine neue Aufforderung zu einer Sendung nach Danzig,? denn er hoffte, Erich werde ſich durch irgend einige Erbietungen und Bewilligungen leicht zufrieden ſtellen laſſen. 9
Da nahete die Zeit einer den Staͤnden des Landes von neuem anberaumten Tagfahrt zu Elbing, die des Meiſters ganze Thaͤtigkeit wieder den innern Verhaͤltniſſen des Landes zuwandte.) Das Intereſſe der betheiligten Staͤdte machte nothwendig, daß die von den Machtboten des Ordens zu Ko⸗ penhagen mit den Hollaͤndern gefaßten Beſchluͤſſe auch von Seiten der Stände genehmigt und beſtaͤtigt wurden. Allein fo dankbar ſich die Ritterſchaft uber die Bemühungen aus⸗ ſprach, durch welche die fuͤr das Land ſo nachtheilige Zwie⸗ tracht mit den Hollaͤndern ausgeglichen war, ſo warfen doch die Bevollmaͤchtigten mehrer Staͤdte allerlei Ausſetzungen und Beſchwerden ein, verlangend, daß einzelne ihr ſtaͤdtiſches Sn: tereſſe nachtheilig beruͤhrenden Beſchluͤſſe widerrufen werden ſollten. Die Ritterſchaft indeß ſtimmte dem Hochmeiſter bei, daß auch in dieſen Punkten kein Widerruf geſchehen koͤnne, da man in des Komthurs von Danzig Vollmacht von Seiten der Stände ausdrücklich erklaͤrt habe, alle Befchlüffe der Sendbo⸗ ten genehmigen und aufrecht halten zu wollen. Die Beſchwerde der Städte über die laͤſtigen Vorladungen und Eingriffe der Weſtphaͤliſchen Femgerichte in das Gerichtsweſen des Landes, die jetzt ſchon immer haͤufiger wurden, verſprach der Hochmei⸗ ſter abzuwenden, ſobald ihm die geeigneten Wege dazu moͤglich
1) Die als Grundlage zum gegenſeitigen Hülfsbuͤndniſſe vom Koͤ⸗ nige Chriſtoph vorgeſchlagenen Artikel, vom Komthur zu Danzig dem HM. am T. Kreuz Erhöhung vorgelegt, im Regiſtr. VII. 36 — 37.
2) Schr. des HM. an Koͤn. Chriſtoph, d. Koſſebude Mittw. v. Michaelis 1441 Regiſtr. VII. 58.
3) Schr. des HM. an Chriſtoph Parsberger in Daͤnemark, d. wie vor Regiſtr. VII. 60.
4) Sie begann am T. Catharinä (25 Novemb.) und dauerte mehre Tage.
Tagfahrt zu Elbing. (1441.) 31
wuͤrden, zumal da er ſelbſt in ſeinem Streite mit Hans David durch die Freigrafen bedraͤngt werde. Jedoch gab er den Staͤnden zu verſtehen, daß ſie ſelbſt nicht ganz außer Schuld bei dieſer Belaͤſtigung durch die Feme ſeyen. »
Da ſich dem Hochmeiſter aber auch auf dieſer Tagfahrt immer noch Spuren von Mißtrauen in ſeine wohlgemeinten Abſichten kund gaben und im Lande noch allerlei Gerüchte von feindſeligen Gewaltmaaßregeln des Ordens gegen die Verbuͤndeten verbreitet wurden, die das Vertrauen und den Frieden ſtoͤrten, fo fand er nothwendig, ſich auf dieſer Tag⸗ fahrt darüber frei und offen auszuſprechen. „Liebe Ritter und Knechte und liebe Getreue,“ ſagte er mit wehmuͤthiger Herzlich⸗ keit, „wir vernehmen, daß zwiſchen uns und euch etlicher Un⸗ glaube iſt, als daß wir unſere Häuſer beſpeißen aus Noth und weil das Getraide wohlfeil iſt, und daß wir zuſammen
reiten. Das iſt geſchehen, weil wir von unſerem Herrn Röm. Koͤnige und den Kurfuͤrſten gen Frankfurt in eigener Perſon geladen wurden; wir mußten Sendboten ſchicken, die uns ent⸗ ſchuldigten, daß wir in eigener Perſon nicht kommen koͤnnten. Nun meinen etliche, daß wir ſolches Zuſammenreiten um nichts anders thun, als der Lande und Städte willen, um ihnen Gewalt und Unrecht zuzuſuͤgen. So kamen zwei Herren aus Baiern, die begehrten unſern Orden und ritten nach Gewohn⸗ heit in ihrem Harniſch zum Komthur von Elbing; da mein⸗ ten ſogleich etliche, man wolle ſie uͤberfallen und Gewalt und Unrecht uͤben. Liebe Getreue, wir bitten euch, ſetzet nicht auf uns ſolchen Unglauben und Mißtrauen. Gott weiß, wir ha⸗ ben ein ſolches nie Willens gehabt und iſt nie in unſere Her⸗ zen noch Gedanken gekommen, jemand zu uͤberfallen oder Wege und Weiſe zu ſuchen, um euch zu zwingen und zu dringen oder irgend zu beleidigen. Gott weiß, daß uns nicht lieb iſt Unfriede, Zwietracht und Widerwille, denn wie mag uns baß ſeyn, als daß wir mit euch und ihr mit uns in
1) Fol. A. 34. Regiſtr. X. 20. Das Nähere darüber in Voigt Weſtphaͤl. Femgerichte in Beziehung auf Preußen S. 36 — 37.
32 Tagfahrt zu Elbing. (1441.)
Eintracht, Liebe und Freundſchaft lebet! Darum wendet von euch ſolchen Unglauben und glaubet ſolchen nicht, die euch ſolches ſagen, ſondern glaubet uns; wir lieben euch als un⸗ ſere lieben Getreuen und wollen thun bei euch als getreue Herren ihren getreuen Unterſaſſen nach allem unſern Vermo⸗ gen. Kehret euch nicht daran, ob etliche Unwiſſende und Un⸗ erfahrene auf den Ordenshaͤuſern etwas redeten, das da einen Mißglauben erzeugen oder jemand verletzen moͤchte. Wir wol⸗ len ſchreiben auf alle Haͤuſer und die Gebietiger ernſtlich er⸗ mahnen, daß ſie jedermann warnen, daß er zuſehe, was er redet. Geſchaͤhe es, daß die Gebietiger ſaͤumlich befunden winden, ſo wollen wir ſelbſt nach Klage und Antwort alſo viel dazu thun, als ſich das von Recht wird gebuͤhren. Darum, liebe Getreue, leget ab ſolchen Unglauben und vertrauet uns; wir wollen thun als die getreuen Herren und als wir vor Gott und aller Welt verantworten moͤgen.“) — So der Hochmeiſter mit aufrichtigen Wohlwollen. Auch der Komthur von Elbing Heinrich von Rabenſtein, den man im Lande am meiſten verunglimpfte und deſſen Abſichten an vielen Orten verdaͤchtigt wurden, ſprach mit eindringlicher Wärme von der Redlichkeit ſeiner Geſinnung gegen Lande und Staͤdte, und wie er, ſo erklaͤrten ſich auch alle andern anweſenden Gebie⸗ tiger: „haltet uns für die, wofte ihr uns billig halten ſollt; wir wollen euch wieder halten, als wir es euch pflichtig und ſchuldig ſind.“ ?
Die Reden machten großen Eindruck auf die Verſammel⸗ ten und der Tag zu Elbing gewann dadurch auf viele Jahre die wichtigſten Folgen. Hans von Czegenberg ſprach im Na⸗ men der Ritterſchaft die Freude aus, die des Meiſters Wort durch die ganze Verſammlung verbreitet, und man verhieß, das aufrichtige Erbieten des Landesherrn auch an die daheim Ge⸗
1) Die Rede des HM. im Regiſtr. X. 22. Fol. A. 363 f. Kotze⸗ bue B. IV. 37 — 38, wo ſie unrichtig in die erſten Tage des HM. Konrad v. Erlichshauſen geſetzt wird.
2) Regiſtr. X. 23.
Tagfahrt zu Elbing. (1444 — 1442.) 33
bliebenen zu bringen, damit auch bei dieſen aller Zweifel und Unglaube verſcheucht werde. „Wir hoffen und vertrauen,“ ſo endete Hans von Czegenberg feine Rede, „ daß Euere Gnade und euere Gebietiger uns getreulich rathen und helfen werden, als unſere rechten, getreuen, lieben Herren, wie ihr bisher auch gethan. Ihr werdet euerer getreuen Ritterſchaft daſſelbe wohl zutrauen, da wir an Euern Gnaden und euerm Orden, wie getreue Mannſchaſt bei ihrem Herrn getreulich thun ſoll, ob Gott will auch thun wollen, unſern Leib und Gut und unſere Haͤlſe fir euern Orden darreichen, wie das unſere Vaͤter und wir immer auch gethan haben.“ » Nachdem Hans von Cze⸗ genberg im Namen der Ritterſchaft an den Meiſter noch den Antrag gerichtet, es möge bald auf einer neuen Tagfahrt uͤber neue Willkühren und nothwendige Landesgeſetze, uͤberhaupt uͤber eine beſſere Landesverwaltung beſonders in Beziehung auf den armen Landmann eine Berathung angeordnet werden, ſprach ſich ebenſo Tiedemann von Hirken, der Bürgermeiſter von Kulm, im Namen der Staͤdte mit Vertrauen gegen den Mei⸗ ſter aus, den Wunſch der Staͤdte aͤußernd, daß ein freier Schiffkauf nicht bloß fuͤr die Hollaͤnder nach Laut des ge⸗ ſchloſſenen Vertrages, ſondern auch fir die Engländer und die Wendiſchen Staͤdte im Lande erlaubt werde. Der Hochmeiſter bewilligte es und zugleich auch das Geſuch der Ritterſchaft um einen freien Markttag in der Woche, an welchem jeder⸗ mann kaufen und verkaufen Tonne, was er wolle, obgleich die Staͤdte dieſe Bewilligung ungern ſahen. Damit ging die Tagsverſammlung zu Elbing auseinander. In Folge dieſer Verhandlungen beſtaͤtigte jetzt der Hoch⸗ meiſter den mit den Holländern geſchloſſenen Vergleich mit Zuziehung der wichtigſten Städte des Landes. 3) Aber zugleich
1) Regiſtr. X. 24. Fol. A. 37.
2) Auf der letzten Tagfahrt zu Elbing hatten die Städte ſich ge⸗ gen die Beſtimmung des
Vertrages, daß die Holländer frei Schiffe kaufen koͤnnten, erklärt,
3) Abſchrift der urkundlichen Beftätigung, d. Elbing Mont, nach VIII.
34 Tagfahrt zu Elbing. (1441 — 1442.)
galt es ihm nun als die naͤchſte Aufgabe aller feiner Bemuͤ⸗ hungen in der innern Landesverwaltung, das Vertrauen, wel⸗ ches Lande und Staͤdte gegen ihn ausgeſprochen, in jeder Weiſe zu rechtfertigen. Es gingen ſofort Sendboten an den Roͤm. König und an die Kurfürſten, bei denen er ſich uͤber die Belaͤſtigungen und Eingriffe der Femrichter beſchwerte, womit theils der Orden ſelbſt in ſeinem Streite mit Hans David, theils mehre ſeiner Staͤdte vielfach bekuͤmmert wurden; ſich berufend auf des Ordens Freiheit von aller fremden Ge⸗ richtsbarkeit bat er aufs dringendſte um Schutz fuͤr feine Unter⸗ thanen gegen die frechen Freiſtuͤhle.) Nich minder fuchte er auch den vielfachen Klagen abzuhelfen, welche ſeine Unter⸗ thanen gegen Polen theils wegen Hemmung der freien Han⸗ delsſtraßen durch das Königreich und wegen Verhinderung des freien Handelsverkehrs mit den Polniſchen Staͤdten, mit Kra⸗ kau, Sandomir, Lemberg u. a., theils wegen Erhoͤhung der Zölle in Polen und der vielen Beläſtigungen auf den Han⸗ delswegen durch die Polniſchen Hauptleute und Burggrafen zu führen hatten, Klagen, die insgeſammt als dem ewigen Frieden zuwiderlaufend angeſehen werden konnten. 2) Sie ſoll⸗ ten auf dem im Anfange des Jahres 1442 zu Thorn gehalte⸗ nen allgemeinen Richttage genau unterſucht und geſchlichtet werden. Allein die Wichtigkeit vieler Klagpunkte, die große Zahl der angebrachten Beſchwerden und die Schwierigkeit der Verhandlungen ließen die beiderſeitigen Bevollmaͤchtigten zu
Catharina 1441 Schbl. XXXIII. 42. Regiſtr. X. p. 26. Die Staͤdte Thorn, Elbing, Danzig und Riga unterſiegelten.
1) Aufträge an die Sendboten und Schr. des HM. an den Röm. König, d. Mar. am T. Concept. Mariä 1441 Regiſtr. VII. 77 — 83. Die dem Hauskomthur von Koͤln gegebenen Aufträge an die Kurfuͤr⸗ ſten, d. Sonnab. vor Lucid 1441, ebendaſ. p. 84 — 85. Die Geſchichte des Streites des Ordens mit Hans David in Voigt die Weſtphaͤl. Femgerichte u. |. w. S. 7 ff.
2) Die Aufzaͤhlung der zahlreichen Klagpunkte der Ordensuntertha⸗ nen Regiſtr. VII. 96 — 103; fie find von Intereſſe, weil ſie uns man⸗ chen Aufſchluß uͤber den Handel Preuſſens durch Polen nach Ungern und ins ſuͤdliche Rußland geben.
Tagfahrt zu Elbing. (1441 — 1442.) 35
keinem feſten Beſchluſſe kommen. man wolle alles bis zu einer perfo Koͤniges und des Hochmeiſters um weil man hoffte, beide Fuͤrſten wu über das Wichtigſte verſtaͤndigen.“ Auch im Innern des Landes war der Hochmeiſter unab⸗ laͤſſig bemuͤht, das neuerweckte Vertrauen der Unterthanen zur Landesherrſchaſt noch mehr zu befeſtigen und billigen Wüͤnſchen und Bitten ſo viel als moͤglich Gnuͤge zu leiſten. Der Or⸗
densmarſchall und der Komthur von Kreuzburg mußten ſich
mit den Freien im Gebiete von Eilau uͤber die von dieſen ge⸗
wuͤnſchte Erleichterung in der Lieferung des Schalvenskornes dahin einigen, da
5 alle Freien, die dieſe Abgabe ſchon von Altersher gegeben, ſolche von jetzt an nur jedesmal im dritten Jahre liefern ſollten; über Recht und Verpflichtung in dieſer Sache ſtellte man gegenſeitig beſiegelte Zusicherungen aus, 2 Eine gleiche freundliche Vereinigung traf man mit den Freien im Balgaiſchen und K
reuzburgiſchen Gebiete, wo beſonders der Landesritter Hans von Ponnaw auf die Freien mit gro⸗ ßem Eifer in dieſer Angelegenheit für den Orden guͤnſtig wirkte. 3) Daneben fehlte es freilich hie und da auch nicht an ſolchen, die immer noch das alte Mißtrauen im Volke, wo ſie nur konnten, zu unterhalten oder auch neu anzuregen ſuchten, gegen die Obern aufhetzten, zu neuen Forderungen anreizten
Auslieferung der aus P rde zwiſchen den Be ia IV infra octavas E.
Es ward daher beſtimmt, nlichen Zuſammenkunft des Michaelis anſtehen laſſen, rden ſich leichter perfünlich
1) Nur über die olen ins Ordensgebiet ge⸗ flüchteten Bauern wu vollmaͤchtigten ein Beſchluß gefaßt, d. Thorun Fer Piphan. 1442 Schbl. 67. 1. Negiſtr. VII. 101. Die urk. der Poln. Bevollmächtigten, d. Nyeschowa Feria III. infra octavas Epiphan. 1442 Regiſtr. VII. 95. Unter den Ordens bevollmächtigten befand ſich auch Hans von Baiſen, der uͤber⸗ haupt in den Auegleichungsverhandlungen mit Polen und Maſovien jetzt vielfach thaͤrig war.
2) Schr. des Ordensmarſchalls d. Eilau Dienſt. nach Invocavit 1442 Schbl. LXXIII. 75 (a).
3) Schr. des Ordensma docav. 1442 Schbl. LXXII d. Eilau Sonnab. vor Dcufi
rſchalls, d. Kreuzburg Donnerſt. nach In⸗ 1. 76 (a). Schr. des Komthurs v. Balga, i 1442 Schbl. LXXIII. 83.
3 *
36 Tagfahrt zu Elbing. (1442.)
und den Geiſt der Unzufriedenheit ſtets zu naͤhren wußten. Im Komthurbezirke von Oſterode gingen ſolche Aufhetzungen des gemeinen Volkes beſonders von den Staͤdten aus. Aber auch die Ritterſchaft hielt dort mit den Kulmern oͤſter noch Zuſam⸗ menkuͤnfte zur Berathung uͤber angebliche Ungerechtigkeiten und „Unſertigkeiten.““ Ueberhaupt hatte der unzufriedene, miß⸗ trauiſche Geift im Oſterodiſchen Gebiete noch am tiefſten Wur⸗ zel gefaßt.)
Theils dieſe hie und da noch obwaltende mißliche Stim⸗ mung im Lande, theils haufig einlaufende Klagen uͤber Miß⸗ brauche in Staͤdten und auf dem Lande und immer neue An⸗ forderungen an die Landesherrſchaft bewogen den Hochmeiſter, um die Mitte des März Lande und Staͤdte abermals zu einer Tagfahrt nach Elbing zu berufen. Da trat er vor den Ständen mit der Vorſtellung auf: es ſey ihm unmoͤglich, das Hochmeiſteramt bei dem großen Geldmangel ſeines Schatzes mit erforderlicher Würde zu verwalten; ſeine Vorfahren in dieſem Amte hätten bekanntlich zur Staats⸗ und Hofhaltung des Hochmeiſters gewiſſe Gebiete, die man Kammergebiete nenne, angewieſen, uͤberdieß auch eine Schaͤfferei mit einem Schatze von mehr als hunderttauſend Mark gehabt; aus bei⸗ den habe ein Hochmeiſter ſeinen Hofſtaat und das Haupthaus Marienburg würdig unterhalten und Landen und Staͤdten zur Unterſtuͤtung noch manche anſehnliche Summe geſpendet. Das ſey jetzt alles anders. In den Kammergebieten ſey die Ars muth und Verwüͤſtung fo groß, daß die Einkünfte nicht ein⸗ mal zum dritten oder vierten Pfennig mehr eingingen; die große Schaͤfferei ſey ganz und gar zu Grunde gerichtet und im ganzen Lande, wie in den Staͤdten ſo auf dem Lande, ſo
1) Schr. des Komthurs v. Oſterode an den HM., dem er mel⸗ det, daß es in den Staͤdten immer noch manche gebe, „die under die lüthe eren bozen Somen ſehen u. boze bilde In vortragen, alſo das das folk ungenyget wirt.“ Schr. des Komthurs v. Oſterode, d. Ho⸗ henſtein o. D. (1442) Schbl. LXXIII. 85.
2) Sie ward am Mittwoch nach Lätare 1442 eroͤffnet; Regiſtr. X. 35.
Verhandlung wegen der Zölle. (1442.) 37
druckende Armuth und Elend, daß er auch von da her die noch ausſtehenden Schulden, die auf einige Jahre wohl zu⸗ reichen koͤnnten, nicht eingezahlt erhalte. Dieß alles noͤthige ihn, Gebrauch von feinen Privilegien zu machen, Zoͤlle aufzu⸗ legen und namentlich den Pfundzoll zu erheben. Daß er da⸗ zu berechtigt ſey, bewies er den Staͤnden aus dem alten Pri⸗ vilegium des Kaiſers Friederich des Zweiten.) Viele erklaͤr⸗ ten: ſie wollten den Meiſter gerne bei ſeinen Rechten und Privilegien laſſen, wie er ihnen die ihrigen aufrecht erhalte. Allein die Kulmiſche Ritterſchaft, an ihrer Spitze Hans von Gegenberg, Kunz von Clement, Otto von Plenchau, Nicolaus von Senzkau und Georg Maul ſtellten vor, daß fie zu ſolcher Einwilligung keine Vollmacht haͤtten und die Sache an die Ihrigen zuruͤckbringen mußten, obwohl an einer geneigten Zu⸗ ſtimmung nicht zu zweifeln ſey. Ihnen folgten darin auch die großen Staͤdte Kulm, Thorn, Elbing, Danzig und Königs⸗ berg; doch erklärte auch in ihrem Namen Tiedemann von Hir⸗ ken, daß auch ſie bereit ſeyen, den Orden bei ſeinen Privile⸗ gien zu laſſen. Er verlangte jedoch zugleich im Namen aller Ständer der Meiſter möge das Ablaßgeld, um welches ihn abermals einige Kurfürften gemahnt hatten, nicht eher aus dem Lande gehen laſſen, als bis man ſehe, wie es damit andere Fuͤrſten hielten, und die Praͤlaten des Landes billigten dieſes Geſuch. Um ſich die Staͤnde geneigt zu erhalten, willigte der Hochmeiſter auch gerne in manche andere an ihn gerichtete Forderungen und Wuͤnſche, ſagte ihnen den bereits verſproche⸗ nen Richttag auf Martini zu, verſprach auch zweckmaͤßige Maaßregeln zur Abhuͤlfe ihrer Klage, daß die Polen in ihrem Handelsverkehre nicht die alten Straßen hielten, verhieß neue Anordnungen zur Förderung des Handels und Verkehrs, der Induſtrie und uberhaupt alles deſſen, was zum Wohl und
1) Das Vorſtellen des HM. uͤber die Lage des hochmeiſterlichen Amtes im Regiſtr. X. p. 33. Auch feine Schilderung von der Beſchaf⸗
fenheit des Landes iſt hoͤchſt traurig und unerfreulich. Vgl. Gralath Geſchichte v. Danzig B. I. S. 215,
38 Verhandlung wegen der Zölle, (1442.)
Gedeihen des Landes diene. Nur in ihre Forderung wegen Abſtellung des Mahlpfenniges konnte er nicht einwilligen. Somit war ein neuer Streitpunkt hingeworfen. Die meiſten kleineren Staͤdte, deren Intereſſe bei Erhebung neuer Zölle und beſonders des Pfundzolles weniger im Spiele war, wandten zwar nichts dagegen ein und erklaͤrten ebenfalls, daß ſie den Orden im Gebrauche ſeiner Rechte und Privilegien nicht beſchraͤnken wollten. Auch die Ritterſchaft und die ehr⸗ baren Leute des platten Landes ſprachen ſich in Berathungen auf ihren Tagfahrten in den meiſten Gebieten, ſelbſt in dem von Rheden in Ruͤckſicht der Zölle zwar gleichfalls zu Gunſten des Hochmeiſters aus; ) andere der kleinen Staͤdte ſchwankten noch und lauſchten, wie ſich die großen Staͤdte in der Sache verhalten wurden; einige, wie Graudenz, Leſſen u. a. erklaͤrten auch geradezu, daß ſie dem Beiſpiele der großen Staͤdte folgen wollten.) Allein in Danzig ließ man mittlerweile Engliſche und Flaͤmiſche Schiffe mit ihren Kaufguͤtern ohne Pfundzoll aus⸗ und einlaufen. Der Rath der Stadt kümmerte ſich um kein Verbot weder des Pfundmeiſters noch des Komthurs, hetzte vielmehr die dortigen Engländer und Holländer auf, ſich mit ihm vereint der Erhebung des Pfundzolles beharrlich zu widerſetzen.) Thorn und Kulm beriefen ſich auf ein altes
1) Die Verhandlungen dieſer Tagfahrt Regiſtr. X. 35 — 36; der weſentliche Inhalt bei Schütz p. 146.
2) Schr. des Komthurs von Graudenz, d. Mont. nach Judica 1442 Schbl. LXXVI. 46. Schr. des Komthurs v. Golub, d. Mittw. nach Judica 1442 ebendaſ. 29. Schr. des Pflegers v. Papau, d. Dienſt. nach Judica 1442 ebendaſ. 37. Schr. des Komthurs v. Rheden, d. Donnerſt. vor Palmar. 1442. Schr. des Vogts v. Roggenhauſen, d. Mont. vor Palmar. 1442 Schbl. LX. 128.
3) Schr. des Vogts v. Noggenhaufen, d. am grünen Donnerſt. 1442 Schbl. LXXVI. 50. Dieſer Vogt ſcheint ganz beſonders be⸗ muͤht geweſen zu ſeyn, auszuforſchen, was in den kleinen Städten vorging.
4) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Sonnab. vor Palmar. 1442 Schbl. LX. 81. Schr. des Pfundmeiſters zu Danzig, d. Freit. vor Palmar. 1442 ebendaſ. 97.
Verhandlung wegen ber Zölle. (1442.) 39
Privilegium des Herzogs Sambor von Pommern, welches ſie in feinem Gebiete fr frei von allen Zöllen erkläre, D obgleich der in der alten Landesgeſchichte wohlbewanderte Biſchof Ka⸗ ſpar von Pomeſanien ihnen zu erweiſen wußte, daß dieſe Be⸗ freiung ſich nur auf das Landgebiet von Mewe, wo jener Her⸗ zog geherrſcht, keineswegs aber auf ganz Pommern und alſo auch nicht auf das Gebiet von Danzig beziehe. 2
Je mehr nun aber der Meiſter ſah, daß ſelbſt die Bun⸗ des⸗Staͤdte in Rüͤckſicht der neuen Streitfrage unter einander nicht einig ſeyen, um ſo wichtiger ward es fuͤr ihn, zu erfor⸗ ſchen, welche unter den kleinern Städten ſich für ihn erklaͤrten und welche dagegen ſich den großen Städten anſchließen woll⸗ ten, denn er ging dem Plane nach, die Uneinigkeit zu ſeinem Vortheile zu bemitzen, die Trennung wo möglich noch zu et: weitern und in ſolcher Weiſe, da die Ritterſchaft zum großen Theil für ihn günſtig geſtimmt ſchien, vielleicht eine völlige Auflöſung des ganzen Bundesverhaͤltniſſes herbeizuführen. Die Komthure und Voͤgte wurden daher beaufragt, die Stimmung und Geſinnung ſowohl der ehrbaren Leute auf dem Lande als der einzelnen Staͤdte aufs genauſte auszuforſchen, und der Meiſter vernahm bald von vielen Seiten her, daß man, dem Orden meiſt guͤnſtig und geneigt, den Rechten deſſelben in keiner Weiſe entgegentreten und der Erhebung der Zölle auch keine Schwierigkeiten entgegenlegen wolle.) Manche Staͤdte
* 1) S. oben B. III. S. 29, wo zu Kulm auch Thorn hinzugefügt werden muß, wie eine neuaufgefundene Urkunde ausweiſet. 2) Schr. des Biſchofs v. Pomeſanien, d. Rieſenburg am Palm =
Sonnt. 1442 Schbl. LXV. 25. Die Nachweiſung geſchah theils aus namhaft gemachten Documenten, theils durch chroniſtiſche Angaben. Der Biſchof
erwähnt einer Chronik, die er von Niklas Felgenhauer genommen und fuͤr ſich habe ausſchreiben laſſen.
3) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am guten Freit. 1442 Schöl. LII. 98. Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Warz am Oſterabend 1442 Schbl. LXXVI. 40. Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Tu⸗ chel Freit. vor Oſtern 1442 Schbl. LIX. 126. Schr. des Komthurs v. Mewe, d. Stargard Dienft, vor Oſtern 1442 ebendaf. 98. Schr. des Vogts v. Dirſchau, d. Liebenhof Dienſt. zu Oſtern 1442 ebendaſ.
40 Verhandlung wegen der Zölle. (1442.)
erklaͤrten bereits offen, daß fie den Ladungen der großen Staͤdte auf Tagfahrten nicht mehr Folge leiſten und uͤberhaupt an ihrer Sache wider den Orden nicht ferner Theil nehmen wuͤr⸗ den.) Im Oſterodiſchen Gebiete wirkte vorzuͤglich der Lanz desritter Sander von Baiſen auf die Stimmung der Staͤdte für den Orden guͤnſtig ein, fo daß ſich auch dort bald nur noch eine und die andere fand, die dem Vorgange der großen Staͤdte folgen wollte.) Ueberhaupt ſprach ſich in den klei⸗ nern Staͤdten ziemlich allgemein die Meinung aus: „man wolle ſich dem Hochmeiſter als Landesherrn und dem Orden in einer Weiſe bezeigen, wie es guten, getreuen Unterthanen gebühre und Unterthanenpflicht es erfordere. .
Um ſo mehr blieb auch jetzt der Hochmeiſter, ſelbſt durch des Ordensmarſchalls Rath dazu angeregt,“) feſt entſchloſſen, dem Anſinnen der großen Staͤdte nicht nachzugeben. Als da⸗ her ihre Machtboten im Anfange des Aprils zu Marienburg vor ihm erſchienen, um ihn zu vermoͤgen, von der neuen Zoll⸗ erhebung abzuſtehen, ließ er ſich durch keine Vorſtellung bewe⸗ gen, etwas von ſeinem Rechte aufzugeben. Die Verhandlung blieb fruchtlos, denn wie der Meiſter an den ihm zuſtehenden Oberhoheitsrechten und Privilegien, ſo hielten die Sendboten an
201. Schr. des Vogts v. Leipe, d. Bothen Mittw. nach Oſtern 1442 Schbl. LX. 110. Schr. des Komthurs v. Schwez, d. Heinrichsdorf Dienſt. zu Oſtern 1442 Schbl. LXXVI. 44.
1) Schr. des Komthurs v. Strasburg, d. am T. Ambroſi 1442 Schbl. LXXIII. 88. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Donnerſt. vor Quaſimodogen. 1442 Schbl. LX. 138.
2) Schr. des Sander v. Baiſen an den Komthur v. Elbing, d. Mohrungen Dienſt. nach Palm. 1442 Adelsgeſch. B. 96. Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Holland Mittw. zu Oſtern 1442 Schbl. LX. 137.
3) Schr. des Komthurs v. Balga, d. am Oftertage 1442 Schbl. LX. 138.
4) Schr. des Ordensmarſchalls, d. Brandenburg Donnerſt. nach Ambroſti 1442 Schbl. LXXVI. 27: der HM. möge ſich nur „hart“ in den Sachen halten und nichts zuſagen; man meine ſelbſt in Koͤ⸗ nigsberg, er werde durch Feſtigkeit feinen Willen ſchon behalten.
Verhandlung wegen des Pfundzolles. (1442.) 41
den ihnen gelobten Freiheiten feſt. Selbſt der Bitte der Danziger, die bereits fegelfertigen Schiffe zur Ausfahrt frei zu laſſen, gab er kein Gehör, erwiedernd: fie koͤnnen ungehindert ausſegeln, ſobald fie gegeben, was uns gebührt.) Dabei war es vor allem wichtig, daß die beiden angeſehenen Landesritter Hans von Czegenberg und Hans von Baiſen uberall, wo fie konnten, fuͤr den Orden günftig wirkten, denn jener, vorzuͤglich durch den Komthur von Rheden gewonnen, erbot ſich jetzt dem Hochmeiſter in allem, wozu er verpflichtet ſey, mit Rath und Hilfe zu Dienſt zu ſtehen und fein Einfluß zeigte fich bald bei der geſammten Ritterſchaft des Kulmerlandes, wo man ſchon von einer foͤrmlichen Trennung von den großen
Städten ſprach. Auch Hans von Baiſen ſtand dem Meiſter treu zur Seite; er und der Komthur von Elbing gaben ihm den Rath, vor allem die drei Staͤ
dte Thorn, Kulm und Grau⸗ denz, die ſich im Kulmerlande am meiſten widerſetzten, zu einer beſtimmten Erklaͤrung aufzufordern, damit dann mit Nachdruck irgend ein entſcheidender Schritt ge
ſchehen koͤnne. Dem ſtimmte auch Hans von Czegenberg bei?) und dem Großkomthur ſchien es um ſo nothwendiger, weil von einem neuen Bundestage
die Rede war, auf welchem zu Marienwerder die Staͤdte Dan⸗ zig, Elbing und Königsberg ſich der Ritterſchaft wieder naͤher anzuſchließen bofften.?) Alſo lud der Hochmeiſter zuerſt die Städte Kulm und Thom zu einer Tagfahrt nach Mewe. Von ihm dort zu einer beſtimmten Erklarung aufgefordert: ob ſie ihn bei ſeinen kaiſerlichen Privilegien laſſen wollten, wichen
1) Diefe Verhandlung zu Marienburg fallt auf den Sonnt. Qua⸗ ſimodogen. Regiſtr. X. 36— 44. Schätz p. 147.
2) Schr. des Komthurs v. Rheden, d. Hof zu Polniſch⸗Schwez Sonnab. vor Quaſimodogen. 1442 Schbl. LXXVI. 49. Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Neuenhof bei Elbing Freit. nach Quaſimo⸗ dogen. 1442 u. Schr. des Komthurs v. Chriſtburg, d. Freit. nach Quaſimodogen. 1442, woraus die thaͤtige Einwirkung Hanſens v. Baiſen zu Gunſten des HM, ſehr einleuchtend wird.
3) Schr. des Großkomthurs, d. Danzig Sonnab. nach Miſericord. 1442 Schbl. LXXVI. 39,
42 Verhandlung wegen des Pfundzolles. (1442.)
ſie jedoch der Antwort aus, meinend, ſie muͤßten ſich daruͤber zuvor auf dem anberaumten Bundestage mit den andern Staͤdten berathen. Der Meiſter ließ es zu und lud, als der Tag zu Marienwerder gehalten war, auch die übrigen drei Staͤdte zur Verhandlung nach Mewe ein. Sein Streben ging jetzt offenbar darauf hin, Thorn und Kulm wo moͤglich von den andern Staͤdten zu trennen. Mit ihnen ſuchte er da⸗ her beſonders zu verhandeln, als Grund angebend, ſie ſeyen durch die Kulmiſche Handfeſte beſonders privilegirt und vom Pfundzolle frei, weshalb fie auch feinen Gerechtſamen um fo weniger widerſprechen wuͤrden. Auch Hans von Czegenberg ſuchte auf die Städte einzuwirken; D ſie erklaͤrten indeß: fie koͤnnten in der gemeinſamen Landesſache ſich nicht trennen und wuͤrden dem Meiſter eine gemeinſame Antwort ertheilen. Sie erfolgte, lautete aber dahin: die Staͤdte verlangten allzumal, der Orden ſolle ſie bei ihren Freiheiten laſſen und mit dem Pfundzolle oder andern Zoͤllen nicht beſchweren. Da dieß dem Hochmeiſter nicht genuͤgte, ſo trat der Buͤrgermeiſter von Dan⸗ zig in der Uebrigen Namen auf, um die verderblichen Folgen des Pfundzolles fuͤr den Handel mit den Englaͤndern und Hollaͤndern vorzuſtellen, weil beide den Zoll nicht entrichten wollten. Der Meiſter aber erwiederte: „die Holländer habe er bereits uͤberfuͤhrt und beruhigt und den Englaͤndern ſey von Zollfreiheit nichts verſprochen.“ Wohl weiß ich, fuhr er dann fort, was ihr argwoͤhnet. Es gehen Geruͤchte im Lande, der Orden wolle das Land mit allerlei Zoͤllen, Zinſen, Beden und andern Abgaben belaſten. Man ſucht damit das Volk nur zu verhetzen. Man ſagt: der Orden laſſe das Haus zu Danzig bemannen, um die Stadt zu uͤberfallen. Ja in Elbing geht die Rede, als habe das Kalb, auf deſſen Haut das alte kai⸗ ferliche Privilegium geſchrieben ſey, noch vor einem Jahre ge: weidet; der Orden habe ſich des Biſchofs von Rieſenburg und
1) Hierüber muß Schlitz p. 147 — 148 mit dem Berichte über dieſe Tagfahrt im Regiſtr. X. 45 — 47 verglichen werden; beide ergaͤn⸗ zen einander.
Verhandlungen wegen des Pfundzolles. (1442.) 43
des Pfarrers zu Danzig bedient, um ein zu ſchmieden. Alles find Erdichtungen. D nen es zu glauben und ſprachen ſelbſt mi den Gerüchten; indeß verlangten fie doch eine Abſchrift des Privilegiums. Allein der Hochmeiſter verweigerte ſie und wollte es ihnen bloß vorleſen laſſen, ſo oft ſie es verlangten, denn eine Deutung, erklaͤrte er, oder eine Auslegung deſſelben ſtehe ihnen nicht zu. So konnte man ſich nicht vereinigen. Der Biſchof von Pomeſanien, mehre Gebietiger und Hans von Baiſen verſuchten eine Vermittlung zwiſchen dem Meiſter und den Bevollmaͤchtigten und ſchlugen allerlei Wege zur Ausglei⸗ chung vor; allein ohne Erfolg ward hin und her verhandelt. 2) Da trat endlich der Hochmeiſter mit den Worten dazwiſchen: „Wir haben den Pfundzoll angeſetzt und werden ihn nehmen. Unſere Rechte und Privilegien wollen wir dem Röm. Koͤnige zur Rechtsentſcheidung vorlegen; was er ausſpricht, ſoll uns genügen; wir wollen nicht Unrecht thun, jedoch auch unſer Recht behaupten!“ 3)
Die Staͤdte, welche es befremdend und außer der Ord⸗ nung fanden, daß ſich der Hochmeiſter auf den Roͤm. Koͤnig
berufe und ſie vor deſſen Gericht ziehe, forderten ihn auf, den Schritt forgfar
falſches Privilegium Die Städte ſchie⸗ t Verachtung von
ein neuer Zoll von den fremden Kaufleuten die Koͤnige von England und Daͤnemark 8
n ihnen darin nichts entgegen und ſie
Er blieb ſomit beharrlich bei ſeinem ſo viel nach, daß er die Erhebung Zeit anſtehen laſſen wolle, jedoch
unbeſchadet ſeinem Rechte. So ging die Tagfahrt zu Ende,
1) Schüiz p. 148 — 149, Regiſtr. X. 50,
2) Das Einzelne darüber bei Schütz p. 149, Regiſtr. X. 53. 3) Schitz 1. 0. Regiſtr. X. 54.
44 Verhandlungen wegen des Pfundzolles. (1442.)
denn manches Einzelne, was die Staͤdte beim Meiſter zum Beſten des ſtaͤdtiſchen Handels und Verkehrs beantragten, ward ſpaͤtern Berathungen anheimgeſtellt.) Die Spannung aber zwiſchen dem Hochmeiſter und den Staͤdten war durch dieſe Verhandlungen noch hoͤher geſteigert, ſo daß man in den letztern bereits daran dachte, einen Bevollmächtigten an die Hanſeſtaͤdte zu ſenden und fie im Fall der Noth um Hülfe zu bitten, zugleich auch fie zu erſuchen, ihrer Seits ebenfalls beim Hochmeiſter auf Abſtellung des Pfundzolles anzutragen. In Luͤbeck und den uͤbrigen Hanfefläbten war allerdings auch wer gen der Handelszölle die Stimmung fuͤr den Orden nicht die guͤnſtigſte, wie der Meiſter ſelbſt erfuhr.
Obgleich nun die Ritterſchaft und die ehrbaren Leute die Partei der großen Staͤdte ſchon faſt ganz aufgegeben hatten, ſo entſank dieſen doch noch keineswegs alle Hoffnung, denn wenigſtens unter den kleinen Staͤdten rechneten ſie noch auf Anhang. Ihre Sendboten erſchienen daher bald von neuem in Marienburg, dort den Biſchof von Ermland und Hans von Baiſen erſuchend, als Vermittler ihre Wuͤnſche und Anforde⸗ rungen als nur des Landes Wohlſtand foͤrdernd dem Meiſter vorzuftellen.? Es geſchah. Dieſer indeß gab in keinem Punkte nach, den Städten abermals erklaͤrend, daß ihn nicht nur die finanzielle Noth des Ordens dringe, zur wuͤrdigen Haltung feines Hochmeiſteramtes den Pfundzoll zu erheben, ſondern ihm ſelbſt auch ſeine Amtspflicht gebiete, ſeine und des Ordens Rechte in keiner Weiſe verkürzen zu laſſen. Was ihm die
1) Regiſtr. X. 60 — 61. Die Staͤdte baten z. B. um Vermeh⸗ rung des Geldes, weil die curſirende Muͤnze zu gering ſey. Der HM. entſchuldigte ſich mit der Theuerung des Silbers, daß er nicht habe muͤnzen laſſen Tonnen.
2) Schr. des Ditmar Keyßer, eines Dieners des HM., an dieſen, d. Lübeck Freit. nach Pfingſt. 1442 Schbl. LXXVI. 33. Schr. der Rathsſendboten der Deutſ. Hanſe auf der Tagfahrt zu Stralſund, um Pfingſt. 1442. in Hanſcat. Receß VI. 508. 516 — 517.
3) Nach Schätz p. 150 geſchah es am Sonnt, Vocem iocunditat. (6 Mai) 1442. 1
Verhandlungen wegen des Pfundzolles. (1442.) 45
Städte vom früheren Zwecke des Pfundzolles zur Befriedigung der See und von den früheren Mitteln zur Ausrichtung des hochmeiſterlichen Hofſtaates entgegneten, konnte fuͤr ihn keine Bedeutung haben, denn die Zeiten hatten ſich auch hierin ſeit⸗ dem ganz anders geſtaltet.) Wie aber auf dieſem Verhand⸗ lungstage, ſo kam es auch auf mehren andern im Verlaufe die⸗ ſes Jahres zu keiner friedlichen Ausgleichung, denn da es hauptſaͤchlich nur noch die fünf großen Städte waren, die ſich dem Rechte des Hochmeiſters widerſetzten, ſo glaubte er auch dieſes um ſo mehr mit aller Feſtigkeit verfolgen und vertheidi⸗ gen zu muͤſſen, und nicht ohne Abſicht ließ er ſich gerade jetzt vom Röm. Könige alle Privilegien des Ordens von neuem beſtaͤtigen. Da wandten ſich die großen Staͤdte ſelbſt an die Praͤlaten und Lande um Rath, wie die Sache auf guͤtli⸗ chem Wege auszugleichen ſey. Sie riethen insgeſammt, um der Ruhe des Landes willen ſich in den Willen des Meiſters zu fuͤgen; er leiſte dem Lande Schutz und Schirm; darum müßten fie ſich mit ihm einigen; Praͤlaten, Ritter und Knechte und die kleinen Staͤdte hätten ihm den Pfundzoll bereits ein⸗ geraͤumt, alſo müßten es nun auch die großen Staͤdte. „Gebt nach, ſprach der Biſchof von Ermland, denn ich vertraue euch insgeheim, der Hochmeiſter hat auf euch fünf Städte beſon⸗ dere kaiſerliche Ladungen ausgewirkt, ſie ſind ſchon unterwegs; um fie unkräſtig zu machen, laſſet euch zu einem Vergleiche gewrunen und feget auf einige Jahre andere Steuern aus, damit der Meiſter befriedigt werde.“ Trotz dem zoͤgerten die Staͤdte auch jetzt noch irgend einen Schritt zu thun, der zur Verſoͤhnung fuͤhren konnte. Auch ein neuer Verhandlungstag zu Elbing im September ward mit nutzloſem Reden hinge⸗ bracht und blieb erfolglos, 9
—
1) Vgl. die Verhandlungen darüber bei Skins p. 150,
2) Das Beſtaͤtigungsdiplom, d. Frankfurt a. M. am 18 Juli 144 in einem Transſumt vom J. 1452 Schbl. 21. 2. Cf. C mel Regeſten des Roͤm. Koͤn. Friederich p. 87.
3) Die weitern Verhandlungen bei Schitz p. 150 — 151.
4) Die Verhandlungen auf dieſer Tagfahrt am Abend Nativit. Maria 1442 Regiſtr. X. 62 — 63; fie find ohne beſonderes Intereſſe.
46 Verhandlungen in auswärtigen Verhaͤltniſſen. (1442.)
Mittlerweile nahmen auch andere wichtige Verhaͤltniſſc des Meiſters Thaͤtigkeit in Anſpruch. Am meiſten Beſorgniſſe erregten die bereits vom Kurfürften von Brandenburg getha⸗ nen Schritte. Nicht ohne Abſicht auf weitere Plane hatte er ſich vom Roͤm. Koͤnige zuerſt „alle ſeine Rechte, Wuͤrdigkeiten, Freiheiten, Gnaden, Gewohnheiten, Landgerichte und Herkom⸗ men“ und dabei auch ſeine „Beſitzungen, Eigenſchaften, Feſten, Staͤdte, Lande und Leute, Kloͤſter, Vogteien, Mannen, Mann⸗ ſchaften, Lehen und Lehenſchaſten,“ wie fein Vater und er fie vom Reiche gehabt, beftätigen laſſen.) Aber zugleich hatte er ſich beim Roͤm. Könige eine ſ. g. Gerichtsbefehlung gegen den Orden wegen des Beſitzes der Neumark ausgewirkt, wodurch der Herzog von Sachſen und der Erzbiſchof von Magdeburg in der Streitfrage uͤber die Rechtmaͤßigkeit des Beſitzes Richter ſeyn follten.? Jetzt erließ er an den Hochmeiſter die Erklaͤ⸗ rung: der Orden habe an der Oder einen Strich Landes im Beſitze, der von alter Zeit her zum Kurfuͤrſtenthum gehoͤrt; er habe die Sache ſo lange ruhen laſſen, als bis er die Lehen erſt, wie es gebuͤhrlich, vom Roͤm. Koͤnige empfangen habe; er fordere jetzt die Neumark als ſein rechtmaͤßiges Beſitzthum vom Orden zuruͤck.) Der Hochmeiſter ſandte bald darauf den ge⸗ wandten Komthur von Elbing und den rechtskundigen Pfarrer von Danzig an den Kurfuͤrſten, jedoch mit dem Auftrage, ſich zuvor zum Herzog Boguslav von Pommern zu begeben und mit dieſem die Unterhandlungen wegen eines gegenſeitigen Huͤlfsbüͤndniſſes wieder aufzunehmen. Da die beiden Fuͤrſten, wie erwaͤhnt, ſich uͤber die weſentlichſten Punkte ſchon verſtaͤn⸗ digt hatten, ſo ward die Vertragsurkunde jetzt entworfen. Der Herzog verſprach, dem Orden gegen jeden Fuͤrſten beizuſtehen,
1) Das Beftätigungs- Dokument, d. Achen am After- Mont. nach S. Veit 1442 Schbl. XIII. 105 (Abſchrift).
2) Schr. des Pfarrers von Danzig an den HM. d. Frankfurt am T. Viſitat. Mariä 1442 Schbl. XXXVI. 35.
3) Schr. des Kurfuͤrſten Friederich v. Brandenburg an den HM. d. Berlin .. . 1442 Schbl. XIII. 106; leider iſt von dieſem Origi⸗ nalſchreiben nur noch ein Fragment vorhanden.
Verhandlungen in auswärtigen Verhaͤltniſſen. (1442) 47
der die Ordenslande, die Neumark, Schievelbein oder Preuſſen mit Macht uͤberziehen werde. Weil jedoch die Bevollmaͤchtig⸗ ten Über Einzelnes zuvor noch die Meinung ihrer Herren ver⸗ nehmen wollten, ſo ward der eigentliche Abſchluß des Buͤnd⸗ niſſes noch ausgeſetzt.) Beim Kurfürſten fanden die Ordens⸗ geſandten zwar eine ziemlich freundliche Aufnahme; allein er wiederholte ſeine Forderung mit ſo drohendem Ernſte und die Unterhandlung mit dem Komthur von Elbing nahm bald eine ſo bedenkliche Wendung, daß dieſer dem Hochmeiſter eiligſt meldete: es ſey jetzt dringend nothwendig, das Buͤndniß mit dem Herzog von Pommern ſchleunigſt abzuſchließen; zwar ſey der Kurfürft noch keineswegs zu Krieg geruͤſtet; aber ſein letz⸗ tes Wort ſey höchft drohend geweſen.) Vergebens hatte ihm
der Komthur vorgeſtellt: der Orden habe einſt dem Könige
Sigismund auf die Neumark bedeutende Summen gezahlt und
des Kurfuͤrſten Vater habe ja den Orden auch in ruhigem Beſitze gelaſſen. Friederich hatte darauf lachend geantwortet:
„ihr wiſſet wohl, unſer Vater hatte viele Laͤnder, wir haben, nicht mehr als ein Land.“ 3)
Um ſo mehr mußte unter ſo bedenklichen Verhaͤltniſſen gegen dieſen Nachbarfürften der Meiſter bemüht ſeyn, das fried⸗ liche Verhältniß zu den übrigen Nachbarlanden in jeder Weiſe zu befeſtigen und ſeine Kraͤſte zuſammenzuhalten. Schon aus dieſem Grunde mußte er die dringende Bitte der Koͤnigin Eli⸗ ſabeth von Ungern, ihr und ihrem Sohne gegen die Bedraͤng⸗ niſſe des Königes von Polen Beiſtand zu leiſten, ohne weiteres
1) Bericht des Komthurs v. Elbing u. des Pfarrers v. Danzig, d. Schievelbein Sonnt. nach Andre
à 1442 Schtl. XV. 48. Roftr. VII. 168 — 177. Aus einem Schr. der Sendboten an d. HM. d. Dram⸗ burg am T. Barbarä 1442 Regiſtr. VII. 177 ſehen wir, daß es beſon⸗ ders eine Geldforderung des Herzogs an den Orden war, die den Ab⸗ ſchluß verhinderte.
2) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Berlin am T. Lucia 1442
Schbl. XIII. 107. Bericht der Sendboten über ihre Verhandlungen mit den Kurfürſten Regiſtr. VII. 181.
3) „Und beſlos fo mit ſchimpfe die Rede“ heißt es im Berichte.
48 Verhandlungen in auswärtigen Verhaͤltniſſen. (1442.)
zuruͤckweiſen, zumal da der ewige Friede mit Polen eine ſolche Hüͤlfsleiſtung nicht einmal zuließ.) Aus demſelben Grunde ſchlug er auch dem Herzoge Michael von Rußland das Geſuch ab, ihm im Ordenslande einen Aufenthalt zu geſtatten. Auch die erbetene Geldſumme konnte er ihm nicht darleihen, wie⸗ wohl er nicht ohne Theilnahme des Herzogs trauriges Schick⸗ ſal bemitleidete.) Mit dem Großfuͤrſten von Litthauen ſuchte er ſich wegen deſſen Klagen über neue Zölle in Preuſſen, Graͤnzdiebereien, uͤber Fortſetzung des Handelsverkehrs mit den wider ihn im Aufſtande begriffenen Samaiten und dergl. ſo viel als möglich zu verſtaͤndigen, ihm durch Auseinanderſetzung der Klagpunkte beweiſend, daß er davon nicht die Schuld trage.?) Desgleichen beſchaͤftigten den Hochmeiſter auch noch fort und fort die Verhaͤltniſſe mit Daͤnemark. Die Daͤniſchen Praͤlaten und Reichsraͤthe hatten ſich an ihn mit dem Wunſche einer friedlichen Unterhandlung gewandt, aber zugleich ſich auch beſchwert, daß Koͤnig Erich die Ihrigen beraubt und ſelbſt ‚mehre Raͤthe des Koͤniges Chriſtoph habe in Feſſeln legen laſſen.) Der Meiſter ließ dem letztern den Antrag machen: der Orden wolle den Koͤnig Erich in Preuſſen nach Standes⸗ gebuͤhr unterhalten, ſofern Chriſtoph eine annehmliche Geld⸗ ſumme auf Gothland zu deſſen Verpflegung verſchreiben werde. 5 Allein man lehnte das Anerbieten ab und Erich fuhr fort, die Unterthanen Chriſtophs mit Raͤubereien zu belaͤſtigen, weshalb
1) Schr. der Koͤnigin Eliſabeth v. Ungern an d. HM. d. Preß⸗ burg Sonnt. nach Georgstag 1442 und die Antwort des HM. d. Marienb. Donnerſt, vor Viti u. Modeſti 1442 Regiſtr. VII. 138 — 139. Engel Geſch. des Ungriſch. Reichs Th. III. 1. S. 53 ff.
2) Geſuch des Herzogs Michael beim HM. am T. Innocent. 1442 Regiſtr. VII. 87. Antwort des HM. p. 88 — 89.
3) Die Verhandlungen daruͤber um Jacobi 1442 Regiſtr. VII. 147 — 150,
4) Schr. der Stände v. Dänemark, Schweden und Norwegen, d. Ludhuſen Mittw. vor Viti u. Modeſti 1442 Regiſtr. VII. 144,
5) Gewerbe des Sendboten des HM,. Friederich von Eppingen an König Chriſtoph Regiſtr. VII. 130,
Verhandlungen in auswaͤrtigen Verhaͤltniſſen. (1442.) 49
i i In gegen ſich dieſer zu ernſtern Maaßrege geg j em Den Hochmeiſter aber beſchaͤftigten bald wieder die naͤher liegenden Angelegenheiten des Ordens und ſeines Landes.
Nachdem er nämlich im Verlaufe dieſes Jahres eine Viſita⸗
tion über den Zuſtand des Ordens durch er 5 1
m die Maͤngel und Gebrechen owohl in eee - 5 Verfaſſung des Ordens 2 berief er nach Michaelis
die Gebietiger zu einem großen Ordenskapitel ins Haupthaus
ihn entſchließen
ſammlung der geſammten Ritterſcha um allgemein geltende Beſchlüͤſſe z jetzt Verſammelten zu gering ſey. —
N) Schr. des Koͤniges Chriſtoph an den HM. d. Kopenhagen Sonnt. nach Bartholom. 1442 Schbl. XXXI. 106, Regiſtr. VII. 151. Pontani Rer. Danicar.
historia p. 620, 2) Daruͤber ein Notariatsinſtrument, d. Sachſenhauſen bei Frank⸗ furt 29 Mai 1442 Schl. 98. 10.
3) S. oben B. VI im Kapitel über die Lebensweiſe und Haus⸗ ordnung der Ordensbrüͤder. Wir erfahren durch eine Verordnung des HM. über den Nachlaß der Firmariebrüder, daß das große Kapitel am Sonntag S. Dionyfii (6 Octob.) 1442 Statt fand. Ordensſta⸗ tute herausgegeb, von Hennig S. 142 ff.
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50 Verhandlungen über den Pfundzoll. (1442.)
bewies, wie wenig bisher ſolche Verſammlungen gefruchtet, fo trat der Ritter Paul von der Pißnitz im Namen der andern mit dem Vorſchlage auf: er moͤge eine aus ihrer Mitte aus⸗ erwaͤhlte Botſchaſt an die großen Städte ſenden, um mit ihnen noch einmal uͤber den Pfundzoll zu verhandeln, und der Hoch⸗ meiſter nahm dieſen Vorſchlag an. 1
Mittlerweile nämlich waren die Vorladungen des Rom. Koͤniges an die großen Städte wirklich angelangt. Sie ſoll⸗ ten, ſo lautete es darin, am ſechzigſten Tage nach Empfang der Ladungen ſich am Richttage am koͤniglichen Hofe ſtellen, um auf angebrachte Klagen des Hochmeiſters wegen Verwei⸗ gerung ſeiner Zuſprachen und Forderungen durch bevollmaͤch⸗ tigte Anwalte fi) zu verantworten, indem ſelbſt widrigenfalls das Gericht unfehlbar feinen Fortgang haben werde.) Es folgte jetzt eine Verhandlung auf die andere. Bald erſchienen vor dem Meiſter die Sendboten ſaͤmmtlicher großen Staͤdte, bald die Buͤrgermeiſter der einzelnen, bald mit Klagen und Beſchwerden, bald mit Geſuchen um Abhilfe druͤckender Be: laͤtigungen. Das Mißtrauen flieg mit jedem Tage. Die Staͤdte klagten: man ſehe uͤberall bedenkliche Bauten unter⸗ nehmen, die Danziger insbeſondere, daß das Ordenshaus zu Danzig immer ſtaͤrker bemannt und mit Buͤchſenſchuͤtzen aus fremden Landen verſehen werde. Man bat den Meiſter, auf die Treue der Staͤdte Vertrauen zu ſetzen. Er ſuchte den Argwohn zu beſchwichtigen; die Anſtalten in den Burgen ſeyen die gewoͤhnlichen, wie ſie auch ſonſt im tiefſten Frieden geſchehen. Wohl aber ſehe man mit Befremden, daß die Städte ſich ſtaͤrker bewehrten und ihre Stadtwachen vermehr⸗ ten; überall ergreife man ernſthafte Maaßregeln; in Koͤnigs⸗ berg treffe man ſogar kriegeriſche Anſtalten; von dort her ſey auch bis ins Kulmerland das Geruͤcht verbreitet: der Orden
1) Die Verhandlungen im Regiſtr. X. 63 — 66. Die Verſamm⸗ lung fand Statt am Donnerſt. nach Dionyſti 1442.
2) Die Vorladungen, d. Frankfurt Mont. nach Laurentii 1442 in einem Transſumt vom J. 1442 Schbl. XIV. 3. LX. 89.
> Verhandlungen über den Pfundzoll. (1442.). al
wolle die Staͤdte mit feindlicher Gewalt überfallen. Der Hochmeiſter bot alle Gabe der Rede auf, um das verderbliche Mißtrauen zu beſeitigen. „Wahrlich, ſprach er von Sinnen und aller Vernunft beraubt ſeyn, wenn wir euch durch Ueberfall Gewalt anthun wollten, denn wir wurden da⸗ durch nicht nur euch, ſondern auch uns und unſerem Orden Schaden und gaͤnzliches Verderben bereiten. So Gott will, wollen wir gegen euch nie anders handeln, als ein gerechter Herr an ſeinen getreuen Unterthanen handeln muß.“ )
Es mußte jedoch jetzt entſchieden werden, ob die Staͤdte den Weg friedlicher Ausgleichung durch Nachgiebigkeit in des Hochmeiſters Verlangen oder den Weg Rechtens vor dem Hof⸗ gerichte des Roͤm. Koͤniges einſchlagen wollten. Der Meiſter berief ſie daher gegen Ende des Jahres 1442 noch einmal zu einer Verhandlung nach Elbing, um ihnen dort nochmals des Ordens traurige finanzielle Lage, ſeine Rechte und Privilegien, die bereits die Ritterſcha als vollguͤltig anerkannt, gen Verhandlungen vorz habe im Lande faſt ga Ritterſchaft, die ehrbaren Leute, ſich für die Rechte des
„ wir müßten
macht und zu naͤherer Ber neue allgemeine Tagfahrt
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1) Die Verhandlungen auf der Tagfahrt zu Marienburg am T. Clementis 1442
Regiſtr. X. 66 — 69, wo der HM. beſonders den Bürgernieifter von Koͤnigsberg ſcharf und nachdruͤcklich über das „ was in dieſer Stadt gegen den Orden vorgehe, zur Rede ſtellt. Wir haben aus dieſer Zeit ein Schr. des HM. an den Rath v. Thorn, d. Mar. Mittw. vor (das Datum iſt unſicher) 1443 (), worin er den Thornern das Gerücht von Gewaltſchritten des Ordens als eine nichtsnutzige Erfindung von Gegnern des Ordens darſtellt; im Raths⸗ archiv zu Thorn; Thorner Copiebuch im gef. Archiv S. 95,
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52 Verhandlungen über den Pfundzoll. (1442.)
theilen.) Sie wurde zugeſagt und in der Mitte des Decem⸗ bers zu Preuſſiſch⸗ Holland auch gehalten. Weil indeß die ſtaͤdtiſchen Bevollmächtigten hier abermals erklaͤrten, daß ſie ohne das gemeine Land in der Sache des Pfundzolles keinen Beſchluß faſſen koͤnnten, fo eröffnete ihnen jetzt der Hochmei⸗ ſter: ihre Ausrede ſey leer und nichtig; mit den Praͤlaten, Rittern und Knechten habe er keinen Streit mehr, weshalb er ſie auch nicht zum Tage berufen, denn ſie ſeyen des Ordens Rechten nicht entgegen; in ſeinem Streite mit den Staͤdten habe er nun lange genug den Weg friedlicher Vermittlung ver⸗ ſucht; feine Privilegien konne und dinfe er nicht aufgeben; alſo wolle er jetzt auf ſeiner Gebietiger Rath, ſo ungerne er es auch thue, den Weg des Rechts verfolgen.
Es ſchien das letzte Wort der Guͤte, und es machte ſicht⸗ bar großen Eindruck. Man ſah, des Meiſters Wille war feſt und unbeugſam. Die wenigen großen Staͤdte ſtanden faſt ganz allein noch dem Orden gegenuͤber; ihr Unmuth ergoß ſich zwar in manchem Tadel und in heftigen Scheltworten gegen die Ritterſchaft, daß dieſe ſich in der Sache des Pfundzolles dem Orden zugewandt; ) allein man wurde zaghafter und der Muth zu fernerem Widerſtand verlor ſich mehr und mehr. Die Zeit der Vorladungen vor das koͤnigliche Hofgericht rückte überdieß heran. Da ſandten die Städte im Anfange des Jah⸗ res 1443 neue Bevollmaͤchtigte zum Meiſter, ihn erſuchend, die koͤniglichen Ladungen abzuwenden und ſie mit dieſem Ge⸗ richte nicht zu beſchweren. Da er jedoch darauf nicht einging, fo baten fie ihn wenigſtens um Verlaͤngerung der Ladungsfriſt, damit fie fi) unter einander berathen koͤnnten, weil ihre Privi⸗
1) Die Verhandlungen auf dieſer Tagfahrt am Mittw. nach Bar⸗ bara 1442 Regiſtr. X. 73 — 75.
2) Die Verhandlungen der Tagfahrt zu Preuſſ. Holland am Sonnt. nach Lucid 1442 Regiſtr. X. 76— 77; vgl. Schütz p. 151.
3) Regiſtr. X. 86. Beſonders beklagten ſich Hans von Czegen⸗ berg, Guͤnther von Peterkau, Nicolaus v. Pfeilsdorf u. a. beim HM. über die ihnen gemachten Vorwürfe wegen ihrer Zuſage in Ruͤckſicht des Pfundzolles.
Einigung über den Pfundzoll. (1443.) 53
legien verſchieden lauteten. Der Meiſter indeß erwiederte: er erkenne darin nur ihre Abſicht, ihre Partei mittlerweile noch zu verflärken und andere noch mit in die Sache zu ziehen. End⸗ lich beſtimmte er ihnen noch eine neue Tagfahrt, wo er die letzte entſchiedene Antwort von ihnen erwarten wolle und ent⸗ ließ ſie, nachdem er noch einmal mit voller Herzlichkeit zu ihnen geſprochen und ſie an die Eintracht und Freundſchaft erinnert, in der fie und feine Vorfahren immer zu einander geſtanden, uch an die Bebrängniffe des Ordens, in denen fie ihm jetzt als getreue Unterthanen zur Seite ſtehen muͤßten.“
Es war jedoch jetzt alle Gefahr im Verzuge. Ehe daher der erſte Monat dieſes Jahres endete, erſchienen die fuͤnf gro: ßen Städte abermals im Haupthauſe. Nachdem von ihrer Seite Hans von Baiſen und von Seiten des Hochmeiſters der Komthur von Danzig ſich über die weſentlichſten Punkte zuvor verſtandigt, gaben die Städte, in die Erhebung des Pfund: zolles einwilligend, des Meifters Verlangen nach. Er verzieh ihnen auf ihre Bitte ihre bisherige Widerſetzlichkeit. Man faßte eine Urkunde ab, worin erklaͤtt wurde: der Pfundzoll ſolle fortan erhoben werden wie zu Pauls von Rußdorf Zeit; ein Ordensbruder und einer von den Rathen der fünf Städte ſollten ihn zu Danzig einnehmen und mit eidlicher Treue ver⸗ wahren. Bei dieſes Meiſters Lebzeit ſollten die Staͤdte den dritten Theil erhalten, um damit die Koſten bei Ausſendung ihrer Botſchaften ins Ausland zu beſtreiten. Sonſt ſollten forthin die Staͤdte mit keinen neuen Zöllen oder ſonſtigen Neue⸗ rungen beſchwert werden, ſofern nicht dem Orden oder Landen und Staͤdten Anfechtungen zufielen, die ihnen Schaden braͤch⸗ ten. Wer Briefe oder Privilegien habe, die ihn vom Pfund⸗ zolle befreiten, möge ſich beim Hochmeiſter melden, um ſich mit ihm auszugleichen.) So war der lange, widerwaͤrtige
4) Die Verhandlungen auf dieſer Tagfahrt am Donnerſt. nach Epiphaniä 1443 Regiſtr. X. 77—80 und Schbl. LXXVI. 86.
2) Die Verhandlungen auf dieſer Tagfahrt am Sonnab. nach Converf Pauli 1443 Regiſtt. X. 80 — 82. Die Urkunde über die
54 Einigung uͤber den Pfundzoll. (1443.)
Streit geſchlichtet und der Komthur von Elbing, der gerichtli⸗ chen Ladungen wegen bereits mit einem Geſchenke von einem Paar ſchoͤnen Hengſten und Jagdfalken zum Roͤm. Koͤnige ge⸗ ſandt, erhielt den Auftrag, die Ladungen wieder abzuſtellen. „ Es blieb daher auch ohne Erfolg, daß ſich jetzt erſt die in Luͤ⸗ beck verſammelten Hanſeſtaͤdte Hamburg, Stralſund, Wismar u. a. an die Prälaten, Ritter und Freien in Preuſſen mit dem Geſuche wandten, dem Hochmeiſter vom Pfundzolle abzurathen. 2
Man ließ nun aber die erwaͤhnte Aufforderung, daß jeder, den Briefe und Privilegien vom Pfundzolle zu befreien ſchienen, ſich noch beſonders mit dem Meiſter einigen ſollte, keineswegs unbenutzt; denn als dieſer bald darauf das Kulmerland bereiſte, erſchienen vor ihm, auf jene Aufforderung ſich berufend, die Ritterſchaft Kulmerlands und Bevollmaͤchtigte von Kulm und Thorn mit dem Geſuche, ſie uͤberhaupt bei allen ihren Privile⸗ gien zu laſſen und von allen Zoͤllen durchs ganze Land frei zu ſprechen. Er wies ſie indeß auf ihre gegebene Zuſage hin und ſchon um durch zu leichte Nachgiebigkeit nicht auch andere zu gleichen Anforderungen anzulocken, verſprach er die Sache zuerſt vor feine Gebietiger zu bringen.) Dennoch wagte auch Danzig bald ein gleiches Geſuch, worauf der Hochmeiſter aber gar nicht weiter einging, denn es war klar, daß jetzt die Staͤdte im Einzelnen zu erſchleichen ſuchten, was ſie verbun⸗ den hatten aufgeben muͤſſen;“) und mit des Meiſters feſtem
Erhebung des Pfundzolles, d. Marienb. Sonnab. nach Converſ. Pauli 1443 ebendaſ. p. 81, im Original im Nathsarchiv zu Thorn Serin. VII. 20, XV. 5.; der Hauptinhalt bei Schütz p. 151. Gralath Geſch. v. Danzig B. I. 217.
1) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Inſpruck Mittw. vor Con⸗ verſ. Pauli 1443 Schbl. LXXVI. 85.
2) Schr. des Raths v. Lubeck und der Rathsſendboten an die Stände in Preuſſen, d. Luͤbeck am Abend Purif. Mariaͤ 1443 Schl. LX. 139.
3) Die Verhandlungen mit der Ritterſchaft und den Staͤdten Kulm und Thorn zu Papau Donnerft, vor Oculi 1443 Regiſtr. X. 82 — 84.
4) Die Verhandlungen mit den Bevollmaͤchtigten von Danzig Sonnab. vor Palmar. 1443 Regiſtr. X. 84 — 86.
Handelsverhaͤlrniſſe. (1443,) 55
Beharren bei feinen Rechten und Privilegien, ſowie mit feiner Billigkeit und Gerechtigkeit gegen die Gerechtſame und Frei⸗ heiten Anderer nun wohl bekannt, ließen die Staͤdte ſich be⸗ ſchwichtigen. Was jedoch Danzig durch die neue Auflage des Pfundzolles verloren zu haben glaubte, wollte es in feinem ſtaͤdti⸗ ſchen Betriebe durch die Verordnung wieder gewinnen, daß forthin die Polen ihre nach Danzig gebrachten Handelsartikel, na⸗ mentlich ihr Getreide dort nicht unmittelbar an fremde, ſich dort aufhaltende Kaufleute, ſondern nur an Danziger verkaufen dürften; ebenſo ſollten die Polen alle ihre Einkaͤuſe nur von Danzigern entnehmen koͤnnen. Darüber beklagte ſich aber als uͤber eine dem Inhalte des ewigen Friedens zuwiderlaufende Beſchraͤnkung des Handelsverkehres beim Hochmeiſter nicht nur der König von Polen, ſondern auch der Großfürft von Litthauen, der außerdem ſich auch beſchwerte, daß der ſchwere Zoll bei Labiau den Handelsverkehr nach Preuſſen an ſich ſchon ſehr bedruͤcke.) Der Hochmeiſter berief den Rath von Danzig nach Marienburg, um ſich über die Gründe der neuen Anordnung zu verantworten und letzterer wußte allerdings eine Menge von Gegenklagen aufzuſtellen, woraus hervorging, daß der Verkehr der Danziger nach Litthauen und Polen durch man⸗ cherlei neue Maaßregeln beſchraͤnkt und ſo erſchwert worden, daß Danzig nothwendig neue Vorkehrungen habe treffen müffen, Immer bemüht, alle Mißhelligkeiten mit den Nachbarlanden zu beſeitigen, ſchlug der Meiſter eine gegenſeitige Berathung zur Abſtellung der beiderſeitigen Beſchwerden in einer perſoͤn⸗ lichen Zuſammenkunft mit dem Großſurſten vor, wozu ſich dieſer auch bereit erklärte; doch konnte fie vorerſt noch nicht Statt finden. 2)
1) Schr. des Koͤniges v. Polen, d. Dobrocen. feria IV post jestum Florian. 1443 Schbl. XXV. 65. Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Lewen Donnerſt. nach Marci 1443 Schbl. XXXIV. 56. Die Klag⸗ punkte des Großfuͤrſten, vo feinem Marſchall beim HM. angebracht, Regiſtr. VII. 212 — 214. Die Zollabgaben bei Labiau find genau aufgezählt. 2) Antwort des HM. auf die Klagen des Großfuͤrſten und die Verhandlungen mit den Danzigern Regiſtr. VII. 215 — 222.
56 Handelsverhaͤltniſſe. (1443.)
Wie bedeutend der Handel Danzigs mit dem Auslande um dieſe Zeit noch war, geht unter andern ſchon daraus her⸗ vor, daß bereits wenige Monate nach Eröffnung der Schiff⸗ fahrt in dieſem Jahre der Betrag des dort erhobenen Pfund⸗ zolles ſich auf viertauſend und zweihundert Mark belief.“ Der Hochmeiſter ließ es auch keineswegs an Bemuͤhungen fehlen, den Handel ins Ausland, nach den Hanfeftädten (aus deren Bund Kulm um diefe Zeit ſchon ausgeſchieden zu ſeyn fcheint), > in die Skandinaviſchen Reiche und die Niederlande ſo viel als moͤglich zu foͤrdern und zu beleben, und Mißwachs in mehren Landen hob den Getreidehandel Preuſſens bedeu⸗ tend empor. Auch ſchon deshalb haͤtte der Meiſter den noch fortdauernden, auch den Handel ſehr ſtoͤrenden Streit der bei⸗ den Koͤnige von Daͤnemark gerne beendigt geſehen, zumal da er vernahm, daß auch die Luͤbecker ſich in den Streit einge⸗ miſcht und dahin arbeiteten, eine Sühne zu Stande zu bringen, um dann, wenn ſie auf ſolche Weiſe den Koͤnig Chriſtoph gewonnen und ſich verpflichtet hätten, mit ihm verbunden alles aufzubieten, den Hochmeiſter zur Abſtellung des Pfundzolles zu zwingen.?) Es war dieſem indeß faſt alle Hoffnung ent⸗ nommen, durch eigenes Einwirken einen Vergleich zu vermit⸗ teln, denn Erichs Gegenpartei hatte bereits des Hochmeiſters Entſcheidung abgelehnt und wollte nur da Gleich und Recht
1) Schr. des Pfundmeiſters v. Danzig an den HM. d. Danzig Freit. vor Maria Magdal. 1443 Schbl. LX. 136. Danzig erhielt von dem Betrage 1399 Mark; zur Ausrichtung der Beduͤrfniſſe des HM. wurden verwandt 2000 Mark. Ueber den Betrag des Pfund⸗ zolles im J. 1444 Schr. des Pfundmeiſters, d. Danzig Sonnt. vor Nativit. Mariaͤ 1444 Schbl. LX. 122.
2) Schr. des Raths von Kulm an den Rath von Thorn, d. Kulm Freit. nach Nativit. Maria 1443 im Rathsarchiv zu Thorn Scrin. XXV. 7., worin der Rath ſagt: „So weys euwir liebe wol, das wir in die Henze nicht gehoren,“ er wolle daher auch keine Botſchaft an die Hanſe nach Luͤbeck mit ausrichten.
3) Schr. des Komthurs von Danzig, d. am Aſchtage 1443 Schbl. XXXI. 66,
Streit wegen der Neumark. (1443.) 57
gewaͤhren, wo es ihr gebuͤhre. Da dieß nur vor dem Papſte und dem Kaiſer geſchehen konnte, fo erſuchte König Erich den Meister, ſich bei dieſen für ihn zu verwenden, ) wozu ſich letzterer jedoch auf keine Weiſe trotz aller Bitten und Ermah⸗ nungen des Koͤniges 2 entſchließen konnte, währen die Lu⸗ becker der Streitſache durch ihre Vermittlung eine für fie guͤn⸗ füge Wendung zu geben fort und fort bemüht waren. Da bei Koͤnig Chriſtophs geneigter Geſinnung nicht leicht zu fürchten war, daß er ſich gegen den Orden werde gewinnen laſſen, ) ſo trat von jetzt an der Hochmeiſter aus den Unter⸗ handlungen mehr und mehr zuruͤck. 5 Ueberdieß beſchaͤſtigten ihn jetzt mehr als je die für ihn weit wichtigeren Verhaͤltniſſe in der Neumark, wo alles auf dem Spiele zu ſtehen ſchien. Schon im Anfange dieſes Jah⸗ res war Herzog Heinrich der Fette von Mecklenburg, des Kur⸗ fürſten Friederich von Brandenburg Schwager, plotzlich und ohne Kriegsankimdigung mit einem Heerhaufen unter Raub und Verheerung in die Neumark eingefallen und der Vogt hatte gegen ihn die Waffen ergriffen.“) Dieſes Ereigniß ſtand jedoch keineswegs vereinzelt da, denn mit jedem Tage mehrten ſich im Lande Fehden und Feindſeligkeiten; die Unruhen wurden täglich ernſtlicher; die dortigen Ordensritter, von Mitteln zur Gegenwehr ziemlich entbloͤßt, geriethen in immer größere Be⸗ draͤngniß und wie es ihnen ſchien, war alles darauf berechnet, daß man den Kurfürften von Brandenburg um Schutz anru⸗
fen und ihm ſomit Gelegenheit geben ſolle, in die Neumark
1) Schr. des Kön. Erichs von Daͤnemark, d. Wiborg am 2. Oſter⸗ tage 1443 Schbl. XXXI. 51.
2) Schr. des Koͤn. Erichs, d. Wiborg am T. Kreuz⸗Erfind. u. am T. Aſſumt. Mariä 1443 Schbl. XXXI. 37. 40.
3) Schr. des Koͤn. Chriſtoph an den HM. d. Kopenhagen Sonnt. Trinitat. 1443 Schbl. XXXI. 108. Ueber die Bemühungen der Luͤ⸗ becker Schr. des Kon. Chriſtoph an die Luͤbecker, d. Kopenhagen Dienft. vor Aſſumt. Maria 1443 Schbl. XXX
4) Schr. des Vo
gts der Neumark, d. Koͤnigsberg Mittw. nach Neujahr 1443 Schbl. XIII. 63
7,
38 Streit wegen der Neumark. (1443.) einzuruͤcken.) Es galt alſo jetzt kein Saͤumen mehr. Der Großkomthur Hans von Remchingen erhielt ſofort nicht nur den Auſtrag, mit dem Marſchall des Herzogs von Sachſen wegen eines Hülfsbuͤndniſſes, wozu dieſer geneigt war, in naͤ⸗ here Unterhandlung zu treten, wobei auch der Deutſchmeiſter mit einwirkte,) ſondern er mußte ſich auch alsbald in die Neumark begeben, um dort, fo bald es nöthig ſey, mit ernſten Maaßregeln einzuſchreiten. Der Vogt der Neumark hatte ſich bereits mit ſeiner Wehrmannſchaft an der Oder aufgeftellt 9 und der Hochmeiſter ſaͤumte nicht, durch Annahme von Soͤld⸗ nern feine Kriegsmacht in der Neumark fo viel als möglich zu verſtaͤrken; ) er wandte ſich deshalb auch an den Meiſter von Livland, denn es ſchien ihm immer mehr, als werde Herzogs Heinrich von Mecklenburg Einfall nur das Vorſpiel zu noch ernſteren Ereigniſſen feyn.®
Der Kurfuͤrſt indeß ſcheute eben fo ſehr einen kriegeriſchen Gewaltſchritt, um zum Beſitze der Neumark zu gelangen, als einen förmlichen Rechtsgang, der vor dem Röm. Könige, dem Papſte oder der Kirchenverſammlung gefuͤhrt werden mußte. Er faßte mehr Hoffnung zu einem Gewinn durch einen Vers gleich mit dem Orden. Er bot daher auch gerne die Hand zu einem friedlichen Verhandlungstage, der zu Frankfurt a. d. Oder Statt finden ſollte. Die Machtboten des Ordens, der
1) Schr. des Vogts von Leſke, d. Koͤnigsberg in d. Neumark Freit. vor Epiphan. 1443 Schbl. XIII. 61.
2) Schr. des Großkomthurs an Georg von Bebenburg, Marfchatt des Herzogs v. Sachſen, d. Marienb. Donnerſt. nach Epiphan. 1443 Schbl. 99. 4.
3) Schr. des Großkomthurs an d. HM. d. Landeck am T. Purif. Mariä u. Drawenburg Dienſt. nach Purif. Mariaͤ 1443 Schbl. XV. 181. XIII. 70.
4) Soldbrief des HM. für Friederich von der Heide, d. Mar. Sonnab. vor Jubilate 1443 Schbl. XLII. 22, wo ausdruͤcklich v. einem drohenden Kriege mit dem Kurf. von Brandenburg die Rede iſt.
5) Gewerbe des HM. an den Meiſter v. Livland, d. Sonnab. nach Himmelf. 1443 Regiſtr. VII. 193 — 194. 211.
Streit wegen der Neumark. (1443.) 59
Großkomthur, der Komthur von Elbing und der Propſt von Frauenburg erhielten den Auftrag: koͤnnten ſie den Streit mit dem Kurfürften in Güte beilegen, ſo ſollten ſie ihm die Summe von zehn- bis funfzehntauſend Gulden bieten; wünfche er eine Huͤlfsverbindung mit dem Hochmeiſter, fo moͤchten fie dieſe bis auf dreihundert Spieße zuſagen. Wolle er jedoch die Streit⸗ ſache auf dem Wege Rechtens entſcheiden laſſen und den Röm. König als Richter anrufen, ſo ſollten ſie als Richter — Ordens den Papſt oder ein Concilium in Vorſchlag bringen.
In der Mitte des Juni trafen die Machtboten des Ordens mit den Bevollmaͤchtigten des Kurfürften zu Frankfurt zuſam⸗
men und es traten jene ſogleich mit dem Erbieten auf: man müſſe alles anwenden, um die Streitfrage auf dem Wege der Guͤte auszugleichen.
Es entſpannen ſich indeß zuerſt lange Verhandlungen tiber mancherlei unbedeutendere Gegenſtaͤnde, über Klagen wegen Friedensverletzung, Anſpruͤche an einzelne vom Adel in der Neumark und dgl.) Dann wurden die Berathungen eine Zeitlang gaͤnzlich abgebrochen. Der Hoch⸗
meiſter mußte ſogar wieder auf kriegeriſche Rüſtung denken, » er war im Begriff, durch eine Botſchaft die Beihuͤlfe des Roͤm. Koͤniges zur A
ufrechthaltung ſeines Rechts in Anſpruch zu nehmen und hielt fie nur zuruck, weil eben mit dem Kurz fürften ein neuer Verhandlungstag nach Michaelis aufgenom⸗ men worden war.) Um das Recht des Ordens aufs gruͤnd⸗ lichſte an den Tag zu legen, ließ man, obgleich ſchon fruher
1) Die Artikel der Vollmacht fuͤr die Sendboten, d. Elbing Mont. vor Himmelfahrt 1443 Schbl. XIII. 116. *
2) Dieſe Verhandlungen am Mont. nach Trinitat. 1443 eröffnet Schbl. XIII. 136.
) Wir erſehen dies aus einem Schr. des Pflegers v. Barten an den HM. d. Donnerſt. vor Margaretha 1443 Schbl. LXXVI. 76. Schr. des Ordensmarſchalls „d. Kaporn Dienſt. vor Margaretha 1443 ebendaſ. 84.
4) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Burdeyn am T. Margar.
1443 Schbl. XII. 114. Werbeartitel für den Vogt v. Leipe, d. Holz land am Abend Margar. 1443.
60 Ausgleichung m. d. Kurf. v. Vrdb. wegen d. Neumark. (1443.)
das Gutachten verſchiedener beruͤhmter Rechtsgelehrten, z. B. des Johannes von Bachenſtein darüber eingeholt worden und fin den Orden günſtig ausgefallen war,“ durch den klugen und kenntnißreichen Biſchof von Kurland Johannes Thiergart, früher lange Zeit Ordensprocurator in Rom, eine neue Nach⸗ weiſung Über des Ordens völlig rechtmäßigen Beſitz der Neu⸗ mark gegen die Anſprüche des Kurfürſten ausarbeiten.) Man war überhaupt im ganzen Orden der Meinung, der Hochmei⸗ ſter muͤſſe feine Rechte unter allen Umſtaͤnden mit aller Kraft vertheidigen und man erklaͤrte ſich deshalb an vielen Orten zu allen Opfern bereit.) Der Hochmeiſter ließ ſich daher auch jetzt vier wichtige Urkunden des Röm. Königes Sigismund über die Neumark vom Roͤm. Könige neu beſtaͤtigen.“
Als jedoch in der Mitte des Octobers die Machtboten des Ordens, der Großkomthur, der Oberſt-Spittler Heinrich Reuß von Plauen, mehre Landkomthure und Komthure aus Deutſch⸗ land und Livland und einige aus der Ritterſchaft und den Staͤdten Preuſſens mit denen des Kurfuͤrſten zu Frankfurt abermals zuſammenkamen und auf Bitten der Ordensbevoll⸗ mächtigten der Kurfuͤrſt ſelbſt dort ebenfalls erſchien, vereinigte man ſich nach vielen Verhandlungen? endlich in folgendem Vertrage: der Kurfuͤrſt Friederich nebſt feinen Brüdern Johann, Albrecht und Friederich begiebt ſich aller Anſpruͤche und Rechte an die Neumark; er wird beim Röm. Koͤnige und den Kur⸗
1) Wir beſitzen fie Schbl. XIII. 136; vgl. Baczko B. III. 226.
2) Das Gutachten des Biſchofs von Kurland, d. Pilten Sonnab. nach S. Annä 1443 Schbl. LII. 19.
3) Schr. des Komthurs und Konvents zu Memel, d. Mont. nach Matthaͤi 1443 Schbl. XIII. 141. Der HM. wandte fi) auch an die Stadt Thorn um Rath und Hülfe in einem Schr. d. Holland Sonnt. nach Kreuz.⸗Erhoͤh. 1443. Eine Berathung daruͤber mit Landen und Städten zu Elbing am Dienſt. nach Matthaͤi 1443 Regiſtr. X. 87 — 88. Der HM. ließ die Städte zur Beihuͤlfe gegen den Kurfuͤrſten auffordern. Die geneigte Antwort der Staͤdte o. D. Schbl. XIII. 121.
4) Chmel Regeften des R. Kön. Friederich d. 154.
5) Schr. des Großkomthurs an d. HM. d. Frankfurt Freit. nach Hedwig 1443 Schbl. XII. 29.
Ausgleichung m. d. Kurf. v. Brob. wegen d. Neumark. (1443.) 61
fürſten, jedoch auf Koſten des Ordens, Verwahrungsbriefe Über die Verzichtleiſtung auswirken, wie fie dem Orden von⸗ noͤthen find. Dieſe behaͤlt er indeß ſo lange bei ſich, bis ihm der Hochmeiſter eine Summe von funfzehntauſend Gulden hat auszahlen laſſen. Eine gleiche Summe entrichtet ihm der Orden in Jahresfriſt, worüber ihm der Meiſter mit zwölf ſei⸗ ner Gebietiger einen Verſicherungsbrief ausſtellt. Dagegen verpflichtet ſich der Kurfurſt zu Kuͤſtrin keine neuen Zoͤlle an⸗ zulegen, womit die Kaufleute oder die Schiffahrt auf der Oder beſchwert wuͤrden. Beide Theile ſollen dieſe Vertragspunkte urkundlich verbriefen und beſiegeln. ) Friederich erklaͤrte jetzt ausdrücklich, daß wenn er, ſeit er im Beſitze der Mark Bran⸗ denburg ſey, die Veraͤußerung der Neumark durch Kaiſer Si⸗ gismund an den Orden und die Trennung derſelben von der Mark Brandenburg für unguͤltig und fuͤr eine Verletzung der goldenen Bulle gehalten habe, jo ſey er im Irrthum geweſen und erkenne jetzt nach reiflicher Erwägung die Rechtmaͤßigkeit jener Veräußerung vollkommen an, erklaͤre den Orden fuͤr den vollig rechtmäßigen Beſitzer der Neumark und werde ihn nie im ruhigen Beſitze derſelben in irgend einer Weiſe ſtoͤren. Mit ihm ſtellten auch feine erwähnten Brüder gemeinſchaftlich dieſe Erklärung aus.) Die Beſtaͤtigung des Röm. Koͤniges und des Kurfuͤrſten von Mainz erfolgte jedoch erſt im naͤchſten
Jahre, wobei ausdrücklich bemerkt wurde, daß die goldene
Bulle den Anſpruͤchen des Kurfuͤrſten von Brandenburg weder ſoͤrderlich,
| „noch auch dem rechtmaͤßigen Beſitze des Ordens in irgend einem Punkte nachtheilig oder hinderlich ſey. d)
1) Das Original des Vertrages, d. Frankfurt am T. Galli 1443 im geheim. Staatsarchiv zu Berlin, ſign. 443 F.; Abſchrift Schbl. XIII. 117. 118, gedruckt bei Baczko B. III. 383.
2) Die Urkunde des Kurfürften o. D. in Abſchrift Schbl. XIII. 136, gedruckt bei Baczko B. III. 380; vgl. Lancizolle Geſch. der Bild. des Preuſſ. Staats S. 296.
3) Das Original der koͤn. Beſtätigungsurk., d. Nuͤrnberg am T. Exaltat. Crucis 1444 im geheim. Staatsarchiv zu Berlin, ſign. 430 0. Abſchrift Schbl. XII. 136. 130; gedruckt in CMmel Regeſt. des
62 Ausgleichung m. d. Kurf. v. Brdb. wegen d. Neumark. (1443.)
Auf demſelben Tage zu Frankfurt verſprach auch der Kur⸗ fürft Friederich, in der Fehde zwiſchen Herzog Heinrich von Mecklenburg und dem Orden zum Beſten des letztern als Ver⸗ mittler einzutreten, wo moͤglich eine verſuͤhnende Ausgleichung und fuͤr den Orden Erſatz ſeines Schadens zu bewirken und wofern dieß nicht gelinge, den Herzog nicht nur nicht zu ver⸗ theidigen oder zu unterſtuͤtzen, ſondern dem Kriegsvolke des Ordens bei einem Angriffe des Herzogs freien Durchzug durch die Mark zu geſtatten, dem letztern dagegen, wenn er das Ordensgebiet uͤberziehen und beſchaͤdigen wolle, ſolchen Durch⸗ zug nicht zu erlauben.“ Gerade aber das Verhaͤltniß zwi⸗ ſchen Friederich und dem Herzog Heinrich von Mecklenburg fuͤhrte, wie es ſcheint, bald noch eine naͤhere Verbindung zwi⸗ ſchen jenem und dem Hochmeiſter herbei, denn die Nachricht, daß waͤhrend des Verhandlungstages zu Frankfurt Herzog Heinrich ſich auf einem Tage zu Demmin mit den Niederlaͤn⸗ diſchen Herzogen, auch mit dem von Stettin zu einem Huͤlfs⸗ buͤndniſſe gegen den Kurfuͤrſten vereinigt habe, um ihm das früher dem Herzog Heinrich zugehörige Land wieder abzuge⸗ winnen, ? ſcheint Friederichen Anlaß gegeben zu haben, mit dem Orden in ein engeres Vertheidigungsbuͤndniß zu treten, nach welchem der letztere nicht geſtatten ſolle, daß irgend je: mand des Kurfuͤrſten Lande aus oder durch des Ordens Land angreife oder beſchaͤdige. Raͤuber, Geaͤchtete und Beſchaͤ⸗
Moͤm. Koͤniges Friederich No. 51 p. LXIV. vol. p. 178. Das Beſtaͤ⸗ tigungsdokument des Kurfuͤrſten v. Mainz, d. Nürnberg am T. Mat⸗ thaͤi 1444 im geh. Staatsarch. zu Berlin, ſign 443. 0. P. Entwurf zu einem Schr. an d. Kurfürſten v. Mainz wegen Beſtaͤtigung des Vertrages o. D. Schbl. XIII. 110.
1) Die Urk. darüber, d. Frankfurt Mittw. S. Galli 1443 Schbl. XIII. 136.
2) Schr. des Pfarrers v. Danzig, d. Alt⸗Berlin Dienft. vor Qu: cià 1443 Schbl. XIII. 113, worin er verſichert, er habe obige Nach⸗ richt aus ſehr wahrhafter Quelle. Die erwaͤhnten Fuͤrſten haͤtten mit Eiden auf dem heiligen Holze geſchmworen, daß einer dem andern Hülfe leiſten und alle beim Herzog Heinrich gegen den Kurfürften ſtehen wollten.
Ausgleichung m. d. Kurf. v. Brdb. wegen d. Neum. (1443.) 63
diger der kurfürſtlichen Lande ſollten im Ordensgebiete nirgends gehauſt und geherbergt werden; geſchehe dennoch Angriff, Raub, Brand oder ſonſt Beſchädigung aus dem Ordensgebiete in des Kurfürſten Land, ſo ſollte es deſſen Vögten und Amt⸗ leuten erlaubt feyn, im Ordenslande die Miffethäter aufzugrei⸗ fen oder zu verfolgen unter Beihuͤlfe der Unterthanen des Or⸗ dens.)
So war der Streit uͤber den Beſitz der Neumark beige⸗ legt und der Kurfuͤrſt Friederich gab ſich nun, wiewohl nicht ohne Rückſicht auf fein eigenes Intereſſe, auch alle Mühe, die Mißverhältniffe zwiſchen dem Orden und Herzog Heinrich DDR Mecklenburg auf guͤtlichem Wege auszugleichen. Er ſchlug as nen Richttag zu Berlin vor; Heinrich nahm die Vermitt⸗ lung an, verſprechend, dem Orden vor dem Kurfuͤrſten zu Ehre und Recht zu ſtehen. 3
Den Hochmeiſter beſchaͤſtigten mittlerweile die innern Ver⸗ haͤltniſſe des Ordens und des Landes, eine Zeitlang ganz be: ſonders die beſſere Anordnung und Vervollſtaͤndigung des Or⸗ densgeſetzbuches, die im letzten großen Kapitel (1442) befchlof- ſen war. Weil man das bisherige Geſetzbuch in vielen Stuͤcken mangelhaft gefunden, ſo ſollten bei der neuen Abfaſſung alle Geſetze der Hochmeiſter von einem General⸗Kapitel zum an⸗ dern darin aufgenommen werden, weshalb der Hochmeiſter auch an alle oberſten Gebietiger und Komthure des Landes die Aufforderung erließ, alle hochmeiſterlichen Ordensgeſetze und die Satzungen der General- Kapitel in den Konvents⸗Ordensbuͤ⸗ chern aufſuchen zu laſſen und ihm einzuliefern. Auf ſolche
1) Das Original des V rienb. am T. 443. 6 Sanci
ertrages von Seiten des HM. d. Ma⸗ Katharina 1443 im geheim. Staatsarch. zu Berlin, ſign. gedruckt in Gercken Cod. Brandenb. T. V. p. 314; vgl. zolle a. a. O. S. 297, Koßebue B. IV. 264 — 265.
2) Schr. des Kurfürften Friederich an den Komthur v. Elbing, d. Prenzlau Mittw. S. Brixen⸗Tag 1443 Schbl. XIII. 67. Er ſagt: er habe dem Herzog Heinrich „haͤrtlich genug“ geſchrieben.
3) Schr. des Komthurs v. Elbing an d. HM. d. Soldin Freitag vor Eliſabeih 1443 Schbl. XIII. 65.
64 Verſuch zur Auflöfung des Vundes. (1443.)
Weiſe entſtand diejenige Abfaſſung der Ordensgeſetze, wie wir ſie noch jetzt haben. Es wurden drei große Exemplare nach des Kapitels Beſchluß angefertigt und ſuͤr Preuſſen, Livland und Deutſchland beſtimmt.) Aber auch auf den ſittlichen Zuſtand des Volkes richtete jetzt der Meiſter feine Auſmerkſam⸗ keit, denn hierin eroͤffneten ſich ihm die traurigſten Erfahrun⸗ gen. Duͤrfen wir von dem, was uns uͤber die tiefe moraliſche Geſunkenheit des Volkes in Marienburg ſelbſt berichtet wird, einen Schluß auf die Sittlichkeit der uͤbrigen Staͤdte des Lan⸗ des wagen, ſo tritt uns in der That in dieſer Beziehung ein hoͤchſt betruͤbendes Bild entgegen, denn die Ausartung und ſittliche Verdorbenheit in jener Stadt war wirklich bis auf den hoͤchſten Grad geftiegen. 2
In den Bundesangelegenheiten der Staͤdte verfolgte der Meiſter jetzt mehr als je einen wichtigen Plan. Die Trennung der Ritterſchaft von den großen Staͤdten im Streite wegen des Pfundzolles hatte ihm unverkennbar den Sieg gebracht. Es galt alſo jetzt den Verſuch, ob ſich nicht auch die kleineren Staͤdte vom Bunde trennen ließen. Gelang dieß, ſo ſtanden die wenigen großen Staͤdte nur noch allein da und der Bund
1) Die Aufforderung des HM. an die Gebietiger, d. Marienb. Freit. nach Corpor. Chriſti 1443 Schbl. LXXI. 51. Es heißt: Als ir wiſſet, das mans im neſtgehaldenen unſers ordens Groß⸗Capitel iſt eins worden, daß man Drey unſers ordens buͤcher machen und aller unſers ordens Meiſter geſetze von Groß⸗Capitel zu Groß⸗ Capitel ge⸗ fast und gemacht, dorinne ſullen ſchreiben c. — Das damals fuͤr Ma⸗ rienburg beſtimmte Exemplar dieſes Ordensgeſetzbuches befindet ſich noch jetzt im geheim. Archiv. Ueber feine damalige Redaction und über die ganze innere Einrichtung deſſelben ſinden ſich naͤhere Angaben in der Ausgabe der Ordensſtatuten von Hennig in der Einleitung. Vgl. auch die Vorrede zu den Ordensſtatuten ſelbſt S. 29—30. Daß auch das für Deutſchland beſtimmt geweſene Exemplar noch vorhanden ſey und in Mergentheim liege, erſieht man aus Bachem Chronolog. der HM. S. 9. 10. 40.
2) Darüber das Schr. der Gewerke zu Marienburg an d. HM., d. Marienb. in vigilia nativit. Mariae 1443 Schl, LXI. 55, gedruckt in Vogt Geſchichte Marienb. S. 370, u. 566.
Verſuch zur Auflöfung des Bundes. (1443.) 65
war überhaupt dann aufgelöſt. Der Verſuch ward unternom⸗ men. Die Komthure erhielten den Auftrag, mit den kleinen Staͤdten ihrer Diſtricte wegen ihrer Losſagung vom Bunde zu unterhandeln. Es war große Vorſicht noͤthig, um nicht neues Mißtrauen zu erwecken. Hie und da ſchien der Plan zu ge⸗ lingen. Mehre Städte des Hinterlandes, Bartenſtein, Raſten⸗ burg, Schippenbeil, Zinten, auch Heiligenbeil u. a. wollten gerne dem Beiſpiele der groͤßern Staͤdte folgen, nur ſcheute ſich noch jede voranzutreten und ihre Antwort zuerſt zu geben. * An andern Orten indeß wollte man zu ſchnell zum Ziele kom⸗ men. Der Meiſter hatte zwar auf einem Tage zu Elbing den Staͤdten ſeinen Wunſch wegen des Bundes Aufloͤſung bereits offen mitgetheilt.) Als man jedoch in Kulm und Thorn wahrnahm, wie eifrig die Komthure im Kulmerlande die klei⸗ nen Staͤdte vom Bunde zu trennen ſuchten, als man hörte, daß der Komthur von Thorn und der Vogt von Leipe Ritter und Knechte des Kulmerlandes auf einer Tagfahrt geradezu zur Losſagung vom Bunde aufgefordert, die Ritterſchaft aber ſolches den beiden Staͤdten anzeigte und eine gemeinfame Be: rathung daruͤber in Vorſchlag brachte, da eilten die Raͤthe von Thorn und Kulm, die Danziger davon in Kenntniß zu ſetzen,
mit der Aufforderung, auch Elbing, Braunsberg und Koͤnigsberg zu benachrichtigen, um ſobald als moͤglich auf einer Tagfahrt zu Marienwerder über die noͤthigen Schritte gemeinſam zu be⸗ rathſchlagen, wozu auch die kleinen Staͤdte mit zugezogen werden ſollten.s) Wir wiſſen nicht, ob dieſer Tag zu Stande kam. Allein das Mißtrauen war von neuem wach; dem Mei- fier gelang fein Plan jetzt nicht; er ſchob ihn auf ſpaͤtere Zeit hinaus, wo ſich die Verhaͤltniſſe vielleicht günftiger für ihn geſtalten wuͤrden.
— —
1) Schr. des Komthurs von Balga, d. Bartenſtein Mont. nach Corpor. Chr. 1443 Schbl. LXXVI. 78.
2) Schr. des Raths von Thorn und Kulm an die Stadt Danzig, d. Kulm Freit. nach Petri und Pauli 1443.
) Schr. des Raths von Thorn und Kulm a. a. O.
4) Es geht daraus hervor, daß man nicht erſt im J. 1446, wie II.
5
56 Verhandlungen mit den Nachbarfürſten. (1444.)
Die Folge aber war, daß im Lande, beſonders von den großen Staͤdten aus bald wieder allerlei ſeltſame Gerüchte von Gewaltſchritten, die der Meiſter gegen die Verbündeten vorbe⸗ reite, mit Abſicht verbreitet wurden. Da man ihm auch feind⸗ ſelige Maaßregeln gegen die Ritterſchaft des Landes unterſchob, offenbar um auch dieſe wieder feſter fuͤr den Bund mit den Staͤdten zu gewinnen, ſo mußte ihm alles daran liegen, das Grundloſe dieſer Gerſchte zu widerlegen und ſich uͤberhaupt über ſeine Geſinnung offen auszuſprechen, vor allem aber die Ritterſchaft des Kulmerlandes dem Orden geneigt zu erhal⸗ ten.) Als er daher im Anfange des Jahres 1444 einen Sendboten an den Hof des Roͤm. Koͤniges ſandte, ſtellte er es in Frage und ließ darüber Rath einholen: inwiefern und ob die Kulmiſche Handfeſte die Ritterſchaft des Kulmerlandes zur Entrichtung von Zoͤllen verpflichte oder nicht, denn er wimſchte eine unparteiiſche Auseinanderſetzung dieſes Streit⸗ punktes. Auch die Staͤdte mußte er fo glimpflich als moͤg⸗ lich behandeln, denn gerade jetzt ward es wieder ungewiß, ob er ihre Huͤlfe nicht bald nach außenhin werde in Anſpruch neh⸗ men muͤſſen. Es zeigte ſich bald, daß dem Kurfuͤrſten von Brandenburg trotz aller Vertraͤge noch keineswegs zu trauen ſey; noch ſchienen in ihm nicht alle Spuren feindli⸗ cher Geſinnung vertilgt; er war ſchwer erzuͤrnt worden durch die Nachricht, daß man zu Landsberg ſogar im Beiſeyn des Komthurs von Elbing ſein Wappen abgeriſſen, in den Koth geworfen und mit Füßen getreten habe.“) Er hatte daher auch
nach Schiitz p. 154 gewöhnlich angenommen wird, einen Verſuch zur Auflöͤſung des Bundes machte; |. Baczko B. III. 231. Kotzebue B. IV. 77.
1) Schr. des HM. an den Hauskomthur von Danzig, d. Mar. Donnerſt. vor Priſcd 1444 Schbl. LXIX. 44. Der HM. ſchickt ihm einen Brief an die Ritter und Knechte ſeines Gebietes, den er ihnen zur Widerlegung der Gerüchte mittheilen ſoll.
2) Aufträge für den Sendboten Wilhelm von der Kemnade, Freit. vor Priſca 1444 Regiſtr. VII. 258.
3) Schr. des hochmeiſterlichen Schreibers an den HM., d. Berlin Freit. vor Quaſimodogen. 1444 Schbl. XIII. 129.
Verhandlungen mit den Nachbarfürſten. (1444.) 67
zur Ausrichtung der verſprochenen Zuſicherungsbriefe beim Röm. Könige und den Kurfürften noch keinen Schritt gethan. Der Hochmeiſter ſelbſt mußte durch einen Sendboten an den Kanz⸗ ler Kaspar Slick die Ausfertigung zu bewirken ſuchen.) Au⸗ ßerdem war der durch des Kurfüͤrſten Vermittlung angeordnete Richttag zur Ausgleichung des Streites mit Herzog Heinrich von Mecklenburg nicht nur ohne den erwuͤnſchten Erfolg ges blieben, ſondern anſtatt ſich zu einem Schadenerſatz für den veruͤbten Raub, Mord und Brand im Ordensgebiete zu verſte⸗ hen, hatte der Herzog fuͤr angebliche Verletzungen ſeines Be⸗ ſitzthums einen Schadenerſatz vom Orden verlangt, wodurch ſich alle Verhandlungen zerſchlagen. 2 Auch die von den Her⸗ zogen von Pommern zur Beilegung des Streites zwiſchen bei⸗ den Finſten angeknuͤpften Unterhandlungen fuͤhrten zu keinem Erfolge; es ſolgte ein Verhandlungstag dem andern; man kam mitunter zwar über gewiſſe Beſtimmungen überein; allein es konnte doch nie ein eigentlicher Ausſpruch erfolgen. Man verſchob daher endlich die Entſcheidung der Sache wieder auf einen neuen Verhandlungstag bis ins naͤchſte Jahr hinein. 3 Auch die Streithaͤndel mit dem Großfuͤrſten von Litthauen waren noch nicht ausgeglichen; ſie betrafen, wie wir hoͤrten,
1) Auftraͤge an den Sendboten, d. am Chriſttage 1444 Regiſtr. VII. 246. 257. Auch in der erſten Hälfte des J. 1444 zog es der Kurfürft immer noch hin, die Beſtaͤtigungsbriefe vom Roͤm. Koͤnige auszuwirken, ſich mit ſeinem Kanzler hinter allerlei Vorwaͤnden ver⸗ ſteckend; Darüber mehre Briefe, d. Berlin Freit. vor Quaſimodogen. 1444 Schbl. XIII. 129.
2) Die Verhandlungen auf dieſem Richttage, welche die Geſchichte Preuſſens nur wenig berühren, d. am Sonnt. nach Converſ. Pauli 1444 Schbl. XIII. 74. Die Verhandlungen fuͤhrte von Seiten des Ordens der Komthur von Elbing.
3) Schr. des Pfiegers v. Buͤtow, d. Freit. nach Faſtnacht 1444 Schbl. XII. 55. Die weitlaͤuftigen Verhandlungen über dieſen Streit während dieſes Jahres berühren Preuſſen nicht weiter; man findet ſie in mehren Schreiben des Pflegers v. Buͤtow, des Komthurs v. Dan⸗ zig, des Herzogs von Stettin u. d. in Schbl. XV. 133, 134, 106. x35.
5 *
68 Verhandlungen mit den Nachbarfuͤrſten. (1444.)
theils die Handelsverhaͤltniſſe zwiſchen beiden Ländern, theils Irrungen zwiſchen dem Großfuͤrſten und dem Meiſter von Liv⸗ land, um deren Vermittlung jener den Hochmeiſter erfuchte, Man vereinigte ſich endlich uͤber eine perfönliche Zuſammen⸗ kunft, die gegen die Mitte des Mai zwiſchen beiden Fürſten zu Chriſtmemel Statt fand. Da beide ſich mit friedlichen und freundſchaftlichen Geſinnungen entgegen kamen und auf⸗ richtig eine Beſeitigung der ſtoͤrenden Verhaͤltniſſe und der Kla⸗ gen ihrer Unterthanen wuͤnſchten, fo verſtaͤndigte man ſich auch leicht uber die Mittel und Wege, wie die Irrungen zwiſchen dem Großfürſten und dem Livlaͤndiſchen Meiſter geſchlichtet werden ſollten.) In Betreff der Handelsſtreitigkeiten brachten die Kaufleute aus Wilna rechtfertige Zeugniſſe der Staͤdte Kra⸗ kau, Poſen, Kaliſch, Lublin u. a. vor, daß der Kaufmann aus Polen und Litthauen vormals in Danzig völlig freien Ver: kehr auch mit Fremden habe treiben duͤrfen. Um daher den Streit zur Befriedigung der Betheiligten beizulegen, ward be⸗ ſchloſſen: die Kaufleute aus Litthauen ſollten dem Hochmeiſter vollgültige Zeugniſſe der Städte Krakau, Poſen und Warſchau daruber einhaͤndigen, daß der Kaufmann aus dieſen Staͤdten in den Zeiten des Koͤniges Wladislav und der Großfürften Witowd, Sigismund und Switrigal in Danzig völlig unbeſchraͤnk⸗ ten Handel mit fremden Kaufleuten habe treiben duͤrfen; der Meiſter ſollte dann auch die Gruͤnde der Danziger zu ihrer neuen Anordnung verhoͤren und nach Gebuͤhr und Billigkeit die Streitſache entſcheiden.) Den Koͤnig Wladislav von Polen beſchaͤftigten theils ſeine Verhaͤltniſſe in Ungern, deſſen Krone er bekanntlich ebenfalls auf ſeinem Haupte trug, theils ſein Tinkenzug, wozu er, obwohl vergeblich, auch den Hochmeiſter
1) Berichte Über die Verhandlungen der Botſchafter im Fruͤhling 1444 Regiſtr. VII. 247 — 257.
2) Dieſe Verhandlungen, zum Theil auch die Verhaͤltniſſe Los lands und Litthauens zu Nowgorod betreffend, gehoͤren der Geſchichte Livlands an; Regiſtr. VII. 266 — 269.
3) Die Verhandlungen geſchahen am Sonnt. Cantate 1444 Regiſtr. VII. 270,
Verhandlungen mit den Nachbarfuͤrſten. (1444.) 69
um Beihülfe aufgefordert hatte,” gerade in dieſer Zeit viel zu ſehr, als daß er mit dem Orden beſonders in Berührung hätte kommen koͤnnen. Dort verbrauchte er feine beſten Streitkräfte, obgleich mit wenig Glück. Eine fernere Einwirkung in die Daͤniſche Streitſache wies der Hochmeiſter ab, obgleich er wie⸗ derholt darum erſucht ward und König Erich ſich auch wegen der Wegnahme mehrer Preuſſiſcher Schiffe zu entſchuldigen ſuchte.) Mit um fo lebhaſterem Eifer nahm er ſich dagegen feiner Unterthanen, beſonders der Danziger in ihren Klagen Über die Verluſte an, die ſie im Handelsverkehr von Roſtock und Stralſund aus ſchon ſeit laͤngern Zeiten erlitten; er drang mit allem Nachdruck darauf, daß die Streitſache auf einem Verhandlungstage zur Entſcheidung gebracht und den Seinigen hinlaͤnglicher Schadenerſatz geleiſtet werde und zwar um ſo mehr, da um dieſe Zeit eigentlich nur der Handel mit Lubeck in großer Bluͤthe ſtand, der Verkehr mit Roſtock, Stralſund, Wismar und ſelbſt mit Hamburg im Ganzen nicht bedeutend war. Wie aber immer in Streithaͤndeln ſolcher Art wurde die Ausgleichung durch allerlei Gegenklagen auch jetzt ſehr erſchwert und immer weiter hinausgeſtellt. v
Dieſe und manche andere Bemuͤhungen um der Staͤdte Wohlfahrt und Gedeihen, wodurch der Hochmeiſter ſie fuͤr ſich zu gewinnen ſuchte, mochten wohl der Grund ſeyn, daß
1) Dlugoss. T. I. p. 775 sequ. Der Koͤnig wiederholte nach p. 787 ſein Geſuch an den HM. noch einmal, jedoch ebenfalls vergebens. Engel Geſch. des Ungriſch. Reichs Th. III. S. 61. 71.
2) Diugoss. b. 708. Schitz p. 151. Schr. Albrecht Rebers an den HM,, d. Thorn Donnerſt. vor Invocavit 1444 Schbl. XXV. 63 uͤber das Kriegsungluͤck des Koͤniges in ungern.
3) Schr. des Koͤniges Erich an d. HM. d. Wisborg Sonnt. Ju⸗ dica 1444 Schbl. XXXI. 24. Zwei andere Schr. deſſelben ebendaſ. Nr. 13. 52. Vgl. Detmar Chronik herausgegeb. v. Grautoff B. II. 89.
4) Schr. des Rathes v. Roſtock, d. Dienſt. nach Reminiſc. 1444 u. Schr. des Rathes v. Stralſund, d. am T. Gregorii 1444 Schl. XXIV. 62 u. 20. Schr. des P
ofundmeiſters v. Danzig, d. Donnerft⸗ vor Bartholom. 1444 Schbl. LX. 120.
70 Unzufriedene Stimmung im Lande. (1444.)
die Ritterſchaft des Kulmerlandes die Beſchwerde erhob: die Staͤdte wuͤrden ungleich mehr beguͤnſtigt, als die ritterſchaftli⸗ chen Landbewohner, deren Wohlſtand mehr und mehr zu Grunde gehe. Daher trat wie im Kulmerlande, ſo im Chriſtburgiſchen die Ritterſchaft zu Berathungen zuſammen, um ſich uͤber ein ſ. g. Regiment oder uͤber gewiſſe Landſatzungen zu vereinigen, die man vom Hochmeiſter erbitten wollte, um dem zunehmen⸗ den Verderben des Landes vorzubeugen.) Auf Erſuchen der Ritterſchaft verſprach dieſer eine nähere Berathung darüber auf einem allgemeinen Landtage im Herbſt dieſes Jahres, 2) denn daß in der Landesordnung Veraͤnderungen und Verbeſſerungen vonnoͤthen ſeyen, erkannte er auch ſelbſt. An vielen Orten wurden die Stimmen der Unzufriedenen immer lauter. In Thorn ging kaum ein Tag voruͤber, an dem nicht zwiſchen der Alt⸗ und Neuſtadt, die wie zwei Feinde einander gegenüber fanden, neue aͤrgerliche Auftritte vorfielen;?) ja die Altſtadt war keck genug, in Verbindung mit einigen nahe geſeſſenen Adeligen ſich allerlei Eingriffe in die Rechte des dortigen Or⸗ denshauſes zu erlauben und dieſem mehre ſeiner Einkuͤnfte zu entziehen.) In den Biſthuͤmern Kulm und Samland trat man den Biſchoͤfen mit der Forderung entgegen, daß die alten Landeswillkuͤhren gewiſſenhafter beobachtet und deshalb von neuem beſtaͤtigt werden möchten, und das Verlangen mußte erfüllt werden.? Noch unruhiger war es im Ermlaͤndiſchen
1) Schr. des Vogts v. Leipe, d. Schoͤnſee Freit. nach Georgii 1444 Schbl. LXXVI. 127. Ueber die Berathung der Nitterfchaft im Chriſt⸗ burgiſchen Schreiben in Schbl. LXXVI. 126.
2) Schr. des HM. an den Vogt von Leipe, d. Marienb. Sonnt. nach Corpor. Chr. 1444 Schbl. LXX VI. 130. Regiſtr. X. 100101.
3) Schr. der Neuſtadt Thorn an den HM., d. Sonnt. Reminiſc. 1444 Schbl. LII. 97.
4) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. am 3ten Tage vor Dftern 1444 Schbl. LIT. 69.
5) Schr. des Biſchofs Johannes v. Kulm an d. HM., d. Loͤbau am Sten Tage Corpor. Chr. 1444 Schbl. LXIV. 43. Schr. des Bi⸗ ſchofs Nicolaus v. Samland, d. Fiſchhaufſen Mittw. vor Johanni 1444 Schbl. LXVII. 38,
Unzufriedene Stimmung im Lande. (1444.) 71
Biſtbum, wo der Biſchof mit der Stadt Braunsberg im hef⸗ tigſten Zwiſte wegen ihres Privilegiums lag, woran jener, wie fie klagte, fie verkürzen wollte. Es kam fo weit, daß der Bi⸗ ſchof ſie vor das Concilium vorladen ließ. Da wandte ſich die Stadt an die Ritterſchaft des Kulmerlandes und an Thorn und Kulm um Rath und Hülfe in ihrer Bedraͤngniß und dieſe erſuchten fofort den Hochmeifter zwiſchen die Streitenden vermittelnd ein⸗ zutreten, um dem Eingreifen eines fremden Gerichtes vorzubeu⸗ gen.) Allein der Streit war ſo leicht nicht zu beſchwichtigen; auf beiden Seiten waren die Gemüther zu ſehr gereizt; den Biſchof hatte es ſchwer erbittert, daß man in Briefen an ihn „von Tyrannen und unehrbaren Herren“ gesprochen, die nie⸗ manden ihre Privilegien hielten. Der Hochmeiſter rieth dem Biſchofe von fremden Gerichten ab; es blieben indeß auch alle Vorſchlaͤge, welche dieſer ſeinen Gegnern zur Entſcheidung durch Schiedsrichter im Lande machte, ohne allen Erfolg, weil man ſie aus Mißtrauen nicht annahm, obgleich der Biſchoſ ſich erbot: er wolle für jede ihm rechtlich erwieſene Uebertre⸗ tung oder Verletzung eines Privilegiums eine Buße von zehn Mark bezahlen.) So trat bald hier bald dort der Geiſt der Unzufriedenheit von neuem hervor. Kulm und Thorn, ſich auf ihr Privilegium berufend, verlangten vom Hochmeiſter wie⸗ derholt Befreiung vom Pfundzolle, weil auch ein Spruch aus Magdeburg ſie davon frei geſprochen.) Der Meiſter ſchlug die Forderung mehrmals ab gab jedoch endlich nach, daß die Zulaͤſſigkeit ihres Geſuches auf einem Verhandlungstage einer naͤhern Untersuchung unterworfen werden ſolle. ©
1) Schr. des Landrichters, der des Kulmerlandes und der Städte Kulm und Thorn an den HM,, d. Kulm am T. Jacobi 1444 Schbl. LII. 34. 2) Schr. des Biſchofs Franciscus v. Ermland an den HM., d. Heilsberg am T. Stephani Invent. 1444 Schbl. LXXVI. 128. 3) Ein Notariatsinſtrument uͤber den Magdeburger Schoͤppenſpruch
aus dem J. 1453 im Rathsarchiv zu Thorn serin. XVIII. 11, Thor⸗ ner Copiebuch p. 164,
Ritter und Knechte, der Aelteſten
4) Die Verhandlungen des HM. mit Kulm und Thorn wegen
72 Verhaͤltniſſe zum Kurfüͤrſten von Brandenburg. (1444.)
Der Meiſter bedurfte jetzt der Beihuͤlfe der großen Staͤdte wieder mehr als je zu bedeutenden Geldzahlungen, die der er⸗ ſchoͤpfte Ordensſchatz unmoͤglich allein leiſten konnte. Bereits im Anfange dieſes Jahres hatten anſehnliche Summen theils an den Biſchof von Ermland als alte Schuld zuruͤckgezahlt, theils an den Deutſchmeiſter geliehen werden muͤſſen, v denn letzterer hatte über zwei und zwanzig tauſend Gulden Schul: den zu tilgen, die ihm ſeine und ſeines Vorgaͤngers Sendun⸗ gen und Verhandlungen mit dem Hochmeiſter gekoſtet hatten. 2 Die Ordensmuͤnze aber konnte jetzt faſt gar nichts liefern. 3) Ueberdieß forderten die Verhaͤltniſſe des Ordens zum Herzog von Mecklenburg und zum Kurſuͤrſten von Brandenburg bald neue bedeutende Geldſummen. Herzog Boguslav von Stettin war zwar fort und fort aufs eifrigſte bemüht, zwiſchen dem Orden und Heimichen von Mecklenburg eine Ausgleichung zu Stande zu bringen; allein ſein Eifer mußte von Zeit zu Zeit durch neue Geldſpenden belebt werden, um die Koſten ſeiner Bemühungen zu decken. Er brachte dabei auch das mit dem Orden abzuſchließende Buͤndniß zur Sprache, in welchem fuͤr ihn abermals neue Geldſummen zu erwarten waren; „ und
des Pfundzolles zu Preuſſiſch-Mark am T. Bartholomaͤi u. zu Golub am Dienſt. zu Michaelis 1444 Regiſtr. X. 89—91.
1) Quittung des Biſchofs v. Ermland über den Empfang einer Schuldſumme von 2500 Rhein. Gulden, d. Heilsberg Dienſt. nach Epiphan. 1444 Schbl. 96. 37. Mit dem Deutſchmeiſter hatte ſich der HM. wegen der 60,000 Gulden geeinigt, die einſt der HM. Konrad Zoͤllner von Rotenſtein dem Deutſchmeiſter geliehen und ihm eine neue Anleihe von 30,000 Gulden gegeben, wofür dem HM. die Ballei Ek⸗ ſaß verſetzt worden war, woruͤber die Urkunden Schbl. 103. Nr. 14. 15.
2) Kapitelsſchluß, d. Frankfurt Mittw. nach Viti und Modeſt. 1444 in Jaeger Cod. dipl. O. T. s. h. a.
3) Schr. des Muͤnzmeiſters zu Thorn an d. HM., d. Mont. nach Valentini 1444 Schbl. LXXIV. 34.
4) Schr. des Herzogs von Stettin an den HM., d. Gultzow Sonnab. vor Johanni 1444 Schbl. XV. 135. Schr. des Vogts der Neumark an d. HM., d. Landsberg Dienft, nach Viſitat. Maris 1444
Verhaͤltniſſe zum Kurfürſten von Brandenburg. (1444) 73
doch kam es trotz aller Bemuͤhungen und Berathungen in der Streitſache mit Herzog Heinrich zu keiner völligen Suͤhne, denn ſelbſt der Umſtand erregte neues Mißtrauen, daß der Herzog einen Friedensbrief nur auf Papier und nicht auf Per⸗ gament hatte ſchreiben laſſen, weshalb auch der Ordensbevoll⸗ maͤchtigte den ſeinigen auf Pergament dem Herzog nicht ein⸗ haͤndigte.) Man begnügte ſich daher vorerſt nur mit einer neuen Friedensverlaͤngerung. 9
Auch die Spannung mit dem Kurfürſten von Branden⸗ burg dauerte noch fort. Der Hochmeiſter, wahrſcheinlich um ſeine Geſinnung naͤher zu erforſchen, ließ ihm durch eine Ge⸗ ſandtſchaft ein noch engeres gegenſeitiges Huͤlfsbuͤndniß in Vor⸗ ſchlag bringen, ſofern ihre Lande von einem Feinde angegriffen werden wuͤrden. ) Allein trotz aller Bemuͤhung des Meiſters des Johanniter⸗Ordens, ein ſolches Buͤndniß, welches auch ihm von großem Nutzen ſchien, zu Stande zu bringen, zeigte der Kurfürft doch wenig Luft, in die Bedingungen einzugehen, weil ihm, wie er erklärte, eine ſolche Verbindung mit dem Orden nicht nöthig scheine.) So ward das Mißtrauen noch vermehrt. Der Meiſter ließ daher die Schloͤſſer zu Drieſen und Schievelbein in Eile neu befeſtigen und ſtaͤrker bewehren, )
Schbl. KIM. 76. 73. Schr. des Herzogs v. Stettin an d. HM., d. Stolpe am T. Mariä Magdal. 1444 Schbl. XV. 138.
1) ueber die Sendung der Ordens bevollmaͤchtigten, des Treßlers und Komthurs v. Danzig zu einem Verhandlungstage mit dem Her⸗ zog v. Stettin am Sonnt. vor Jacobi zu Lauenburg Regiſtr. VII. 272 — 275. Schr. des Vogts der Neumark an d. HM. d. Schievel⸗ bein Dienſt. nach Laurent. 1444. Schr. des Pflegers v. Buͤtow, d.
Mittw. vor Aſſumt. Maria 1444 Schbl. XV. 107. g 2) Schr. des Komthurs von Danzig, d. Sonnab. nach Lamberti 1444 Schbl. XIII. 82.
3) Auftraͤge des H 1444 Regiſtr. VII. 271.
4) Schr. des Vogts der Neumark, d. Landsberg am Abend Vin⸗ cula Petri 1444 Schbl. XII. 30.
5) Schr. des Vogts v. Schivelbein, d. Schievelbein Donnerſt. vor Laurent. 1444 Schbl. XIV. 29,
M. für die Geſandten, d. Sonnt. vor Pfingſt.
74 Verhaͤltniſſe zum Kurfürften von Brandenburg. (1444.)
denn je mehr er wahrnahm, daß der Kurfuͤrſt auch gegen die Herzoͤge von Wolgaſt feinem Plane nachging, alle früher ent⸗ aͤußerten Beſitzungen mit ſeinen Landen wieder zu vereinigen und ſelbſt dabei die Gewalt des Schwertes nicht ſcheute, um ſo beſorgter ward er auch in Beziehung auf ſeine Verhaͤltniſſe zum Kurfuͤrſten, ſo daß im Stillen ſogar mit den einflußreich⸗ ſten Praͤlaten und Hauptleuten in Polen wegen eines Buͤnd⸗ niſſes mit dem Orden unterhandelt wurde.) Um ſo noth⸗ wendiger ſchien es dem Meiſter, dem Kurfuͤrſten vor allem die auf Martini verſprochene erſte Zahlung von funfzehntauſend Gulden zu leiſten. Die Schwierigkeiten waren freilich außer⸗ ordentlich. Die Gebietiger wurden beauftragt, wo nur irgend moͤglich Geldanleihen aufzunehmen. Allein in Danzig weigerte man ſich unter allerlei nichtigen Ausreden und nur mit groͤß⸗ ter Muͤhe brachte der Komthur einige tauſend Mark zuſam⸗ men.) Der dortige Pfundmeiſter ging von Haus zu Haus, ohne etwas zu bekommen.) Elbing und Königsberg erſuchte der Hochmeiſter um Darleihung des auf ſie gefallenen Pfund⸗ zolles, erhielt jedoch von beiden Staͤdten ausweichende Antwor⸗ ten, obgleich er ſichere Rückzahlung verſprach.“) Dem Ordens⸗ marſchall lachte der Biſchof von Ermland ins Geſicht, als er von ihm fünftaufend Gulden verlangte, ließ ſich jedoch bereit
1) Sell Geſch. v. Pommern B. II. S. 123. Schr. des Vogts v. Schievelbein, d. Freit. vor Mariaͤ Geburt 1444 Schbl. XII. 54.
2) Schr. Eckards v. Guͤntersberg an d. HM. d. Schievelbein Mont. nach Maria Geburt 1444 Adelsgeſch. G. 35.
3) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Donnerſt. nach 14,000 Jungfr. 1444 Schbl. LX. 80. Vom Magiſtrat erhielt er nur 1000 Mark.
4) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Heilsberg Mont. vor Simon und Juda 1444 Schbl. LXXIII. 19. Schr. des Hauskomthurs zu Marienburg an d. HM. d. Danzig am T. Aller Heil. 1444 Schbl. LX. 143. a
5) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Sonnl. vor Simon und Judä 1444 Schr. des Ord. Marſchalls, d. Koͤnigdverg Mont. ver Simon und Juda 1444 Schbl. LX. 115. 118.
Landesordnung. (1444.) 75
finden, einige Tauſende bei guten Freunden aufzuborgen. v Vom Biſchofe von Samland, mit dem überdieß neue Irrun⸗ gen und Anſpruͤche wegen neuer Landestheilungen für ſein Landes = Dritttheil obwalteten, konnte man bei feiner großen Armuth ſchon an ſich wenig oder nichts erwarten.) Kurz wo ſich die Gebietiger hinwandten, auf dem Lande und in den großen Städten, blieben ihre Bemühungen meiſtentheils verge⸗ bens oder doch hinter dem erwarteten Erfolge. Der Meiſter hatte den Kurfuͤrſten um einige Friſt erſuchen laſſen, jedoch die Antwort von ihm erhalten: „er erwarte die Zahlung unge⸗ ſaͤumt; er werde feiner Seits am beſtimmten Tage die verhei⸗ ßenen Briefe zur Uebergabe bereit halten“, und der Vogt der Neumark warnte ernſtlich, die Sendung des Geldes ja nicht zu verſäͤumen.?) Der Hochmeiſter ſuchte daher durch eine eilige Botſchaft beim Deutſchmeiſter die fehlende Summe auf: zutreiben? und es gelang ihm ſomit auch wirklich, dem Kur⸗ fürſten zu Ende Novembers die Summe von funfzehntauſend Rhein. Gulden durch den Vogt der Neumark zu Frankfurt a. d. O. entrichten zu konnen. 9 Nun war aber auch die Zeit gekommen, in der die Staͤnde die Anordnungen zu dem gewüͤnſchten beffern Regimente erwar⸗ teten. Da der Wunſch vorzüglich von der Ritterschaft ausge⸗ 1) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Eilau am Tage der 11,000 Jungfr. 1444 Schbl. LXVI. 152. Schr. des Komthurs v. Balga, d. Dienſt. nach Aller Heil. 1444 Schbl. LXVI. 151. 2) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Königsberg Sonnab. vor Simon und Juda 1444 Schbl. LXVII. 37. Der Bifchof erklärte, daß er in und außer dem Hauſe nicht mehr als 40 bis 50 Mark habe. Ueber
die Theilung auf den beiden Nehringen Schr. des Marſchalls, der Kap⸗ porn am T. Michaeli 1444 Schbl. LXVII. 62.
3) Schr. des Vogts der Neumark, d. Küftrin Sonnab. nach Aller Heil. 1444 Schbl. XIII. 127.
4) Aufträge des HM. für den Pfarrer v. Danzig am Abend Aller Heil. 1444 Regiſtr. VII. 286.
5) Quittung der beiden Markgrafen v. Brandenburg Friederich
des Aeltern und des Jüngern, d. Frankfurt a. d. O. Dienſt. nach Andrea 1444 Schbl. 42. 1, XIII. 125.
76 Landesordnung. (1444.)
gangen war, ſo erhielten die Komthure den Auftrag, dieſe und die vornehmſten Gutsherren ihrer Gebiete zu verſammeln und ihre Wuͤnſche, Klagen und Vorſchlaͤge beſonders zu vernehmen. Die Erfolge fielen ſehr verſchieden aus. Jedes Gebiet hatte ſeine beſonderen Gebrechen und Beduͤrfniſſe. Im Elbingiſchen verlangte man Abſtellung des Schalvenskornes, des Wartgel⸗ des, des Pflugkornes, freiere Verfugung beim Auskaufe der Güter; in dem von Danzig klagte man über Beſchwerung und Uebertheuerung der Landleute in ihrem Verkehre mit den Staͤdten, uͤberließ es aber ſonſt dem Hochmeiſter als Landes⸗ herrn, ein beſſeres Regiment anzuordnen.) Aehnliche Klagen führte die Nitterfchaft der Gebiete von Dirſchau und Schwez, indem alle Produkte des Landes, z. B. Getreide in den Staͤd⸗ ten wohlfeil verkauft, die ſtaͤdtiſchen Waaren dagegen, zumal von den Handwerkern aͤußerſt theuer bezahlt werden muͤßten, daß die Städte trotz der gegebenen Verordnung doch hie und da keinen freien Handel auf dem Wochenmarkt geſtatten woll⸗ ten, der Geſindelohn außerordentlich geſteigert werde, fremde Kaufleute aus Pommern und Polen die Maͤrkte mit ihren Waaren viel zu ſehr uͤberfüͤllten u. ſ. w.?) Im Kulmerlande hielten die Komthure von Thorn, Graudenz u. a. mit der Ritterſchaft verſchiedene Berathungstage uͤber ihre Wuͤnſche und Vorſchlaͤge wegen einer neuen Landesordnung; man fand für gut, die alte Landesordnung zum Grunde zu legen und noͤthige Verbeſſerungen hinzuzufügen. d Aber auch hier waren die Geſuche ſehr verſchieden, freier Handel fir die Holländer, freie Land⸗ und Waſſerſtraßen für jedermann, jedoch Beſchraͤn⸗ kung der Schiffahrt der Polen auf der Weichſel, freie Getreide⸗
1) Schr. des Komthurs v. Elbing, d. Holland Dienſt. vor Mar⸗ tini 1444 Schbl. LXXIII. 93.
2) Schr. des Komthurs v. Danzig, d. Freit. nach Martini 1444 Schbl. LX. 79.
3) Schr. des Komthurs v. Schwez, d. Freit. nach Eliſabeth 1444 Schbl. LIX. 19. Schr. des Vogts v. Dirſchau, d. am T. Martini 1444 Schbl. LX XIII. 92.
4) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Mont. vor Martini 1441.
Streit mit Kulm und Thorn wegen des Pfundzolles. (1445.) 77
ausfuhr aus Thorn, eine zweckmaͤßige Geſindeordnung, ſtren⸗ gere Willkuͤhren für die Handwerker, Abſtellung des Mahl: pfennigs u. ſ. w. Im Gebiete von Graudenz verlangte man einen jährlichen Richttag und insbeſondere auch die Einwilli⸗ gung der Lande und Stadte in die Beſchlüſſe des Ordens wegen Krieg und Frieden oder andere Vertraͤge mit fremden Fuͤrſten und dgl. v
Die Verſchiedenheit der Wuͤnſche, Vorſchloͤge und Be: ſchwerden machte natürlich eine reifliche und beſonnene Erwäs gung der Sache doppelt nothwendig. Allein ſo geneigt ſich 4 auch der Meiſter zeigte, in billigen und gerechten Dingen den Wuͤnſchen ſeiner Unterthanen nachzugeben, ſo begann das Jahr 1445 doch wieder mit dem erneuerten Streite der Staͤdte Kulm und Thorn wegen Befreiung vom Pfundzolle, die ſie auf Grund der Kulmiſchen Handfeſte forderten. Der Hochmeiſter hatte ſich vom Schoͤppenſtuhle zu Magdeburg uͤber die Streit⸗ ſache ein richterliches Urtheil erbeten „ jedoch ohne Erfolg, weil das Schöppengericht die Entſcheidung für höchft ſchwierig er⸗ klaͤte. Gab er indeß hier leicht nach, ſo war vorauszuſehen, daß man bald anderwaͤrts aͤhnliche Anſprüche erheben werde, was bereits hie und da geſchehen war.?) Es war ihm daher doppelt wichtig, mit dieſen beiden Staͤdten eine guͤtliche Ueber⸗ einkunft zu treffen, zumal da Thorn unter den Staͤdten noch einen maͤchtigen Einfluß hatte und ſein Gewicht den kleinern Nachbarſtaͤdten oft nachdrücklich fühlbar machte.) Es fand
1) Schr. des Komthurs v. Thorn, d. Kulmſee Dienſt. nach An⸗ dreä 1444 Schbl. LXXIII. 97. Die Graudenzer verlangten: „das un⸗ fer Homeiſter ader dy gebietiger keynen krieg noch feüntſchaft zwiſchen fremden hern mache ane der lande u ſtete wille.“ Der Komthur ſagt: „ do mag Euer Gnode achtunge uff haben, von wannen dieß her kommt.“
2) Schr. des hochmeiſterl. Schreibers Johannes Bentim an d. HM. d. Berlin am T. der Beſchneid. Chriſti 1445 Schbl. XXXV. 60, Es kam vorzüglich auf den Artikel der Kulmiſchen Handfeſte an: Absol- vimus eciam totam terram ab omni penitus theolonii exactione.
3) Namentlich in Pommern, wie das erwähnte Schreiben ausweiſt.
4) Daruͤber das Klagſchreiben der Neuſtadt Thorn an den HM. d. Dienſt. nach Valentini (1445) Schl, LU. 93.
78 Streit mit Kulm und Thorn wegen des Pfundzolles. (1445.)
daher im Januar eine abermalige Verhandlung über die ge⸗ forderte Befreiung vom Pfundzolle Statt. Die Städte erklaͤr⸗ ten, daß auch die Schoͤppenbank zu Magdeburg, wo ſie ein Urtheil geſucht, ihre Handfeſte im Sinne ihrer Forderung aus⸗ gelegt und ſie von jener Auflage frei geſprochen habe und zwar nicht nur im Kulmerlande, ſondern uͤberhaupt im ganzen Ordensgebiete; ) fie fügten drohend hinzu: werde der Meiſter ihnen dieſe Freiheit nicht bewilligen, fo müßten fie die Sache auch an die andern Staͤdte bringen; der Streit werde dann weiter gehen und vielleicht wilder werden, als er je geweſen. Der Hochmeiſter entgegnete: auch er habe die gelehrteſten, kluͤgſten und weiſeſten Männer in und außer Landes daruͤber befragen laſſen und von allen die Antwort erhalten: der Orden habe dazu Gottes Recht. Da die Staͤdte dem Meiſter vor⸗ ſtellten, daß Kulm und Thorn an den Enden des Landes zwei wichtige Schlöffer ſeyen, die jetzt arm und ſchwach taͤglich mehr abnaͤhmen und daher einer Beguͤnſtigung bebürften, fo ſchlug er verſchiedene Wege vor, wie durch ſchiedsrichterliche Entſchei⸗ dung der Streit auszugleichen ſey, ſtellte ſolche naͤherer Erwaͤ⸗ gung anheim und verſchob ſomit die Sache auf einen neuen Verhandlungstag. Die Klage der Thorner Über die zuneh⸗ mende Verarmung ihrer Stadt war allerdings gerecht; auch das dortige Ordenshaus litt darunter ſehr bedeutend; der Kom⸗ thur und Konvent unterlagen oft der druͤckendſten Noth. Da Zinſen und Steuern verweigert oder doch nicht entrichtet wur⸗ den, ſo war das Haus mit Schulden überladen; felbft die nothwendigen Beduͤrfniſſe des Konvents konnten kaum beſtrit⸗ ten werden, zumal da auch ein zweijaͤhriger Mißwachs des Weines bei Thorn ſeine Einnahme geſchmaͤlert hatte und die
1) Namentlich in Betreff des erwähnten Artikels: Absolvimus etc.
2) Die Verhandlungen über dieſen Streit am T. Priſca 1445 Regiſtr. X. 92 — 95.
3) Sie führen z. B. an, die Stadt koͤnne ſtatt der 400 Pferde, die fie ſonſt gehalten, jetzt kaum noch 40 halten.
Streit mit Kulm und Thorn wegen des Pfundzolles. (1445.) 79
Einkünfte vom Handelsverkehre ſehr verringert waren. ) Allein auch bei der naͤchſten Verhandlung kam es zu keiner Ausglei⸗ chung. Die beiden Staͤdte verwarfen jede ſchiedsrichterliche Entſcheidung; feſt auf ihrer Forderung beharrend erklaͤrten fie, daß fie jetzt die Streitſache nicht mehr für ſich allein behandeln, ſondern an Lande und Staͤdte bringen wollten. » Dieſem Schritte mußte der Hochmeiſter auf jede Weiſe vorzubeugen und das Intereſſe der Ritterſchaft und der Staͤdte auch fort⸗ hin ſo viel als moͤglich auseinander zu halten ſuchen. Er war daher eifrigſt bemuͤht, durch willfaͤhrige Vorſchlaͤge und Anordnungen zur Entwerfung der allgemin gewuͤnſchten ver⸗ beſſerten Landesordnung ſich die Stimmung der Ritterſchaft geneigt zu erhalten. Auf einem Landtage zu Elbing ſchlug er ſelbſt, nach reiflicher Erwaͤgung mit den Praͤlaten und Gebie⸗ tigern, einen Ausſchuß von Deputirten der Lande und Staͤdte vor, der alles in Berathung ziehen und den Entwurf eines neuen Regiments in Vorſchlag bringen ſollte, und dieſer Plan ward von der Ritterſchaft gebilligt.s) Eben fo bereitwillig gewaͤhrte der Meiſter die Bitte der Ritterſchaft des Schwezer Gebietes, ſie wegen ihrer zunehmenden Verarmung auf acht Jahre von der Leiſtung des Kuh- und Schweine⸗Zinſes frei⸗ zuſprechen; fie erklärte fich bereit, ihn dann wieder leiſten zu wollen.“) Auch das Geſuch der Ritter und Knechte in den Gebieten von Althaus, Rheden und Papau wegen Ablöfung des Getreide⸗Zinſes, die ſchon der vorige Hochmeiſter den
1) Schr. des Komthurs 1445 Schl. LXXXY. 82. “
2) Verhandlungen auf einer am Tage nach Judica zu Preuſſiſch⸗ Mark gehaltenen Tagfahrt Regiſtr. X. 97.
3) Die Verhandlungen der Tagfahrt zu Elbing Freit. vor Phi⸗ lippi und Jacobi 1445 Regiſtr. X. 101 — 104. Jedes Gebiet ſollte zwei, Samland vier Deputirte ſenden. Der Bürgermeifter von Kulm ſchlug ſechs aus den Städten vor. Die Namen der Deputirten eben⸗ daf. p. 102. Schr. der Ritter und Knechte des Kulmerlandes an den H M., d. Kulm am Tage Tiburtii 1445.
4) Erklärung der Ritter und Knechte des Schwezer Gebietes, d. Schwez am T. Corpor. Chr. 1445 Schbl. LXXIII. 59,
von Thorn, d. Lewen Sonnab. Gregorii
80 Verhaͤltniſſe mit Holland. (1445.)
Kulmern verſprochen, gab er gerne zu und erwarb ſich dadurch bei der dortigen Ritterſchaft großen Dank.“)
Nicht minder gab er auch den Staͤdten fort und fort neue Beweiſe feiner Sorgfalt und feines eifrigſten Bemühens um ihren Wohlſtand und ihr Gedeihen. Er bewies dieß zumal in der Streitſache mit den Hollaͤndern. Der Vertrag zu Ko⸗ penhagen hatte, wie wir hoͤrten, den Streit eigentlich beigelegt und den Hollaͤndern war ſeitdem die Schiffahrt nach Preuffen wieder erlaubt geweſen, ſo daß ſie den Hafen von Danzig, wiewohl noch unter ſicherem Geleite des Hochmeiſters, oft ſehr zahlreich mit ihren Schiffen fuͤlten. Es fehlte freilich nicht an Störungen im Handelsverkehre, denn man merkte bald, daß die Hollander ſich weiter gar nicht bemühten, den Beſtimmun⸗ gen des Vertrages Folge zu leiſten. Man hatte bereits im vorigen Jahre Bevollmaͤchtigte zum Empfange einer namhaften Summe des zugeſagten Entſchaͤdigungsgeldes beauftragt?) und der Herzog Philipp von Burgund hatte dem Hochmeiſter auch verſprochen, daß die im Vertrage beſtimmte Entſchaͤdigung ge⸗ nau in Ausführung kommen ſolle;“ beides jedoch ohne Erfolg, weshalb auch ſchon eine Summe Hollaͤndiſches Geldes in Danzig in Beſchlag genommen und unter die Städte vertheilt worden war. Seit aber die Ausſicht zur Vollfuͤhrung des Vertrages ſich immer mehr verlor, nahmen die Belaͤſtigungen und Bedruͤckungen der Hollaͤnder in Danzig mit jedem Tage zu.) Sie erhoben Klagen auf Klagen über die Stoͤrungen des Handels im ganzen Lande.“) Die Sache kam auch auf
1) Schr. des Landrichters Nicolaus v. Senzkau an den HM. d. Leiſau am T. Margarethä 1445 Schbl. LXXVI. 24.
2) Schr. des Raths v. Danzig an d. HM. d. Sonnab. nach Valentini 1444 Schbl. LX. 170. 3) Vollmacht, d. Elbing 14 Juni 1444 im Rathsarchiv zu Thorn.
4) Schr. des Herzogs von Burgund an den HM. d. Gent 10 Juli 1444 Schbl. XXXIII. 8.
5) Schr. des Raths v. Danzig an den HM. d. am T. Cathedra Petri 1445 Schbl. XXXIII. 128.
6) Eine Menge von Klagartikeln der Hollander gegen die Danzi⸗ ger o. D. Schbl. XXXIII. 84.
Verhaͤltniſſe mit Holland. (1445.) 81
Tagfahrten häufig zur Sprache, denn auch die Staͤdte Preuſ⸗ ſens empfanden bald die Nachtheile des geſtörten Verkehres mit Holland. Man berieth ſich Über allerlei Mittel zur Aus⸗ gleichung der Irrungen.) Auf eine erneuerte Zuſage des Herzogs von Burgund und der Staͤnde von Holland, Seeland und Friesland, daß ſie den Vertrag aufrecht halten und voll⸗ führen wollten, und auf ihre Verſicherung, daß bisher nur die Widerſetzlichkeit einiger Städte, des Herzogs Abweſenheit und manches Kriegsungluͤck an der Vollfuͤhrung des Vertrages ge. hindert hätten, daß man aber Mittel finden werde, den For⸗ derungen der Staͤdte in Preuffen in beſtimmten Zeitfriſten Ge⸗ nuͤge zu leiſten, 2 ertheilte der Hochmeiſter, der das wichtige Handelsverhaͤltniß mit Holland ſehr ungern geſtoͤrt ſah, den Seefahrern aus jenen Landen von neuem ſichere Geleitsbriefe und der Praͤſident und Rath von Holland und Seeland ſag⸗ ten für die Unterthanen des Ordens daſſelbe zu.) Der Han⸗ del in Danzig hob ſich daher bald wieder mehr empor.“ Allein die bisherigen Beſchwerden und Verluſte, welche die Holländer in Preuſſen ſeitdem erlitten, hatten die Ausgleichung wieder bedeutend erſchwert, denn es ward ſelbſt uͤber Mord und Todtſchlag geklagt, der an Holländern im Hafen von Danzig verübt worden ſeyn ſollte. Die Staͤdte Hollands und Seelands erklaͤrten ſich nun zwar immer zur Vollſuͤhrung des Vertrages bereit, erhoben dabei aber die Gegenforderung, daß zuvor aller ihren Kaufleuten mittlerweile in Preuſſen zugefügte Schade und Verluſt vergütet werden muͤſſe. Die Unterhand⸗ lungen daruͤber zuerſt in Bruͤſſel mit dem Herzog ſelbſt, dann im Haag mit den Deputirten aus Holland, Seeland und
1) Die Verhandlungen darüber auf dem Tage zu Elbing Freit. vor Philippi und Jacobi 1445 Regiſtr. X. 103 — 104.
2) Die Supplication des Herzogs v. Burgund und ſeiner Lande Holland, Seeland und Friesland o. D. Regiſtr. VII. 413.
3) Schr. des Praͤſidenten und Raths v. Holland und Seeland an den HM. d. Haag 15 Juni 1445 Schbl. XXXIII. 51.
4) Schr. des Pfundmeiſters von Danzig, d. am Abend Jacobi 1445.
VIII. 6
82 Ausgleichung mit Herz, Heinrich v. Meklenburg. (1445.)
Friesland zogen ſich bis in den Anfang des naͤchſten Jahres und zerſchlugen ſich endlich ohne Erfolg, da die Holländer auf der erwähnten Forderung feſt beharrten. “
Gluͤcklicher endigten in dieſem Jahre die Verhandlungen zur Ausſoͤhnung mit Herzog Heinrich von Meklenburg. Nach⸗ dem der Herzog Boguslaw von Stettin durch Uebernahme der Compromiſſe der beiden Parteien ſeit dem Fruͤhling alles fo weit vorbereitet?) und die Streitenden ſich uͤberhaupt in ihren Geſinnungen mehr genähert, lud er den Hochmeiſter zu einem Suͤhnetag mit dem Herzog Heinrich ein.) Jener ſandte als Bevollmaͤchtigte den Oberſt⸗Trappier Wilhelm von Helfenſtein und den Domherrn Andreas Nupearti® zum Tage nach Stolpe, wo es in der Mitte des Auguſts durch des Herzogs von Pom⸗ mern Vermittelung zu einem guͤtlichen Vergleiche kam, des Inhaltes: Alle Fehde und Feindſchaft zwiſchen dem Orden und Herzog Heinrich ſeyen geſuͤhnt und beigelegt und ihre Lande und Leute hinfort nicht mehr feindlich. Werde der Or⸗ den eine Fehde zu führen oder zu jemand Mahnung haben und des Herzogs Heinrich dazu beduͤrfen, fo ſolle der Hoch⸗ meiſter es dieſem zwei Monate zuvor anzeigen und ihm denje⸗ nigen benennen, der ihm nicht Recht widerfahren laſſe, damit ſich der Herzog für den Orden um Rechtsgewaͤhrung verwen⸗ den koͤnne. Bleibe dieß ohne Erfolg, ſo ſolle der Herzog dem Orden zu Huͤlfe ſtehen und ſofern es nöthig, bewaffneten Bei⸗ ſtand leiſten. Beduͤrfe es der letztere in einer Fehde, ſo ſolle
1) Der ſehr weitlaͤuftige Bericht über die Geſandſchaft des Hans von Walde und ſeine Verhandlungen vom Septem. 1445 bis in den Januar 1446 im Regiſtr. X. 105 — 112.
2) Schr. des Herzogs v. Stettin an den Komthur v. Danzig, d. Stettin am T. Georgii 1445 Schbl. XV. 141.
3) Receß über eine gehaltene Tagfahrt Sonnt. nach Bonifacii 1445 Schbl. LX. 88. 143.
4) Schr. des Herzogs v. Stettin an den HM. d. Ruͤgenwalde Sonnab. nach Viti und Modeſti 1445 Schbl. LX. 88. 143.
5) Vollmacht für die Geſandten, d. Marienb. am T. Dominici 1445 Schbl. 33. 2.
Neuer Streit mit d. Kurfürſten v. Brandenburg. (1445.) 83
ihm jener in ſeinem Lande auch ein Schloß oder eine Stadt einräumen, um ſich von da aus gegen den Feind wehren zu koͤnnen, doch ohne daß des Herzogs Lande dabei Schaden lei⸗ den. Alle Anſprüche, die der Herzog an den Orden zu haben meine, ſollen hingelegt und beſeitigt ſeyn.) — So war die Neumark gegen einen Nachbarfürſten, der ihr lange mit feind⸗ licher Macht gedroht » Ticher geſtellt, und fie bedurfte ſolcher Ruhe jetzt mehr als je, denn ſie hatte uͤberdieß theils in einer wilden Fehde mit der unruhigen Ritterfamilie von Leccow, die mehre ihrer Staͤdte und Schloͤſſer mit Raub und Pluͤnderung heimgeſucht, 2 theils durch Straßenraͤuber und Raubgeſindel hohen und niedern Standes ſo außerordentlich gelitten und der Vogt hatte ſowohl auf die beſſere Befeſtigung feiner Schlöffer, als auf die Sicherung der Landſtraßen gegen den raubſüchtigen Adel ſo viel verwenden muͤſſen, daß er dringend den Hoch⸗ meiſter um Hülfe aus Preuſſen zu erſuchen genoͤthigt war.“) Auch die letzte Forderung des Kurfürften von Branden⸗ burg ſollte in dieſem Jahre noch befriedigt werden. Es hatte ſich indeß mittlerweile ein neuer Streit uber ſechshundert Gul⸗ den erhoben, die der Reichskanzler Kaspar Slick vom Kurfuͤr⸗ ſten und dieſer wieder zur Auslöfung der erwähnten Beſtaͤti⸗ gungsbriefe aus der kaiſerlichen Kanzlei vom Hochmeiſter for⸗ derte, obgleich letzterer die Briefe ſelbſt durch dieſe Summe dort ſchon ausgelöſt hatte. Der Kurfuͤrſt aber, über die Ver: eitlung ſeines Wunſches wegen der Neumark immer noch un⸗ willig, beſtand dennoch auf der Zahlung dieſer Summe an
1) Original des Vertrages, d. Stolpe in Vigilia Laurent. 1445 Schbl. 33. 4. Unter
8 den Anweſenden werden auch noch genannt der Komthur von Danzig Nicolaus Poſtar und Herzog Heinrich von Mek⸗ lenburg ſelbſt.
2) Schr. des Vogts v. Schievelbein an den HM. d. am T. Pu⸗ rif. Mariä 1445,
3) Schr. des Vogts der Neumark an den HM. d. Hermannsdorf
am T. Reminiſcere 1445 Schbl. XIII. 119. Schr. des Vogts v. Schievelbein an den HM. d. am T. Jacobi 1445 Schbl. XIV. 55. Regiſtr. VII. 306.
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854 Der Papft und der Orden. (1445.)
ihn, weil der Reichskanzler, wie er vorgab, ſie von ihm ver⸗ langte und der Vertrag zu Frankfurt es auch einmal ſo feſt⸗ ſetzte. Man ſtritt ſich nun wieder Über dieſe Forderung hin und her. ) Je deutlicher aber der Hochmeiſter daraus Friede: richs Geſinnung erkannte, um fo mehr mußte er bemuͤht ſeyn, die noch übrigen funſzehntauſend Gulden am beſtimmten Tage entrichten zu können. Er ſandte deshalb ſchon im Sommer den Komthur von Althaus nach Deutſchland, um dort wo möglich zehntauſend Gulden bei Fuͤrſten oder den Gebietigern aufzubringen. Allein von dort kamen nur troſtloſe Nachrichten und überall abſchlaͤgige Antworten.) Indeß gluͤckte es dem Meiſter auf andern Wegen die nöthige Summe herbeizuſchaf⸗ fen und durch Borgen das Fehlende zu ergänzen, ) fo daß auch die letzte ‚Hälfte der vertragsmaͤßigen Abſtandsſumme puͤnkt⸗ lich entrichtet werden konnte. Der Streit aber wegen der ſechs⸗ hundert Gulden dauerte noch fort.“
Um dieſe Zeit trat aber auch die damalige Kirchenſpaltung, indem ſeit mehren Jahren zwei Paͤpſte, Eugenius der Vierte und Felix der Fuͤnfte im Regimente der Kirche einander gegen⸗
1) Daruͤber eine Botſchaft des Vogts v. Dirſchau an den Kur⸗ fürften zu Oſtern 1445 Regiſtr. VII. 302. Schr. des Kurfuͤrſten Friede⸗ rich an den Vogt der Neumark, d. Berlin Mont. Bartholom. Abend 1445 Schbl. XII. 4.
2) Schr. des Komthurs v. Althaus, d. Köln Mittw. nach Petri Vincula 1445 Schbl. XXXIM. 52. Schr. feines Dieners an d. HM. d. Horneck Freit. vor Aſſumt. Mariä 1445 Schbl. Deutſchmeiſt. 83. Er ſchildert die Geldnoth in Deutſchland als faſt beiſpiellos.
3) Schr. des Komthurs v. Elbing an d. HM. d. Holland Sonnt. nach Michaeli 1445 Schbl. XIII. 145. i
4) Aufträge des HM. an den Vogt v. Dirſchau wegen Sahlung der 15,000 Gulden, Freit. vor Simon u. Juda 1445 Regiſtr. VII. 359. Man ſieht auch aus der Aengſtlichkeit des HM. wegen der aus⸗ zuſtellenden Quittungen, wie wenig er dem Kurfuͤrſten in der Sache traute. Die Quittung des Kurfuͤrſten, d. Frankfurt Mont. nach Leonis 1445 Schbl. 44. 3. Wir haben aber ein Notariatsinſtrument vom 9 Novemb. 1445 Schbl. 44. 4, nach welchem die Zahlung unzweifelhaft an dem eben genannten Tage geſchah.
Der Papft und der Orden. (1445,) 85
Über ſtanden, für den Orden einflußreich hervor. Wie die meiſten Deutſchen Fuͤrſten hatte auch der Orden zu den beiden Paͤpſten ſich mehre Jahre hindurch in einer gewiſſen neutralen Stellung gehalten, zumal da die kirchlichen Verhäͤltniſſe des Landes um dieſe Zeit wenig Anlaß zu Verhandlungen mit dem Roͤm. Hofe dargeboten. Seit dem Reichstage zu Nürn⸗ berg im vorigen Jahre und ſeit der durch Aeneas Sylvius be⸗ wirkten Annaͤherung des Röm. Königes Friederich auf die Seite Eugenius des Vierten D trat nicht nur von ſelbſt die Nothwen⸗ digkeit einer beftimmten Entſcheidung fuͤr die eine oder die an⸗ dere kirchliche Partei hervor, > ſondern der Roͤm. König hatte ſich bereits im Frühling dieſes Jahres auch ausdrücklich an den Hochmeiſter mit der Aufforderung gewandt, daß der Orden und die Prälaten Preuſſens ſich Öffentlich fur ihn und den Papſt oder wie es hieß „für das Reich und die heilige Roͤm. Kirche“ erklaͤren möchten. Was den Orden ſelbſt betraf, ſo hatte man im oberſten Seieign Hl zr ſchon den Be⸗ ſchluß gefaßt, man wolle ſich für den Papſt Eugenius und den Roͤm. König entſcheiden, und als der Hochmeiſter jetzt auch die Landesbiſchoͤfe um ihre Erklaͤrung erſuchte, ertheilten ſie alle die Zuſicherung, daß ſie in jeder Hinſicht des Hoch⸗ meiſters und feines Ordens Beiſpiel folgen würden. 3) Indeß gingen die kirchlichen Parteihaͤndel in Deutſchland auch noch im Sommer ſo wild durch einander und der Papſt Eugenius zeigte ſich in den Deutſchen Angelegenheiten oft noch ſo wenig gefügig, daß der Hochmeifter für nöthig fand, in der Kirchen: fache immer noch mit großer Vorſicht zu Werke zu gehen, wes⸗ halb er ſich auch immer die genauſte Kenntniß der Vorgaͤnge
1) Bowers Hiſtorie der Rom. Päpfte B. IX. S. 279.
2) Pfiſter Geſch. der Deutſchen B. III. S. 506 — 507.
3) Schr. des Ord. Marſchalls, d. Koͤnigsberg am Pfingſtabend 1445 Schbl. LXXIII. 116. Schr. des Biſchofs Nicolaus von Sam⸗ land an d. HM. d. Königsberg am Pfingftabend 1445 Schbl. LXVII. 35. Schr. des Biſchofs v. Kulm, d. Löbau Sonnt. nach Corpor. Chr.
1445 Schbl. LXIV. 45; die übrigen Schreiben in der Sache Schbl. LXIV. 47. LXV, 3, LXVI. 179,
86 Der Papft und der Orden. (1445.)
in den kirchlichen Verhaͤltniſſen Deutſchlands zu verſchaffen ſuchte.) Der Papft ſelbſt aber wuͤnſchte den Orden fir ſich zu gewinnen. Als daher auch die Bewohner Pommerellens ſich der Leiſtung aller Zoͤlle zu entſchlagen ſuchten, behauptend, daß ſich die Zollfreiheit des Kulmerlandes auch auf ihr Gebiet erſtrecke und der Magdeburger Schoͤppenſpruch auch auf fie An⸗ wendung finde, ließ ſich der Papſt auf die Klage des Hoch⸗ meiſters ſehr bereitwillig finden, durch eine Bulle den Biſchof von Ermland und die Pröpfte von Brandenburg und Erm⸗ land mit einer gruͤndlichen Unterſuchung der Sache zu beauf⸗ tragen und ſie zu erſuchen, die Bewohner Pommerellens mit aller Strenge zu ihren Verpflichtungen anzuhalten, ſofern ſich ihre Befreiung von Zoͤllen nicht erweiſen laſſe.) Aber auch die Schlichtung des Streites zwiſchen dem Orden und den Kulmern hatte der Papſt den erwaͤhnten Praͤlaten uͤbertragen und zugleich auch den Rom. König erſucht, feiner Seits eben⸗ falls thaͤtig mitzuwirken, daß ein entſcheidender Ausſpruch ge⸗ ſchehe und deſſen Ausfuͤhrung aufrecht erhalten werde. Der Biſchof Franciſcus von Ermland ſtand daher jetzt vor allen dem Hochmeiſter mit reifem Rathe zur Seite; auf ihn legte dieſer immer auch beſonders großes Gewicht und ſein Urtheil gab in den wichtigſten Dingen meiſt den Ausſchlag.) Er war es auch, der den Hochmeiſter mit Rath unterſtuͤtzte, als in dieſem Jahre wieder neue Anforderungen theils wegen Er⸗ hebung des Peterspfenniges, theils wegen Einſammlung und Abzahlung des Ablaßgeldes von paͤpſtlichen Beamten nach Pomimerellen und Preuſſen ergingen, denn während der Hoch⸗ meiſter ſelbſt oft mit der groͤßten Geldbedraͤngniß kaͤmpfte,
1) Schr. des Bartholom. Liebenwald an den HM. d. Leipzig Freit. vor Jacobi 1445.
2) Die Bulle des Papſtes, d. Romae VII Cal. Jun. p. a. de- cimo quinto 1445 Schbl. XI. 10.
3) Die an den Roͤm. König gerichtete Bulle, d. Romae Idus Ju- nil p. a. decimo quinto 1445 Schbl. XII. 15.
4) Schr. des Ord. Marſchalls an den HM. d. Beiſten Dienſt. nach Jacobi 1445 Schbl. LXVI. 176.
Der Hochmeifter und die Stände, (1445.) 87
quälten jene Beamten, beſonders auch der Erbkaͤmmerer Kon: rad von Weinsberg ihn und das Land fort und fort mit ihren Forderungen.) Ja dieſer letztere, deſſen Anfprüche der Hoch? meifter ſchon mehrmals durch foͤrmliche Proteſtationen zuruͤckge⸗ wieſen, ohne auf die Mahnſchreiben der Reichsfurſten und ſelbſt des Nom. Königes zu achten, trat jetzt ſogar mit der Drohung hervor, er werde, ſofern ihn der Meiſter in ſeinen Forderungen nicht befriedige, ſich durch Plünderung des Eigen⸗ thums des Ordens und deſſen Unterthanen, wo er es finde, ſelbſt feine Bezahlung verſchaffen, 2) und in der That erließ er auch bald das Geſuch an den Herzog von Burgund, ihm zu erlauben, die Guͤter und Waaren aller Ordensunterthanen aus Preuſſen und Livland, die in ſeinen Landen Handelsge⸗ ſchäſte betrieben, mit Beſchlag belegen und ſich daran beſriedi⸗ gen zu duͤrfen, was der Herzog jedoch nicht zugab. 9 Unterdeſſen waren auch die Städte Thorn und Kulm, jetzt faſt noch die einzigen, die mit dem Meiſter im Zwiſte lebten, in ihren Beſtrebungen nicht unthaͤtig geblieben. Da es ihnen nicht gelungen war, die Ritterſchaft fuͤr ihre Sache zu gewin⸗ nen, ſo ging ihr Bemuͤhen darauf hin, wenigſtens die kleinern Staͤdte wieder mehr auf ihre Seite zu ziehen. Es fand zwi⸗ ſchen ihnen und den Abgeordneten von Graudenz, Strasburg, Rheden, Neumark u. a. eine Tagfahrt zu Kulmſee wegen Be⸗ rathung uͤber das Landesregiment Statt; allein die kleinern Städte trennten ſich bald wieder, ein Beweis „daß ihnen das Streben jener Städte nicht zufagte. ) Als daher in der Mitte
1) Schr. des paͤpſtl. Kaͤmmerers u. Nuntius Andreas an die Geiſt⸗ lichen der Dioͤceſe Leſlau, d. Posnanie XVI April 1445 Schbl. LXIII. 27. Schr. des Pfarrers v. Danzig an den HM. d. Danzig am T. Annaͤ 1445 Schbl. LX. 26.
2) Mahnſchreiben Konrads v. Weinsberg an d. HM. d. Weins⸗ berg Dienſt. Matthaͤi 1445 Schbl. LXIII. 128.
3) Schr. des Herzogs Philipp v. Burgund an d. HM. d. Bergen im Sepr. 1445 Schbl. XXXIII. 11,
4) Schr. des Komthurs v. Rheden, d. Hof Beißen am Abend Aſſumt. Mariä 1445 Schbl. LXXX. 41.
88 Der Hochmeiſter und die Stände, (1445.)
des Septembers abermals ein Verhandlungstag mit Thorn und Kulm gehalten ward, erklaͤrte ihnen der Meiſter mit feſtem Muthe: er habe ſich in ihrer Streitſache bei Geiſtlichen und ge⸗ lehrten Laien vielfach Rathes erholt; er werde und koͤnne nach ſeinen Privilegien ſie vom Pfundzolle nicht frei ſprechen, denn er habe ein vollkommenes Recht dazu. Auf den Spruch der Magdeburger, die nicht feine Richter ſeyen, koͤnne er kein Ges wicht legen. So ſchied man wieder ohne Suͤhne.) Obgleich nun aber die Staͤdte ausdruͤcklich den Wunſch erklaͤrt hatten, ihre Sache moͤge im Lande entſchieden werden, damit ſie nicht vor den Roͤm. König gebracht werden muͤſſe, fo war fie den⸗ noch bereits zu des Roͤm. Koͤniges Kenntniß gekommen und zwar, wie es ſcheint, in einem ſuͤr den Hochmeiſter nicht guͤn⸗ ſtigen Lichte; er war beim Koͤnige angeklagt, daß er mit ſei⸗ nen Landen beſtaͤndig in großem Unfrieden lebe und von allem Hader und Zerwuͤrfniſſe ſelbſt die Schuld trage. Da traten aber, als dieß in Preuſſen bekannt ward, alle Staͤnde ihn vertheidigend und rechtfertigend auf, ein Beweis, mit welchem gluͤcklichen Erfolge ihm ſein biederer, offener Character und feine gerechte und wohlwollende Geſinnung überall ſchon Ver⸗ trauen erworben. Der Biſchof Johannes von Kulm ruͤhmte in einem Schreiben an den Roͤm. König und die Kurfürften: „nachdem wir nach ſchul diger, udien und rechter Liebe und Freundſchaft, die wir zu dem Herrn Hochmeiſter billig um ſeiner uͤberſchwenglichen Guͤte willen haben, die er uns und allen den Unſrigen als ein guͤtiger und gnaͤdiger Herr und Beſchirmer von Anbeginn, auch von den Zeiten her, da er noch in niederem Stande und Weſen war und vielmehr, ſeit er in ſolch ein hochwuͤrdiges Weſen geſetzt und erhoben wor⸗ den, erzeigt hat und taͤglich fortfaͤhrt zu erzeigen, ſolche er⸗ dichtete Sagemaͤhrchen auf ſeine Liebe und Guͤtigkeit ungern
1) Schr. des Komthurs v. Balga, d. Bartenſtein am T. Augu⸗ ſtini 1445 Schbl. LXVI. 184. Bericht über die Verhandlungen des HM. mit den Staͤdten Thorn u. Kulm zu Preuſſiſch⸗Mark Donnerſt. nach Kreuz⸗Erhoͤh. 1445 Regiſtr. X. 97 — 99.
Der Hochmeiſter und die Stände, (1445.) 89
und mit ſchwerem Gemuͤthe und Bitterkeit gehört und vernom⸗ men haben, fo erklaͤren wir offen, daß der Herr Hochmeiſter mit uns und ſeinen Landen und Leuten in rechter, lauterer Liebe und Freundſchaft lebt und wir haben auch in Wahrheit vernommen und erfunden, daß ſeine Herrlichkeit nach lauterer, rechter Liebe, Eintracht und Freundſchaft nach ſeinem hoͤchſten Vermoͤgen Tag und Nacht geſtanden und gewacht hat, denn alle Spaͤne und Widerwillen, die in vergangenen Zeiten in ſeinem Orden und zwiſchen ſeinen und ſeines Ordens Landen und Städten erweckt worden waren, hat er mit Gottes Hülfe bei feinen Zeiten mit forgfältigem Fleiße hingelegt, zerſtoͤrt und getilgt und lautere Liebe und Eintracht gemehrt und bearbeitet, ſo daß, Gott ſey gelobt, ſolche große Liebe, Eintracht und Ge⸗ horſam in feinen Landen iſt und durch ſeine Gnade taͤglich ge⸗ mehrt, gehalten und regiert wird, das in Wahrheit beweislich iſt, als bei Menſchengedenken jemals in denſelben Landen und Städten gehalten und regiert geweſen iſt.“ V Aber nicht bloß dieſer Biſchof, ein Mitglied des Ordens, ſprach mit ſolchem Lobe von des Meiſters Verdienſten, ſondern auch der Landrich⸗ ter, der Bannerführer und die geſammte Ritterſchaft des Kul⸗ merlandes erſuchten gleichmaͤßig den Roͤm. Koͤnig und die Kur⸗ furſten, den ihnen zugebrachten Gerüchten von der Zwietracht
zwiſchen ihnen und dem Hochmeiſter keinen Glauben zu ſchen⸗ ken, betheuernd, daß
heue ſie nie mehr als jetzt bereit und willig feyen, ſich in aller Weiſe gegen den Meiſter als gute und ges treue Unterthanen zu bezeigen und alles zu leiſten „was fie von Rechts wegen ſchuldig ſeyen, da er ihnen taͤglich ſeine Liebe und Güte beweiſe. ) Selbſt Thorn und Kulm und die ubrigen Städte im Kulmerlande widerlegten in beſondern Schrei⸗ ben an den Röm. König die falſche Angabe, daß ſie mit dem Hochmeiſter fortwährend in Hader und Zwietracht ſtaͤnden, be⸗ 1) Schr. des Biſchofs von Kulm an den Röm, König, die Kur⸗ en u. ſ. w. d. Mont. nach Martini 1445 Schbl. LXIV. 46.
2) Schr. des Landrichters u. ſ. w. an den Roͤm. König u. a. d. Beltſchen im Kulmerlande am Abend Eliſabeth 1445 Schbl. LXXVI. 21,
fürft
90 Der Hochmeiſter und die Stände. (1445.)
zeugend, daß dieſer ihr Herr ihnen taͤglich Beweiſe ſeiner Huld und feines Wohlwollens gebe und ein wahrhafter Beſchuͤtzer und Beſchirmer ihres Landes ſey.)
Dieſe Zeugniſſe uber feine Geſinnung und den Geiſt ſei⸗ ner Verwaltung mochten gerade jetzt dem Meiſter um ſo er⸗ wuͤnſchter ſeyn, da ihn der Roͤm. König in einer langwieri⸗ gen Proceßſache mit einem gewiſſen Heinrich Scholim (die ubrigens geringe geſchichtliche Wichtigkeit hat) focben vor Ges richt geladen hatte, denn ermuthigt durch die erwaͤhnten Er⸗ klaͤrungen ließ er den Roͤm. Koͤnig erſuchen: er moͤge die La⸗ dung zurücknehmen und ihn nicht aus ſeinem Rechte draͤngen, zumal da auch der Gegner von ihm ans Recht gewieſen ſey und ſolches angenommen habe; ſeit Menſchengedenken habe man von keinem Kaiſer oder Koͤnige gehoͤrt, der einen Hoch⸗ meiſter vor Gericht geladen und aus ſeinem Rechte gedraͤngt habe; ſo moͤge auch er ſeiner Seits einen Hochmeiſter achten und halten, wie es ſeine Vorfahren gethan und beim Reiche herkoͤmmlich ſey. Daß der Klaͤger ihm mit ſeiner Klage un⸗ ‚recht thue, beweiſe die Liebe und Eintracht, in der er allzumal mit ſeinen Praͤlaten, Gebietigern, Landen und Staͤdten lebe.) — Der Hochmeiſter verdiente auch dieſe Anerkennung des Landes in vollem Maaße, denn, um hier nur des einen zu erwaͤhnen, welche Verdienſte erwarb er ſich allein ſchon um Handel und Schiffahrt durch ſeine in Verbindung mit dem Biſchofe von Ermland drei Jahre lang fortgeſetzten Bemuͤhungen um die Verbeſſerung des Tiefs auf der Friſchen Nehring, auf welche ſchon in dieſem Jahre bedeutende Summen verwandt wur⸗ den, 9 waͤhrend zugleich auch die Nogatdaͤmme und ein gro⸗
1) Schr. des Rathes v. Thorn, Kulm u. anderer Städte u. Rit⸗ ter des Kulmerlandes an den Roͤm. König d. am Abend Elifaberh 1445 Schbl. LXXVI. 21 — 23.
2) Die dem Pfarrer von Danzig bei dieſer Sendung ertheilten Aufträge, d. Donnerſt. vor Katharina 1445 Regiſtr. VII. 368 — 387.
3) Ueber die Verbeſſerungen des Tiefs Schr. des Biſchofs v. Erm⸗ land an den HM. d. Heilsberg am Aſchtage 1445 Schbl. XLV. 21.
Verhaͤltniſſe d. Ordens zu Litthauen und Polen. (1446.) 91
ßer Waſſerſchaden am Ordenshauſe Schwez und an der dorti⸗ gen Stadt nicht geringe Kraͤſte in Anſpruch nahmen, weil der letztern beinahe der gaͤnzliche Untergang drohte. „
Mittlerweile traf in Preuſſen die Nachricht von der un⸗ glücklichen Schlacht bei Varna ein, in welcher der König Wla⸗ dislav von Polen gegen die Tuͤrken gefallen war. Man hatte bereits auf einem Reichstage zu Siradz den einzigen noch üͤbri⸗ gen Bruder des genannten Koͤniges, den Großfürften Kaſimir von Litthauen zu deſſen Nachfolger erwaͤhlt; Bedenklichkeiten aber über den wirklichen Tod des Bruders hatten dieſen bisher abgehalten, die Krone ſofort zu übernehmen. ? Da kam im Anfange des Jahres 1446 eine Botſchaft des Großfuͤrſten an den Hochmeiſter, ihm zu verfündigen, daß eine Geſandtſchaft aus Polen, an deren Spitze die Koͤnigin, ſeine Mutter und der Erzbiſchof von Gneſen, im Herbſt zu ihm gekommen ſey, mit der Aufforderung, ſich nach Polen zu begeben und nach der Wahl der Reichsgroßen den Thron des Reiches in Beſitz zu nehmen; vorerſt jedoch habe er, in Ungewißheit, ob ſein Bruder nicht vielleicht noch lebe und weil er nicht auf deſſen Stuhl ſitzen wolle, den auf einem Tage zu Wilna verſammel⸗
ten Großen Litthauens verſprochen, das Land nicht zu verlaſ⸗
ſen. Des Herzogs Switrigal Sendbote meldete zugleich, ſein Herr ſey des Großfürften getreuer Diener geworden und erſuche den Hochmeiſter, daß auch er des Großfurſten Freund und Gönner bleiben möge, Der Meifter ſprach ſich aͤußerſt freund: lich uber des Herzogs gütige Geſinnungen aus. Zur Beſeiti⸗ gung der Klagen der Litthauer, beſonders des Kaufmannes zu
Schr. des Ord. Marſchals an d. HM. d. Koͤnigsb. am T. Auguſtini 1445 u. Kaporn D
onnerſt. nach Aegidii 1445 Schbl. LXXII. 55, LVII. 20. Die Koſtenberechnung Schbl. LXXII. 51.
1) Schr. des Komthurs v. Schwez an d. HM. d. Sonnt. vor Margaretha 1445 Schbl. LIX. 17. 18. Schr. des Komthurs v. Rag⸗ nit, d. Labiau Mittw. nach Aſſumt. Maria 1445 Schbl. LVIII. 11.
2) Dlugoss. T. II. p. 3 — 6. 9 — 10. Kojalowicz P. II. b. 195 — 196.
92 Berhältniffe d. Ordens zu Litthauen und Polen. (1446,)
Wilna uͤber die ſchon fruͤher beruͤhrten Handelsbeſchraͤnkungen in Danzig ſchlug er einen Verhandlungstag zu Memel vor, wohin beide Theile ſachkundige Maͤnner ſenden ſollten, um die Klagen in naͤhere Berathung zu ziehen.) Dann aber ließ der Großfuͤrſt insgeheim dem Meiſter auch das Geſuch vorle⸗ gen, mit ihm in ein engeres Buͤndniß zu treten, wie es zwi⸗ ſchen ſeinem Vetter und dem Hochmeiſter Paul von Nußdorf beſtanden, alſo daß beide gleiche Freunde und gleiche Feinde erkennten. Aus der Bitte, man moͤge die Werbung durchaus geheim halten und nur an wenige Gebietiger bringen, ſchloß der Meiſter, daß der Großfuͤrſt dieſes Buͤndniß vorzüglich we⸗ gen ſeiner Verhaͤltniſſe zu Polen wuͤnſche, denn unzufrieden wegen ſeiner fortwaͤhrenden Weigerung in der Uebernahme der Krone traf man dort bereits Anſtalten zu einer neuen Koͤnigs⸗ wahl und dachte dabei vorzüglich an den Kurfuͤrſten Friederich von Brandenburg.) Schon darum ſchien dem Hochmeiſter die Sache hoͤchſt bedenklich; er ging mit den erſten ſeiner Ge⸗ bietiger zu Rath und ließ dem Großfuͤrſten die Antwort brin⸗ gen: „die Botſchaft greife weit; der Orden ſtehe mit Polen und Litthauen in ewigem Frieden, den er auch fortan zu hal⸗ ten gedenke; der Großfuͤrſt moͤge ſich naͤher erklaͤren, wie die Verbindung ſeyn ſolle; darnach werde der Meiſter ſich richten; werde ſie dem ewigen Frieden unſchaͤdlich ſeyn, ſo wolle man weiter unterhandeln.“ ?) Kaſimir indeß hielt nicht für rath⸗ ſam, die Unterhandlung weiter fortzufuͤhren. Doch wurde da⸗ durch das freundliche Verhaͤltniß beider Fuͤrſten keineswegs ge⸗ ſtoͤrt, vielmehr gelang es dem Hochmeiſter, auch den Herzog Georg, der ſich an ihn um Vermittlung gewandt, mit dem Großfuͤrſten auszuſoͤhnen, fo daß auf feine Fuͤrbitte jener fein
1) Die Verhandlungen mit den Litthauiſchen Sendboten Sonnab. nach heil. drei Koͤnige 1446 Schbl. XVII. 106. Regiſtr. VII. 427 sequ. 2) Dlagoss. T. II. p. 11 sequ. Kojalowicz P. II. p. 198.
3) Die Verhandlungen Regiſtr. VII. 435 — 436. 618. Der HM. ließ dem Großfuͤrſten die Antwort durch den Komthur v. Ragnit über bringen.
Verhättniffe d. Ordens zu Litthauen und Polen. (1446,) 93
vaͤterliches Erbe jetzt wieder erhielt) Es glückte ihm ferner auch, zur Beſeitigung der obwaltenden Handelsbeſchwerden den Großfürften zu einem gemeinſamen Verhandlungstage zu ge⸗ winnen.) Er fand einige Wochen nach Pfingſten an der Gränze Statt, wohin der Hochmeiſter als Bevollmächtigte den Biſchof von Samland, den Ordensmarſchall, den Komthur von Ragnit u. a. geſandt hatte.) Allein die Machtboten des Großfürften, an deren Spitze der Biſchof von Wilna, leg⸗ ten das meiſte Gewicht auf die Berichtigung der Landesgraͤn⸗ zen, worüber man ſich auch vereinigte; in Ruͤckſicht der nicht minder wichtigen Handelsverhaͤltniſſe dagegen, der Zölle, der Handelsbeſchraͤnkungen u. ſ. w. blieb es bei bloßen Klagen; nur über einige unbedeutende Streitfälle wußte man ſich zu verſtaͤndigen.) Die Mißhelligkeiten im Handel und Verkehr beider Laͤnder dauerten daher auch ferner fort. Man fehien ſich jetzt in Litthauen durch Repreſſalien Genugthuung verſchaf⸗ fen zu wollen, denn die Kaufleute aus Preuſſen erlitten bald in Kauen und Wilna die größten Bedruͤckungen, olne daß des Gehrer Beſchwerden daruͤber beim Großfüͤr ken Ges bör zu finden ſchienen; bald wurden die Handeiswanren aus Preuſſen mit Beſchlag belegt oder weggenommen, lald auch den Kaufleuten des Ordens die Zahlung verweigert Indeß ward doch auch dadurch das perſönlich freundſchaftlche Ver⸗ hältniß beider Fuͤrſten keineswegs geftörtz ') vielmehr als der
1) Ueber die Ausgleichung mit Herzog Georg die dem Komthur v. Ragnit Gerlach Mertz ertheilten Aufträge Regiſtr. VII. 47.
2) Schr. des Komthurs v. Ragnit, d. Labiau Sonnib. vor Mi⸗ fericord. 1446 Schbl. XVI. 25.
3) Schr. des HM. an den Großfuͤrſten, d. Marimb. Sonnab. vor Himmelf. 1446 Regiſtr. VIII. 549. Die den Geſandten ertheilten Aufträge d. Freit. vor Pfingſt. 1446 Regiſtr. VI. 441. Die Voll⸗
macht fuͤr die Geſandten, d. Mar. Pfingftabeni 1446 Regiſtr. VIII. 51 — 52.
4) Bericht des Ord. Marſchalls, d. Labiar am Abend Johannis Bapt. 1446 Regiſtr. VII. 447,
5) Schr. des HM. an den Großfürſten, d. Marienb. Donnerſt. nach Jacobi 1446 Regiſtr. VIII. 559. 560, Beſondere fand ein reger
94 Berhältniffe d. Ordens zu Litthauen und Polen. (1446.)
Hochmeiſter durch den Großfuͤrſten felbft die Nachricht erhielt, daß er zur Uebernahme der Koͤnigskrone in Polen entſchloſſen ſey und beide Lande, Litthauen und Polen unter eine Herrfchaft verbinden wolle, ließ ihm jener durch eine Geſandtſchaft ſeine große Freude daruͤber zu erkennen geben.“
Mit Polen fanden jetzt faſt gar keine Beruͤhrungen Statt. Man brachte dort den groͤßten Theil des Jahres mit Verhand⸗ lungen uͤber die neue Koͤnigswahl hin. Die waͤhrenddeß offenbar nur zur Verdaͤchtigung des Ordens dort verbreiteten Geruͤchte, daß dieſer die Thronerledigung in Polen benutzen wolle, um das Reich mit Krieg zu uͤberziehen, widerlegte der Hochmeiſter leicht durch die offene und gerade Erklärung, die er daruber an den Großfürften von Litthauen, wie an den Erzbiſchof von Gneſen erließ. „Wir haben ein offenes Land, ſchrieb er dem letztern, man kann es die Laͤnge und Breite durchziehen; das iſt uns nicht zuwider, ſondern ſehen es gerne, damit man erfahre, ob wir irgendwo Kriegsvolk verſammeln oder ſonſt feindliche Ruͤſtungen vorhaben.“ 9 Gerne bewilligte er daher auch die vom Erzbiſchofe erbetene Erlaubniß, zum Beſuche des Bildes der heil. Barbara nach Althaus kommen zu dürfen; ja er erbot ſich, dem Erzbiſchofe zu Gefallen das heilige Xild ins Haupthaus Marienburg bringen zu laſſen, denn er tand überhaupt mit dieſem in Polen hoͤchſt einfluß⸗ reichen Paͤlaten in den freundlichſten Verhaͤltniſſen, beſchenkte ihn bald u feiner Beluſtigung mit einem Paar kleinen, jun⸗ gen Affen, bald mit andern angenehmen Ehrengaben. “
Salzhandel von Dinzig nach Litthauen Statt. Schr. des HM. an den Großfuͤſten, d Rothenhaus am Abend Laurentii 1446 Regiſtr. VIII. 561.
1) Auftrige an den Geſandten Otto von Machwitz, d. Kiſchau Freit. nach Ardreü 1146 Regiſtr. VII. 446.
2) Diugoss. T. II. p. 14 — 21.
3) Schr. des HN. an d. Erzbiſchof v. Gneſen, d. Stuhm Freit. nach Aegidii 1446 Regitr. VIII. 562; ein anderes d. Mar. am Abend Simon u. Juda 1446 zdendaf. p. 368. VIII. 558 — 559.
4) Schr. des HM. an den Erzbiſchof v. Gneſen, d. Mar. am T. Johanni 1446 u. Stihm Sonnab. nach Maria Magdal. 1446
Verhältniffe d. Ordens zu Pommern. (1446.) 95
Auch mit den Herzogen von Pommern begegnete ſich der Orden in friedlichen und freundlichen Geſinnungen. Als einen beſondern Beweis von Freundſchaft nahm es der Herzog von Stolpe auf, daß ihm der Hochmeister auf die Nachricht von ſeiner Krankheit ſeine beſten Aerzte anbieten ließ; V und als der Herzog bald darauf krank zu Oliva lag, lud ihn jener nicht nur freundlichſt ein, ſich entweder zu beſſerer Pflege und Be: quemlichkeit ins Ordenshaus zu Danzig oder in die Groß⸗ ſchaͤfferei nach Königsberg zu begeben, ſondern er ſandte ihm auch, da der Herzog dort verblieb, ſeinen beſten Arzt und verſorgte ihn mit Rheinwein, gutem Meth und Erquickungen aller Art. Es war in jeder Weiſe die liebevollſte und auf⸗ richtigſte Theilnahme, die er dem Fuͤrſten in ſeinem ſchmerzli⸗ chen Siegthum bewies. ) Sie ſprach ſich auch gegen die Her⸗ zogin Maria von Stolpe aus, als der Herzog endlich ſeinem faſt jahrelangen Leiden erlag, denn mit inniger Ruͤhrung be⸗ zeugte ihr der Hochmeister, daß auch er an dem Verſtorbenen nicht ohne tiefen Schmerz einen wahrhaften Freund und bie⸗ dern Nachbar verloren. Um ſo mehr war er jetzt auch bemuͤht, die obwaltenden Irrungen zwiſchen ſeinen und der Herzogin Unterthanen fo viel als möglich auszugleichen. ©
Dagegen nahmen die Streitigkeiten mit dem Kurfüͤrſten Friederich von Brandenburg mehr und mehr eine ſo ernſte Wendung, daß der Hochmeiſter für nöthig fand, dem Vogt der Neumark den Befehl zu ertheilen, Lande und Staͤdte dort eiligſt zu einer Landſprache zuſammenzurufen, um zu beſſerer
Regiſtr. VIII. 555. 559. Schr. deſſelben an den Erzbiſchof, d. Mar. am Abend Simon u. Juda 1446 ebendaf. p. 568.
1) Schr. des pflegers v. Bütow an den HM. d. am Abend Fa⸗ biani u. Schaft. 1446 Schbl. XII. 59.
2) Schr. des HM. an den Herzog v. Stolpe, d. Waldau Mittw. nach Valentini u. Mar. nach Lucd 1446 Regiſtr. VIII. 543. 567. 572.
3) Schr. des HM. an den Herzog von Stolpe, d. Ortelsburg Donnerſt. vor Invocavit 1446 Regiſtr. VIII. 544.
4) Schr. des HM, an die Herzogin Maria v. Stolpe, d. Buͤtow Mont. vor Lucid 1446 Regiſtr. VIII. 573,
96 Verhaͤltniſſe d. Ordens zum Kurf. v. Brandenburg. (1446.)
Bewehrung der Schloͤſſer und zur Beſchuͤtzung des Landes eine Steuer und Beihuͤlfe aufzubringen. Zu dem Streite naͤmlich wegen der vom Kurfuͤrſten geforderten ſechshundert Gulden, der ſo weit getrieben wurde, daß dieſer drohte, er werde bei fernerer Weigerung der Zahlung die ganze Verſchreibung uͤber die Neumark wieder aufheben, “ war ſeit kurzem noch ein anderer hinzuge⸗ kommen. Das Schloß Santock ſollte zum Verkaufe geſtellt werden und der Hochmeiſter war nicht abgeneigt, ſolches als Ordensbeſitzung zu erwerben. Der Vogt der Neumark erhielt daruber Auftraͤge.) Gerade in der Nähe dieſes Schloſſes aber hatte ſoeben der Kurfuͤrſt den Bau einer Brucke über die Warthe auf des Ordens Ufer begonnen, deren Zweck in jeder Hinſicht ſehr bedenklich ſchien.) Des Meiſters Vorſtellungen daruͤber blieben ohne Erfolg, denn da ſchon früher dort eine Bruͤcke vorhanden geweſen, ſo erklaͤrte der Kurfuͤrſt kurz: er habe daruͤber mit dem Orden nichts zu ſchaffen und werde den Bau fortführen; ſey er vollendet, fo koͤnne deshalb verhandelt werden. Der Meiſter ſchlug vor, die beiden Streithaͤndel zum rechtlichen Erkenntniſſe des Markgrafen Hans von Branden⸗ burg, Friederichs Bruder, zu ſtellen, deſſen Urtheil er ſich gerne unterwerfe.) Er erſuchte dieſen daher um gütliche Vermitt⸗ lung.“) Der Kurfünft erklaͤrte ebenfalls, er wolle den Streit gerne zu guͤtlichem Austrage kommen laſſen und ſich mit dem Orden verſtaͤndigen, ſobald man nur feſt an der zwiſchen ihnen
1) Auftraͤge fuͤr den Vogt von Dirſchau bei ſeiner Sendung in die Neumark, d. Tapiau Donnerft, nach Valentini 1446 Regiſtr. VII. 424.
2) Schr. des HM. an den Kurfuͤrſten v. Brandenburg, d. Bran⸗ denburg am T. Scholaſticaͤ 1446 Regiſtr. VIII. 1 — 2.
3) Schr. des HM. an d. Vogt der Neumark, d. Wonsdorf Freit. nach Valentini 1446 Regiſtr. VIII. 5.
4) Schr. des HM. an den Herzog v. Stolpe, d. Mar. am T. Georgii 1446 Regiſtr. VIII. 547.
5) Schr. des HM. an den Kurf, von Brandenburg, d. am T. Scholaſticä 1446 Regiſtr. VIII. 2.
6) Schr. des HM. an den Markgr. Hans v. Brandenburg, d. Brandenburg am T. Scholafticä 1446 Regiſtr. VIII. 2.
Verhaltniſſe d. Ordens zum Kurf. v. Brandenburg. (1446.) 97
abgeſchloſſenen Verſchreibung halten werde. Da ihm der Mei: ſter dieß zuſicherte, D fo ſtellten nun beide Fürfien ihren Streit zur Entſcheidung des genannten Markgrafen. Allein obgleich der Hochmeiſter ſich alle Mühe gab, den Kurfürſten auf alle Weiſe, auch durch Geſchenke von ſchoͤnen Noffen und Falken zu friedfertigen Geſinnungen zu ſtimmen ?) und der Markgraf Hans ſich zur Ausgleichung der Irrungen auch bereit erklärte, 9 fo zog fich die Sache doch noch ſehr in die Laͤnge, zumal da bald neue Mißhelligkeiten unter des Ordens und des Kurfürſten Unterthanen wegen Ueberfällen und Plünderungen einer Aus⸗ ſohnung abermals Hinderniſſe entgegen ſtellten. 9
Wahrend dieſer Verhandlungen mit dem Auslande hatte jedoch der Hochmeiſter auch die innern Verhältniffe ſeines Lan⸗ des fort und fort im Auge behalten. Der Streit mit Kulm und Thorn mußte nothwendig bald eine Loͤſung erhalten, denn ſchon jetzt hatte er auf das ganze Kulmerland den allerverderb⸗ lichſten Einfluß; der Komthur von Thorn z. B. konnte die Noth und Armuth ſeines Hauſes nicht ſchrecklich genug ſchil⸗ dern; ſelbſt Salz und Fiſche für die Konventsbruͤder konnten nicht bezahlt werden, weil faſt gar keine Zinſen mehr entrichtet wurden, fo daß ſich der Komthur genoͤthigt ſah, Geld bei Ju⸗ den in Neſſau auf ſeinen Amtsbrief aufzuborgen.) Auf mehren Verhandlungstagen hatte der Meiſter ſich uͤber die Kul⸗ miſche Handfeſte mit den Siädten zu verſtaͤndigen geſucht, hatte
1) Schr. des HM. an den Kurf. v. Brandenburg, d. Mar. au T. Georgii 1446 Regiſtr. VIII. 31.
2) Schr. des HM. an den Kurf. v. Brandenburg, d. Mar. Dienſt. nach Trinitat. 1446 Regiſtr. VIII. 56,
) Schr. des HM. an den Kurf. v. Brandenburg, d. Mar. Sonnab. nach Jacobi 1446 Regiſtr. VIII. 85.
4) Schr. des HM, an den Markgr. Hans v. Brandenburg, d. Bordeinen Dienſt. nach Kreuz-Erhöh. 1446 Regiſtr. VIII. 110. 111.
5) Schr. des AM, an den Kurf. v am T. Andrea 1446 Regiſtr. VIII. 143.
6) Schr. des Komthurs v. Thorn an d. HM. d. Dienſt. nach In⸗ vocavit 1446 Schbl. LXXIII. 55,
VIII.
. Brandenburg, d. Sobowitz
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98 Verſuch zur Auflöfung des Bundes. (1446,)
den Papſt, den Roͤm. König, die Kurfuͤrſten u. a. als Schieds⸗ richter in Vorſchlag gebracht; alles vergeblich, weil die Staͤdte noch fort und fort auf den Ausſpruch der Magdeburger Schoͤp⸗ pen trotzten. Er wandte ſich jetzt an den Ordens⸗ Sachwalter in Rom, um über feine Auslegung der Handfeſte und die Ver: pflichtung Pommerellens zum Pfundzolle beim Papſt insge⸗ heim eine Bulle auszuwirken und fie vom Roͤm. Könige beſtäͤ⸗ tigen zu laſſen, damit auf dieſe Weiſe der Streit beendigt werde.) Allein der Tod des Sachwalters und die Schwie⸗ rigkeit, einen andern tuͤchtigen Mann fuͤr dieſes wichtige Amt aufzufinden, hinderten die Ausfuhrung. Während indeß der Meiſter durch Sendung eines Stellvertreters am Roͤm. Hofe alle Mittel aufbot, um durch große Ehrerbietungen des Papſtes Gunſt zu gewinnen und dort ſo der Entſcheidung ſeiner Sache den nöthigen Vorſchub zu geben,“ hoffte er vielleicht zuvor noch auf einem andern Wege zum erwünſchten Ziele zu ge⸗ langen.
Er faßte von neuem den Gedanken, den Bund wo moͤg⸗ lich aufzuloͤſen, ſchlug jedoch, um ſicherer zu gehen, jetzt einen andern Weg ein. Nachdem er zuvor die Geſinnungen der klei⸗ nern Staͤdte durch die Komthure ausgeforſcht und ſie zum Theil zum Austritt aus dem Bunde geneigt gefunden,) hatte er ſich an den Ritter Hans von Baiſen mit der Bitte gewandt, ihm mit Rath und That zu Huͤlfe zu ſtehen in Sachen, in denen des Ordens Rechte beeinträchtigt würden. Obgleich Bai⸗ fon eine Zeitlang vom Meiſter wie zuruͤckgeſetzt, wenigſtens nicht mehr mit dem alten Vertrauen behandelt, auch ſo krank war, daß er keinen Schritt weit gehen konnte, ſo verſagte er dennoch ſeinen Beiſtand nicht. „Es ſind heute, antwortete er
1) Schr. des HM. an Dr. Jacob Pleſker in Rom, d. Seeſten Dienſt. nach Oculi 1446 Regiſtr. VIII. 18.
2) Schr. des HM. an den Papft, d. Mar. III April. 1446 Re⸗ giſtr. VIII. 532. Die zahlreichen Aufträge für den Stellvertreter des Procurators, d. Mont. nach Judica 1446 Regiſtr. VII. 603 — 617.
3) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Menſchendorf Mittw. Annuntiat. Mariä 1446 Schbl. LX XVI. 107. 108.
Verſuch zur Auflöfung des Bundes. (1446) 99
dabei dem Meiſter, meine Gedanken, nimmer anders zu rathen, denn zu Liebe und Eintracht, jeglich Theil bei Gleich und Recht zu bleiben.“ Mit des Meiſters Plan, fo weit er ihn kannte, ſchien er nicht ganz einverſtanden; er hielt für rathſamer, daß der Hochmeiſter ſelbſt die Sache des Bundes an Lande und Städte bringe, v waͤhrend dieſer von dem Gedanken ausging, die Bundesſache von der kirchlich⸗religiͤſen Seite aus anzu⸗ greifen, worüber er ſich auch bereits mit den Pralaten des Landes, beſonders dem Biſchofe Franciſcus von Ermland * einigt.) Es war auf einer Tagfahrt zu Elbing im Anfange des April, als letzterer an der Spitze der Praͤlaten mit der Behauptung auſtrat: es ſey ihre amtliche Pflicht, zu Folge der ihnen obliegenden Sorge fuͤr der Seelen Seligkeit nach reiflicher Erwaͤgung der Sache offen zu erklaͤren, daß der Bund gegen göttliches und natünliches Recht, gegen paͤpſtliche und kaiserliche Ordnungen und Geſetze ſey. Er fügte hinzu: die Prälaten ſeyen bereit, den Verbuͤndeten die Gruͤnde dieſer Be⸗ hauptung, ſofern ſie es verlangten, ſchriſtlich zu uͤbergeben, ſie auch am Roͤm. Hofe oder anderswo von gelehrten Leuten un⸗ terſuchen zu laſſen und ſelbſt die dabei vorfallenden Koſten zu tragen. Die Verbündeten indeß, die ſich eine Mittheilung der Gründe erbeten, fühlten ſich hiedurch ſchwer beleidigt und kamen mit einer bittern Klage beim Hochmeiſter ein, daß man ſie ietzt geradezu fir Rebellen erklaͤre. Da dieſer auf ihre Frage: ob auch er der Behauptung der Prälaten beiſtimme? keine ge⸗ nuͤgende Antwort ertheilte, ſo ward die Gaͤhrung und das Murren im Lande bald ſo wild und bedenklich, daß der Mei⸗
1) Schr. des Hans v. Baiſen an den HM. d. Heſelecht Palm⸗ ſonnt. 1446 Schbl. LXXVII. 123. Wir erfabren aus dieſem Schrei⸗ ben, daß Baiſen ſchon jetzt an einer Fußkrankheit litt. Er zeigt ſich
dem HM. noch ſehr wohlgeſinnt, obgleich er ſagt: mich beduͤcht „das euer gnode glouben ken mir gekürzt hat.
2) Ganz unerweislich reichs Preuſſ. Ates Quart. des Bundes auch gebracht.“
iſt es, wenn Baczko Annalen d. Koͤnig⸗ S. 19 behauptet, man habe zur Aufloͤſung die Femgerichte gegen die Verbündeten in Anregung
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100 Verſuch zur Aufloͤſung des Bundes. (1446.)
ſter, um die Gemuͤther zu beruhigen, eiligſt bald nach Him⸗ melfahrt die Stände zu einer neuen Tagfahrt nach Elbing bes rufen mußte.) Der ſtürmiſche Unwille der Verſammelten konnte hier nur dadurch beſchwichtigt werden, daß die Prälaten eine Art von Ehrenerklaͤrung und Abbitte uͤberreichten, erklaͤ⸗ rend, daß ihre Behauptung den Bundesverwandten keineswegs zu Unehre und Unglimpf habe gereichen ſollen und fie in allen Verbündeten nur fromme und rechtſchaffene Unterthanen erkenn⸗ ten. Es ward dann aber eine neue Tagfahrt fuͤr alle Bundes⸗ verwandten anberaumt und zwar auf des Meiſters Bitte, nicht nach Marienwerder, wie die Verbündeten wuͤnſchten, ſondern abermals nach Elbing, um hier, wie dieſer beabſichtigte, die noͤthigen Maaßregeln zur Herſtellung der Eintracht und des Friedens im Lande zu ergreifen. Gegen ihn ſprach ſich daher auch immer noch das bisher bewährte Vertrauen aus, wäh: rend man der hohen Geiſtlichkeit uͤberall mit Mißtrauen ent⸗ gegentrat. )
Seit langer Zeit hatte keine Tagfahrt alles im Lande in ſo große Spannung und Erwartung verſetzt, als die jetzt be⸗ vorſtehende. Von allen Seiten wandten die Bundesverwand⸗ ten alle Mittel auf, ſie ſo zahlreich als moͤglich beſucht zu ſehen.) Alles ſtroͤmte daher zur beſtimmten Zeit in Elbing zuſammen. Die Stimmung gegen die Praͤlaten zeigte ſich zwar etwas gemaͤßigter; man nahm es dankbar auf, daß jene ſich fir die Erhaltung der Ehre und des guten Rufes der Verbuͤndeten fo genügend erklärt. Nur gegen den Biſchof von Ermland ſprach ſich der Haß und die Erbitterung ſo offen
1) Schätz p. 152. Ueber die Wirkung der Vorſtellungen d. „.a= laten bei den Verbündeten ſpricht ſich der HM. in einem Schr. an den Meiſter v. Livland, d. Mar. am 8. Tage Viſitat. Mariä 1446 Regiſtr. VIII. 71 aus.
2) Die auf der Tagfahrt zu Elbing gehaltenen Reden der Ver⸗ buͤndeten weiſen dieß deutlich aus; Schätz p. 153. Schbl. LXXVI. 93.
3) Schr. des Komthurs v. Schlochau, d. Menſchendorf Dienſt. nach Hiunnelf. 1446 Schbl. LXXVI. 115. Schr. des Raths von Kulm an den v. Thorn, d. Kulm Mont. nach Sophia 1446,
Verſuch zur Auflöſung des Bundes. (446) 101
aus, daß man ihm geradezu eröffnete, man wuͤnſche ihn von der Tagfahrt entfernt, welchem Verlangen er auch nachgeben mußte.) Da trat der Hochmeifter ſelbſt mit den Worten in die Verſammlung. 2 „Liebe Ritter und Knechte und liebe Ge⸗ treuen! Wir wollen mit euch reden und bitten euch, daß ihr das zu gut aufnehmet, denn Gott weiß, daß wir's zu euerem Beſten thun. Als euch allen wohl wiſſentlich iſt, da in un⸗ ſerm Orden etliche Zwietracht bei unſers Vorfahren Zeit ent: ſtanden war, habt ihr unter euch eine Verſchreibung und Ders einigung gethan, darum wir euch denn nicht verdenken, wenn ihr das um Gefahr willen vielleicht eures Leibes gethan habt in ſolcher Zwietracht, als es denn ſtund in unſerm Orden. Sondern nun hat Gott der Allmaͤchtige feine Gnade gegeben, daß ſolche Zwietracht, Gott ſey gelobt, mit euerem und vieler andern guten Leute Rath und Hülfe getilgt und ab iſt, deß wir euch danken als unſern lieben Getreuen. So vernehmen wir, daß man binnen und außer Landes viel Rede darauf habe und ſpreche, daß wir mit euch und ihr mit uns nicht einig ſeyen um ſolcher Verſchreibung willen. Darum, liebe Ritter und Knechte und liebe Getreuen, bitten wir euch mit begehrli⸗ chem Fleiße, ihr wollet die gedachte Vereinung abthun. Wir wollen euch wiederum eine ehrbare, billige Verſchreibung thun,